Wirtschaft + Unternehmen

Mittelstandsoffensive

Obwohl die kleinen und mittleren Unternehmen mehr als 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland ausmachen, sind sie am organisierten Kapitalmarkt noch immer deutlich unterrepräsentiert. Die fortschreitende Globalisierung und die Europäische Währungsunion haben vor allem den Großen genutzt und sie ins Blickfeld der Investoren gebracht. Kleinere und mittlere Unternehmen sind dadurch zunehmend in Vergessenheit geraten. Nicht umsonst bezeichnen Experten sie häufig als die Werte der ¿zweiten Reihe¿. Doch dies könnte sich in den nächsten Wochen und Monaten ändern. Denn Banken, Börsen und Wirtschaft haben eine große Mittelstandsoffensive gestartet.

Das Mauerblümchen-Dasein der Small Caps hat nicht nur die Kurse entsprechender Aktien gedrückt, sondern auch viele mittelständische Unternehmen von einem Börsengang abgeschreckt. Schließlich macht ein Börsengang nur dann Sinn, wenn es bei den Investoren auch genügend Interesse an den emittierten Aktien gibt. Der internationale Vergleich beweist, daß die Finanzierung für deutsche Unternehmen ein besonders großes Problem darstellt. Die Eigenkapitalquote deutscher Gesellschaften liegt insbesondere im Mittelstand oft deutlich unter dem internationalen Durchschnitt; eine Tatsache, die schon seit langem von vielen Wirtschaftsexperten kritisiert wird. Die durchschnittliche Eigenkapitalausstattung deutscher Unternehmen fiel beispielsweise 1995 mit 18 Prozent sowohl im direkten Vergleich zur USA (40 Prozent) als auch im historischen Vergleich (1964: 30 Prozent) äußerst gering aus. Ganz zu schweigen von den vielen Gesellschaften, die Eigenkapital-Quoten von unter 10 Prozent aufweisen.

Eine ausreichende Finanzausstattung der mittelständischen Unternehmen ist für die zukünftige Entwicklung unserer Volkswirtschaft aber immens wichtig. Gleiches gilt natürlich für die Unternehmen selbst. Denn nur mit einer ausreichenden Eigenkapitalausstattung können innovative Produkte entwickelt, Wachstumschancen finanziert und Expansionsstrategien verfolgt werden. Daß dies nicht nur im Interesse der Unternehmenseigner ist, zeigt ein Blick in die Statistik. Mittelständische Unternehmen beschäftigen 64 Prozent aller Arbeitnehmer und bilden rund 80 Prozent der Auszubildenden aus. Darüber hinaus ist dem unternehmerischen Mittelstand rund die Hälfte aller steuerpflichtigen Umsätze zu verdanken. Der Mittelstand ist also ein entscheidender Motor unseres volkswirtschaftlichen Wachstums.

Chance 1: Neuer Markt

Die besondere Bedeutung mittelständischer Unternehmen haben mittlerweile auch Politik, Banken und Börsen erkannt und eine Offensive zur besseren Finanzierung kleinerer und mittlerer Unternehmen gestartet. Ein spezielles Angebot für junge, wachstumsstarke Unternehmen stellt das von der Deutschen Börse AG gegründete Marktsegment ¿Neuer Markt¿ der Frankfurter Wertpapierbörse dar. Am 10. März 1997 gestartet hat diese Wachstumsbörse innerhalb weniger Monate einen ganz speziellen Charme entwickelt, der sowohl Emittenten als auch Anleger begeistert. In den vergangenen zwei Jahren haben mehr als 80 Unternehmen über den Neuen Markt Zugang zum organisierten Kapitalmarkt gefunden, um so ihre Wachstumsstrategien besser verfolgen zu können. Unter ihnen befinden sich Unternehmen mit einem Jahresumsatz deutlich unter 10 Mio Euro.

Einer der Erfolgsgaranten für das jüngste Marktsegment Deutschlands sind die strengen Zugangsvoraussetzungen, die neben einer individuellen Wachstumsstory auch die Rechnungslegung nach internationalen Standards (IAS oder US-GAAP), Quartalsberichte und regelmäßige Analystenveranstaltungen vorsehen. Damit müssen entsprechende Unternehmen am Neuen Markt deutlich mehr Anforderungen erfüllen als in anderen Börsensegmenten. Mit den sogenannten ¿Designated Sponsors¿ wurde zudem ein Instrument geschaffen, um die Liquidität der Werte zu fördern. Diese Betreuer (Banken oder Makler) sorgen unmittelbar für Liquidität im Handel, weil sie verpflichtet sind, auf Anfrage jederzeit einen Preis für die betreffende Aktie zu stellen. Eine Situation, in der ein Käufer keinen Verkäufer findet, tritt somit anders als bei vielen kleinen Gesellschaften in anderen Börsensegmenten im Neuen Markt in der Regel nicht auf.

Chance 2: Ratingagentur

Eine weitere Chance zur Verbesserung der Finanzierungschancen mittelständischer Unternehmen, die nicht nur auf innovative Wachstumsunternehmen begrenzt ist, sondern Unternehmen aller Branchen offen steht, ist die von der Deutschen Ausgleichsbank geplante Ratingagentur. Sie ist speziell auf die Bedürfnisse kleinerer und mittlerer Unternehmen zugeschnitten und soll diesen helfen, Chancenkapital zur Steigerung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit zu erschließen. Denn die namhaften Ratinggesellschaften wie Standard & Poors oder Moody¿s arbeiten nur mit international operierenden Großunternehmen zusammen, kleinere und mittlere Unternehmen haben hier kaum Aussichten auf ein unabhängiges Rating. Dieses Vakuum will die Deutsche Ausgleichsbank mit einer Rating-Agentur speziell für diese Zielgruppe füllen. Ziel ist es, durch eine bessere Vergleichbarkeit der Unternehmen und einer höheren Transparenz der Firmendaten das Interesse insbesondere ausländischer Investoren und Kapitalgeber verstärkt auf kleinere und mittlere Unternehmen zu lenken.

Der Nutzen dieser Rating-Agentur liegt damit auf der Hand: Investoren und Kapitalgeber können das unabhängige Rating zur Grundlage ihrer strategischen Entscheidungen machen. Doch auch die Unternehmen selbst profitieren von dieser Einrichtung. Denn ein gutes Rating kann für sie zu einer Art Eintrittskarte in die nationalen und internationalen Kapitalmärkte werden und so zu einer erheblichen Kostenersparnis bei der Kapitalbeschaffung führen. Zudem erhöht der strenge Finanzcheck das Renommee des Unternehmens und verbessert gleichzeitig die Verhandlungsposition in Gesprächen mit Banken und Investoren.

Chance 3: Das SMAX-Konzept

Die Deutsche Börse AG möchte nach dem Vorbild des Neuen Marktes ein weiteres Marktsegment etablieren, das die derzeitige Lücke zwischen MDax und Neuer Markt schließt und sich vor allem an mittelständische Unternehmen aus Traditionsbranchen richtet. Ziel ist es, kleinere und mittlere Unternehmen, die aufgrund ihrer Unternehmenscharakteristik nicht für ein Listing am Neuen Markt in Frage kommen, verstärkt in den Blickpunkt der Anleger zu rücken und gleichzeitig eine attraktive Alternative für potentielle, mittelständische Börsenkandidaten zu bieten. Dies verhindert einerseits eine Aufweichung des Neuen Marktes, die mittelfristig die Attraktivität dieses Marktsegments gemindert hätte. Anderseits wird dem Anleger mit dem SMAX-Konzept ein spezieller Markt für Aktien mit einem vergleichbaren Chancen-Risiko-Profil geboten. Durch die strengen Zulassungskriterien, die denen des Neuen Marktes ähneln, wird zudem die Transparenz unter den Werten erhöht. Dadurch steigt insbesondere die Attraktivität für institutionelle Anleger. Eine ganze Reihe an Fondsgesellschaften haben bereits angekündigt, spezielle Produkte für das neue SMAX-Segment anbieten zu wollen, womit automatisch Nachfrage nach diesen kleinen Wer- ten seitens dieser potenten institutionellen Anleger erzeugt werden dürfte.

Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen dürfen an der Nebenwerte-Börse notiert werden.

Der Börsengang eröffnet mittelständischen Unternehmen eine Reihe an Möglichkeiten. Denn durch das emissionsbedingt zufließende Eigenkapital wird die Position des Unternehmens gegenüber Fremdkapitalgebern gestärkt. Gleichzeitig reduziert zusätzliches Eigenkapital die Krisenanfälligkeit und erhöht somit die Chancen des Mittelstandes im Verdrängungswettbewerb zu bestehen. Durch den Going-Public wird zudem der Bekanntheitsgrad des eigenen Unternehmens erhöht, sei es durch einen Ausbau der eigenen PR-Anstrengungen, der höheren Publizitätspflichten oder einfach durch eine stärkere Präsenz in den Medien. Hinzu kommt die Möglichkeit, die Mitarbeiter über Beteiligungsmodelle stärker an das eigene Unternehmen zu binden und so gleichzeitig die Effizienz des Personals zu erhöhen. Bei Familienbetrieben dient der Börsengang auch häufig der Erleichterung der Nachfolgeregelung. Denn die Rechtsform der Aktiengesellschaft ist durch eine klare Kompetenzabgrenzung zwischen Management, Aufsichtsrat und Eigentümern charakterisiert. Demzufolge genießt der Vorstand bei unternehmerischen Entscheidungen größere Unabhängigkeit als die Geschäftsleitung einer GmbH, was die Attraktivität des Unternehmens für Spitzenmanager steigert.

Börsengang aus eigener Kraft?

Der Gang an die Börse bedarf einer umfangreichen Vorbereitung und sollte in der Regel mit externen Experten und Beratern gemeinsam durchgeführt werden. Denn bei der Erstellung des Emissionskonzepts müssen sehr viele verschiedene Aspekte berücksichtigt werden, zumal jeder einzelne Fall unterschiedlich gelagert ist. Sollten Sie daher mit dem Gedanken spielen, in absehbarer Zukunft an die Börse zu gehen, ist es empfehlenswert, ein ausführliches Gespräch mit den Beratern Ihrer Hausbank zu führen. Für die meisten großen Banken gehört das Emissionsgeschäft mittlerweile nämlich zum Alltag. Besondere Sporen bei der Betreuung des Börsengangs mittelständischer Unternehmen hat sich die DG Bank verdient (Ansprechpartner: Hans H. Trobitz, DG Bank, Am Platz der Republik, 60265 Frankfurt/Main). Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von unabhängigen Experten, die sich auf die Emissionsberatung mittelständischer Unternehmen spezialisiert haben. Fundierte Informationen zu den verschiedenen Themen rund um den Börsengang liefert Ihnen aber auch die Deutsche Börse AG direkt.

Alternativen zum Börsengang

Auch wenn die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, daß der Börsengang für mittelständische Unternehmen eine sinnvolle und attraktive Finanzierungsmöglichkeit darstellt, sollen an dieser Stelle mögliche Alternativen zum Going Public nicht verschwiegen werden. Besonders relevant erscheint hier die Finanzierung mit Hilfe von Kapitalbeteiligungsgesellschaften (Dachverband: Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften, Karolinger Platz 10, 14052 Berlin. http://www.bvk-ev.de). Diese Branche verzeichnet seit einigen Jahren eine beachtliche Entwicklung. So hat sich das Investitionsvolumen im Jahr 1997 gegenüber dem Vorjahr auf mehr als 2,3 Mrd DM verdoppelt. Hauptschwerpunkt der Transaktionen liegt auf der Veräußerung von Tochtergesellschaften, der Nachfolgeregelung oder der Bereitstellung von Risikokapital. Beteiligungsgesellschaften sind Kapitalgeber, die sich zeitlich begrenzt an der Finanzierung von Unternehmen beteiligen. Dafür werden sie am Firmenerfolg beteiligt und verlangen meist auch ein Mitspracherecht an den Entscheidungen im Unternehmen. Dies schränkt zwar zum einen die Freiheit des Unternehmens ein, zum anderen verfügen Kapitalbeteiligungsgesellschaften in der Mehrzahl der Fälle über branchenspezifisches Know-how, das sie in den Entscheidungsprozeß einfließen lassen. Teilweise stellen sie sogar erfahrene Mitarbeiter zur Verfügung.

Allerdings zielt das Engagement vieler Venture-Capital-Gesellschaften letztendlich doch wieder auf einen Börsengang des Unternehmens ab. Denn der organisierte Kapitalmarkt stellt die attraktivste Exit-Möglichkeit für Kapitalbeteiligungsgesellschaften dar. Schließlich verspricht der Verkauf der Beteiligung an der Börse den höchsten Verkaufserlös. Somit ist die Finanzierung über Venture-Capital-Gesellschaften insbesondere für jene Unternehmen interessant, die sich in der Aufbau- oder Umorientierungsphase befinden und daher derzeit (noch) nicht börsenreif sind.

¿A small business is not a little big business¿

Die hier skizzierten Anstrengungen belegen eindrucksvoll, daß sich die Finanzierungsmöglichkeiten für den deutschen Mittelstand in den letzten Jahren deutlich verbessert haben. Wurde lange Zeit die Konkurrenz in den USA um ihre Finanzierungsalternativen beneidet, verbessern die neuen Mittelstandskonzepte der Banken und Börsen die Finanzierungsaussichten der kleinen und mittleren Unternehmen. Denn längst haben die Verantwortlichen den Wahrheitsgehalt eines alten amerikanischen Sprichwortes erkannt: ¿A small business is not a little big business¿. Um aber auf die spezielle Situation des Mittelstandes eingehen zu können, bedarf es direkt auf diese Zielgruppe zugeschnittener Konzepte. Und die sind mit dem Neuen Markt, dem SMAX und der Ratingagentur für den Mittelstand nun auch in Deutschland vorhanden. Das versetzt den deutschen Mittelstand in die Lage, die an den Märkten gesehenen Wachstumschancen über eine Zuführung frischen Eigenkapitals von außen besser nutzen zu können. Voraussetzung dafür ist allerdings, die Bereitschaft neue Partner in das Unternehmen mit aufzunehmen und diese fair zu behandeln. Ein bekannter Mittelständler drückte dies einmal so aus: Besser Boß, aber nicht alleinbestimmend in einem Unternehmen, das aufgrund seiner guten Kapitalausstattung alle Marktchancen optimal nutzen kann, als Alleinherrscher in einem Unternehmen mit mangelnder Kapitaldecke, der dementsprechend nicht vom Fleck kommt.

Übrigens: Hoppenstedt informiert Sie unter http://www.aktiencharts.de im Internet regelmäßig über die aktuellen Neuemissionen. Als SCOPE-Leser haben Sie die Möglichkeit einen 14tägigen, kostenlosen und unverbindlichen Zugang auf unser Gesamtsystem zu erhalten.

Bruno Hidding/Chris-Oliver Schickentanz / April 1999

Links: http://www.aktiencharts.de

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