Wirtschaft + Unternehmen

Intensives Vorspiel

Produktentwickler und Fertigungsplaner wissen es: Wer gut vorbereitet, kommt schnell zum Ziel und zahlt später nicht drauf! Eine Regel, die Architekten immer noch zu selten beherzigen. Zum Schaden von Bauherren und Nutzern. Dabei sollten gerade komplexe Industriegebäude für den Mittelstand heute von Anfang an durchdacht werden, damit ihre Strukturen und Funktionen prozess- und zukunftsfähig sind. ¿Form follows function¿ und ¿Form follows flow¿ lauten die (keineswegs neuen) Botschaften. Um ihnen Gestalt zu geben, müssen Bauherr und Bauunternehmen gemeinsam in Klausur gehen ¿ bevor Entwerfer und Planer zu Bleistift und Maus greifen.

Die Bobinen am Hammerkopfturm haben ihr Kreisen längst eingestellt, die Kumpel Ihre letzte Schachtfahrt lange schon hinter sich. 1983 schloss Zeche Erin endgültig ihre Pforten, fast 4000 Bergleute verloren ihren Job. Genau 117 Jahre nachdem der Ire William Thomas Mulvany die ersten Schächte abteufen ließ und den Kohlefeldern um Castrop Rauxel den Namen seiner Heimat verlieh (Erin, keltisch für ¿grüne Insel¿). Heute, nach mehrjähriger Sanierung, ragt der stählerne Zeitzeuge als trotziges Industriedenkmal weithin sichtbar gen Himmel: Und weist dem Besucher den Weg zu einem neuen Gewerbepark, dessen begrünte Hügel und Ententeiche an die Landschaft Irlands erinnern sollen.

Schöne Aussichten also für Udo Hartmann und Stephan Theiß, die beiden Geschäftsführer von Vollack Rhein-Ruhr. Gemeinsam mit dem befreundeten Unternehmen Bauwens hat sich der Spezialist für mittelstandsgerechte Industrie- und Verwaltungsarchitektur ein Bürogebäude errichtet, das beispielhaft ist für viele Kundenprojekte des Unternehmens. Nach dem Bekenntnis ¿was wir anderen raten, wollen wir selbst auch tun¿ entstand ein repräsentatives Objekt mit Vorbildcharakter: ¿Hierarchiefreies Arbeiten¿ und ¿Kommunikation mit allen Sinnen¿ soll es ermöglichen; nicht nur schlüsselfertig, sondern ¿funktionstüchtig¿ sein; prozessorientiertes Arbeiten soll es unterstützen und Unternehmervisionen umsetzen. Mit anderen Worten: Flexibel in den Strukturen, offen in der Raumgebung und vorausblickend in der Technik. Hohe Ansprüche an und Grund genug für einen Besuch vor Ort.

Das Ruhr-Forum ¿ so tauften die Bauherren ihr Werk ¿ bietet in bis zu drei Geschossen Schaffensraum für 85 Planer, Architekten, Bauingenieure und Betriebswirte. Drei geometrische Einheiten prägen den Baukörper: Der zweistöckige Bauwens-Riegel bildet den Ostflügel, der dreistöckige Vollack-Kubus mit seiner quadratischen Grundfläche den Westteil. Die beiden kantigen Gebäudeteile schieben sich in einen Glasbau mit ovalem Grundriss, der beide Flügel (und Unternehmen) verbindet. Hier liegen die von den Firmen gemeinsam genutzten Bereiche: Empfangshalle, Konferenzzimmer, Sanitärräume sowie ein beeindruckender Multifunktions-Saal, von dem noch die Rede sein wird.

Bau im Industrie-Stil

Beim Eintritt durch die Glaspforte mit ihrem knallroten Portal überrascht zunächst der ebenso großzügige und helle wie auch rohe Raumeindruck. Hoch hinauf schießende Wände aus unverputzten Sichtbetonplatten, ein Boden aus ¿nacktem¿ Beton, eine stählerne Pfosten-Riegel-Fassade mit großen Isolierglas-Fenstern. Stahltreppen führen nach oben. Lichttechnik und Kabeltrassen, Lüftungsrohre und Heizungen zeigen sich dem Besucher unverkleidet. Die Architektur lässt keinen Zweifel: Dieses Unternehmen baut für die Industrie! Technik, Funktion, Material werden nicht versteckt, sondern selbstbewusst präsentiert. Und gekonnt inszeniert: Moderne, farbintensive Wandmalereien bilden einen optischen Kontrast zu den rohen Flächen.

Dieser Eindruck setzt sich fort, als uns die Dame vom Empfang in den Vollack-Kubus führt. Dort stehen wir zwar auf Teppichboden oder Parkett und das Mehrpersonen-Büro hat mit 3,5 Metern eher normale Raumhöhe. Doch auch hier sind die Wände unverputzt und die offen abgehängte Decke gibt den Blick frei auf Gitterbleche und Kabeltrassen. Bewegliche Spiralschläuche führen sämtliche Leitungen für Informations-, Licht- und Energieversorgung nach oben in den Technikraum im dritten Stock. Dennoch ist der Fußboden als Hohlraum-Boden ausgeführt. Das ist bereits ein gutes Stück Zukunftssicherheit: Wer weiß schließlich, für welche Zwecke das Gebäude in zehn Jahren genutzt wird oder wie sich Haus- und Informationstechnik weiter entwickeln?

Die Fassaden sind ein Wechselspiel aus Mauerwerk, Beton, Stahl und Glas. Fenster, die sich öffnen lassen, haben Strukturglas: Funktion sichtbar gemacht! Außen vor den Glasflächen hängen Verschattungselemente, die in Abhängigkeit von der Tages- und Kunstlicht-Situation automatisch hoch- und runterfahren oder den Stellwinkel ihrer Lamellen verändern. Geheizt wird konventionell mit Gas und herkömmlichen Radiatoren. Das ausgewogene Zusammenwirken von natürlicher Belüftung, Heizung und Verschattungssystem machen eine aufwendige (und teure) Klimaanlage überflüssig. Die komplette Haustechnik wird über den Europäischen Installationsbus (EIB) elektronisch gesteuert. Abgehängte Lichtbänder an der Decke ergänzen die mobile Direkt/Indirekt-Beleuchtung der einzelnen Arbeitsplätze.

Barrierearme Abläufe

Innerhalb der jeweils 235 Quadratmeter großen Büroebenen gibt es keine festen Wände. Daher lassen sich alle Arbeitsplätze ablauforientiert anordnen und die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern wird nicht behindert. Teams finden sich rasch zusammen, die variablen Kabelführungen machen jedes Umstellen der Arbeitsplätze mit, Hierarchien sind nicht erkennbar: Das Chefzimmer mit strenger Vorzimmerdame suche ich vergebens. Sporadisch genutzte Funktionszonen wie Garderobe, Papiercontainer, Zeichnungsarchiv oder die Konferenzzimmer befinden sich in Randbereichen oder eben im Gemeinschaftstrakt. Und die wenigen vorhandenen Innenwände, sind verschiebbar oder bestehen aus Einscheiben-Sicherheitsglas, leichtem Gipskarton oder eben Sichtbeton.

Das gesamte Bauwerk macht einen soliden, durchdachten Eindruck. Es ist kein monströser Glaspalast (hohe Reinigungskosten, problematische Klimatisierung!), sondern ein stilsicherer, mittelstandsgerechter Zweckbau. Seine innere und äußere Gestalt ist modern, abwechslungsreich und spannend. Entscheidend aber ist: Das Gebäude funktioniert. Denn offene Architektur, intelligente Haustechnik und flexibel integrierte Informationstechnik ermöglichen es, prozessorientierte und damit ¿schnelle¿ Arbeitsstrukturen zu realisieren. Der Bau verschließt sich nicht dem Wandel, sondern passt sich ihm an. Und nicht zuletzt wurden die geplante Realisierungszeit von 7,5 Monaten und das kalkulierte Budget von 5,0 Millionen Mark (ohne Grundstück) eingehalten.

All das kann längst nicht jeder Industriebau von sich behaupten. Oft genug wird während oder nach der Bauphase geändert und gestutzt, dass sich die Balken biegen. ¿Baubegleitende Planung¿ schimpft sich das dann. Das häufige Ende vom Lied: Schlecht dimensioniertes, vielfach improvisiertes Stückwerk, viel teurer als geplant, funktionstüchtig erst nach x-facher Nachbesserung und Nachfinanzierung, der Terminplan in weite Ferne gerückt. Klar, bei der Einweihung herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Man beißt die Zähne zusammen, lobt und prostet in die Kameras.

Function plus Flow

Von dieser Art zu bauen hält man bei Vollack wenig. Udo Hartmann bringt es auf den Punkt: ¿Gute Architektur muss die Funktionen eines Bauwerks abbilden und die Prozesse, die sich in ihm abspielen. Viele Architekten aber wollen das nicht verstehen. Intensives Vorbereiten ist ihnen zu aufwendig. Die meisten wollen nur entwerfen und dann möglichst rasch zur Bauausführung kommen¿. Der Industriebauer mit Stammsitz in Karlsruhe hingegen gehört zu den wenigen Unternehmen, die sich einem Gebäude über das Phase Null-Konzept nähern. Das bedeutet intensive Vorgespräche mit dem Bauherrn, bevor geplant wird! Und der Bauherr ist ¿ so betont Geschäftsführer Udo Hartmann ¿ ¿nie ein Investor, sondern immer der mittelständische Unternehmer selbst, also der Nutzer, der weiß, welche Aufgaben das zukünftige Gebäude zu erfüllen hat¿. Mit ihm und seinen Mitarbeitern erarbeitet ein Vollack-Team unter Federführung eines neutralen Moderators in einem zweitägigen Workshop schrittweise das Grundgerüst des zukünftigen Gebäudes: Visionen und Wünsche werden erfasst, bestehende Organisationsformen und Arbeitsabläufe analysiert, neue Lösungen und Alternativen diskutiert. Nach dem ersten Tag skizzieren die Architekten des Industriebauers über Nacht vorläufige Rohentwürfe, die die ermittelten Prozesse und Vorstellungen in vager Form darstellen. Sie bilden die Arbeitsgrundlage für den zweiten Tag.

Der Workshop mündet schließlich in ¿zehn Geboten¿. Sie geben vor, welche Funktionen und welchen Bedarf das spätere Gebäude erfüllen muss. Zusammen mit weiteren Rahmendaten bilden sie das Anforderungsprofil für Entwurf und Planung, und sind laut Udo Hartmann bereits so eindeutig, dass ¿sechs Wochen nach dem Workshop der Bauantrag gestellt werden kann¿. Weitere Ergebnisse der Phase Null sind ein Terminplan und ein ziemlich exakter Kostenrahmen, der ¿selten überschritten wird¿. Und Stephan Theiß ergänzt: ¿Da wir das Gebäude gemeinsam mit dem Bauherrn entwickeln und ihn anschließend auch in die Detailplanung miteinbinden, müssen wir später kaum ändern und erreichen sehr kurze Bauzeiten. Standardprojekte realisieren wir heute in fünf bis sieben Monaten¿.

Gemeinsame Grundlagenarbeit

Der Workshop bringt alle Beteiligten ordentlich ins Schwitzen. Er dient aber dazu, die Funktionen des späteren Gebäudes exakt zu definieren, die Erwartungen des Bauherrn ¿ oft genug allzu vage ¿ zu präzisieren sowie (teure) Missverständnisse und Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Auch der Blick in die Zukunft steht auf der Tagesordnung: Erwartet das Unternehmen mehr Kundenkontakte? Dann sind ein repräsentativer Empfang und ausreichend Besprechungszimmer vorzusehen. Rechnet das Unternehmen mit einem Mehr an Informationstechnik? Dann gilt es, dafür die entsprechenden Raum- und Technikkonzepte zu entwerfen. Plant das Unternehmen den Ausbau seiner mechanischen Fertigung oder der Entwicklungsabteilung? Dafür müssen hochtechnisierbare Funktionsräume nach besonderen Kriterien erstellt werden. Und so weiter und so fort. Es kann sich auch herausstellen, dass der Raumbedarf viel geringer ist als angenommen oder dass die beabsichtigte Raumaufteilung keineswegs der wirklichen Bedarfslage entspricht. Mitunter erspart die intensive Vorbereitung dem Bauherrn erheblich Kosten. Und da sich außerdem das später verantwortliche Projektteam von Vollack aus Teilnehmern des Workshops (Bauingenieur oder Architekt, Werkplaner, Betriebswirt) rekrutiert, haben die gemeinsam entwickelten Ideen gute Chancen, auch tatsächlich den Weg von der Theorie in die Praxis zu finden.

Consulting nebenbei

Dass während der Phase Null quasi nebenbei betriebsinterne Workflows optimiert, Abläufe und Wege verkürzt und organisatorische Defizite beseitigt werden, lernen die beteiligten Unternehmer schnell zu schätzen. Dafür müssten sie jedem ¿Consultant¿ ein dickes Sümmchen hinblättern. Der Phase Null-Workshop hingegen kostet maximal 15 000 Mark ¿ all inclusive! Angesichts millionenschwerer Bausummen ist das gut angelegtes Geld. Spätere Änderungen am ¿lebenden¿ Objekt kosten ein Vielfaches. Aus diesem Grund erkennen Stephan Theiß zufolge ¿immer mehr Kunden den Nutzen der Phase 0. Jene, die anfangs skeptisch waren, haben ihre Aha-Erlebnisse. Und Kunden, die ein weiteres Mal mit uns bauen, bestehen sogar auf dem Workshop. Unser Wettbewerb schüttelt zwar ungläubig den Kopf angesichts unserer intensiven Vorbereitungen. Unsere Kunden aber bestätigen uns, dass der Workshop der richtige Weg ist. Er stellt von Anfang an sicher, dass ein zukunftsfähiges, funktionsgerechtes und wirtschaftliches Gebäude entsteht.¿ 30 bis 40 solcher Veranstaltungen finden derzeit jährlich statt. Tendenz steigend.

Bei Vollack zeigt man sich nicht nur überzeugt von der Richtigkeit dieser Vorgehensweise, sondern zieht auch selbstbewusst die Konsequenzen: ¿Wer mit uns keinen Phase Null-Workshop macht, für den bauen wir nicht. Denn unser Ziel ist es, Erfolg zu bauen. Den Erfolg des mittelständischen Unternehmers und Bauherrn wohlgemerkt! Wenn wir aber nicht sicher sein können, dieses Ziel zu erreichen, lehnen wir die Zusammenarbeit ab¿, betont Geschäftsführer Udo Hartmann. Das klingt streng, ist aber eigentlich nur kundenorientiert. Denn letztlich verschafft der Workshop beiden ¿ dem (Bau-) Herrn und dem (Bau-) Meister ¿ die gewünschte Planungs- und Investitionssicherheit.

Übrigens: Den geeigneten Rahmen für den Workshop ¿ der auch für das Ruhr-Forum zum Einsatz kam ¿ bildet häufig der eingangs erwähnte Multifunktions-Saal. Der Werkstatt-Charakter dieses hohen, hellen und teilbaren Frei-Raums, seine unbehandelten Boden- und Wandflächen und seine moderne Medientechnik laden ein zum kreativen Arbeiten. Die große Glasfassade gibt die Sicht ins Grüne frei, eine Galerie erlaubt den Blick von oben und abstrakte Wandgemälde bieten überraschende Perspektiven. Gut vorstellbar, dass hier jene Bauwerke ¿erfunden¿ werden, von denen die Vollack-Architekten so gerne sprechen.

Michael Stöcker / Mai 2000

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