Wirtschaft + Unternehmen

Ferne Wolken am Horizont

Hut ab vor den Blechumformern! Was die im Gefolge der deutschen Schlüsselindustrien in den letzten Jahren hingelegt haben, ist nicht von schlechten Eltern. Von solchen Umsatzzahlen darf manch andere Zulieferbranche nur träumen. So gesehen, marschieren die größtenteils mittelständischen Betriebe der Blechumformung gut gerüstet ins neue Jahrtausend. Sie haben kräftig Selbstbewußtsein getankt. Doch Euphorie ist fehl am Platze, denn die ersten Wolken einer Schlechtwetterfront tauchen bereits auf. Harmloses Zwischentief oder schicksalhafter Konjunkturzyklus? Lesen Sie, wo die Branche im europäischen Vergleich steht, was sie erwartet und wohin sie steuert.

Gerhard Brüninghaus ist nicht mehr gut zu sprechen auf die Politiker in unserem Lande: ¿Wir Mittelständler sind es leid, Reden von Vertretern des Wirtschaftsministeriums anzuhören, die genau das sagen was wir hören wollen, allerdings mit dem Schlußsatz: Leider wäre all dies aus politischen Gründen nicht durchsetzbar.¿ Angesichts der jüngsten Konjunkturprognosen wäre es dem Vorsitzenden des Industrieverbandes Blechumformung (IBU) sicher wohler ums Herz, wenn die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland etwas mittelstandsfreundlicher ausfielen: ¿Es ist erschreckend zu beobachten, mit welcher Konsequenz Politiker aller Parteien von Förderung des Mittelstands sprechen und im Sinne einer Förderung der Banken und Großindustrie handeln¿.

Beim Wort ¿Förderung¿ denkt der Verbandsvorsitzende ¿ selbst geschäftsführender Gesellschafter eines mittelständischen Zulieferbetriebs ¿ keineswegs an teure Förderprogramme. Er hat eigentlich nur das im Sinne, was sich die gesamte deutsche Wirtschaft wünscht: Geringeren Steuerdruck, niedrigere Lohnnebenkosten, weniger Bürokratismus und Abbau oder wenigstens Vereinfachung überflüssiger Gesetze und Verordnungen. ¿Für den Mittelstand wäre es viel besser, alle Förderprogramme zu streichen und an dieser Stelle eine steuerliche Entlastung, zum Beispiel für nicht entnommene Gewinne, zu gewähren¿, so der Unternehmer und IBU-Vorsitzende.

Mittelstandsfeindlich

Kein Wunder also, wenn die aktuelle Stimmung unter den Blechumformer trotz zwei Jahren guten Umsatzwachstums im Rücken nurmehr als ¿gedämpft optimistisch¿ bezeichnet wird. Derart gemischte Gefühle spiegelt auch die letzte Verbandsumfrage vom Januar dieses Jahres wider. Zwar beurteilten noch immerhin 44 Prozent der Betriebe ihre wirtschaftliche Lage als gut und 56 Prozent als befriedigend. Doch schon für das erste Quartal erwarteten 15 Prozent eine Verschlechterung. Bis zum zweiten Quartal sind es gar 30 Prozent. Was erwartet uns gegen Ende des Jahres?

Der Optimismus begründet sich mit der derzeit noch recht guten Auftragslage und Anlagenauslastung der Betriebe. Hier profitieren die Zulieferer immer noch vom massiven Fertigungs-Outsourcing der Fahrzeugbauer. Auch der Verbandsvorsitzende erwartet für die kommenden Monate eigentlich noch ¿keine dramatischen Veränderungen¿. Ihre Dämpfer bezieht die positive Grundhaltung laut Brüninghaus einerseits durch die ¿sehr undurchsichtige und zum Teil mittelstandsfeindliche Politik der neuen Regierung¿ und ¿ sehr viel konkreter ¿ durch die sinkende Exportnachfrage sowie die eher verhaltenen Produktionsprognosen wichtiger Abnehmerindustrien: Maschinenbau, Baugewerbe und vor allem die Fahrzeugindustrie ¿ mit Abstand stärkster Abnehmer der Blechumformer ¿ rechnen dieses Jahr mit einer stagnierenden oder schlechteren Geschäftsentwicklung. Die letzen Prognosen des Verbands der Automobilindustrie von Ende Januar sehen beispielsweise beim Pkw-Exportvolumen einen Rückgang von drei bis vier Prozent und bei den Nutzfahrzeugen ein Minus von fünf bis sechs Prozent. Wachstumsimpulse erwartet man allenfalls von der Elektrotechnik.

Die blechumformenden Zulieferer kalkulieren demzufolge mit einem Umsatzrückgang von rund zwei Prozent. In Anbetracht des starken Umsatzjahres 1998 (plus zwölf Prozent!) mutet das tatsächlich zunächst wenig dramatisch an. Doch Umsätze sind eine Sache, Erträge eine andere ¿ und da geht es den Blechumformern ähnlich wie den Gießern, Schmieden oder Drehern. Die Erträge haben sich zwar seit 1997 überwiegend gebessert, entsprechen aber im Durchschnitt nach wie vor ¿nicht den aus betriebswirtschaftlicher Sicht erforderlichen Kriterien.¿ Mit anderen Worten: Unterm Strich bleibt zu wenig hängen. Und genau das kann sich für manchen Betrieb in Zukunft als Stolperstein erweisen. Dazu Verbandsvorsitzender Brüninghaus: ¿Die internationale Konkurrenz hat die Unternehmen gezwungen, ihre Marktfähigkeit durch modernste Anlagen zu erhalten. Die müssen jetzt ausgelastet werden und sind hochproduktiv. Aufgrund der geringen Umsatzrenditen muß ein immer höheres Umsatzniveau angestrebt werden, um vertretbare Gewinne zu erzielen. Dadurch gelangen immer mehr Unternehmen in Finanzierungs- und Liquiditätsengpässe.¿ Im Lichte dieses Teufelskreises betrachtet, stimmen die zwei Prozent Umsatzrückgang dann eher nachdenklich.

Wache Konkurrenz

Und die internationale ¿ allen voran die europäische ¿ Konkurrenz schläft keineswegs. Insbesondere die französischen, belgischen und niederländischen Blechumformer liegen den deutschen Zulieferern im Nacken. Denn die sind technologisch und qualitativ nahezu gleichstark, aufgrund geringerer Belastungen bei Steuern und Lohnkosten aber wirtschaftlich häufig besser dran. Italien und Spanien spielen ebenfalls eine wichtige Rolle im internationalen Zulieferkonzert; in wachsendem Maße auch Osteuropa. Wie in anderen Zulieferbereichen auch, können die Konkurrenten aus Niedriglohnländern zwar vorerst nur bei einfacheren Teilen mithalten, doch ¿es bedarf immer neuer Anstrengungen, um diesen Vorsprung zu halten¿, so Klaus Christian Lehmann, Geschäftsführer des IBU.

Der Druck der ausländischen Konkurrenten macht sich für die deutschen Blechumformer vorwiegend auf internationalem Parkett bemerkbar. Im europäischen, und insbesondere im deutschen Binnenmarkt sind die hiesigen Zulieferer dagegen traditionell sehr stark: Die direkte Importquote ausländischer Lieferanten ist noch relativ niedrig. Allerdings steigt sie leicht und man wird aufmerksam beobachten müssen, wie sich hier das weitere Zusammenwachsen Europas und die Konzentrationsbewegungen auf Abnehmerseite (Stichwort Automobil-Fusionen) auswirken.

Bislang haben die deutschen Blechumformer auch im internationalen Vergleich immer noch gute Karten. Mit modernen Maschinenparks und gut ausgebildeten Facharbeitern liefern sie kontinuierlich qualitativ hochwertige Produkte. Dabei löst die Herstellung kompletter Baugruppen die reine Einzelteilproduktion immer mehr ab. Komplexe Systeme zu entwickeln und zu fertigen, bleibt allerdings den Grossen der Branche vorbehalten ¿ also etwa Thyssen Umformtechnik, Allgeier oder Progress.

Wettbewerbsvorteile versprechen sich die Unternehmen auch von der Verfahrenskombination: ¿Ein großer Teil der Innovationsanstrengungen in der Blechumformung liegt darin, möglichst viele Fertigungsoperationen in einem Prozeß zusammenzufassen. Dadurch können Blechteile in großen Serien vergleichsweise billig hergestellt werden¿, so IBU-Vorsitzender Brüninghaus. Schon heute steht bei vielen Betrieben nicht mehr nur Stanzen und Ziehen auf dem Programm, sondern ebenso Schweißen, Gewindeschneiden, Reiben, Fließformen, Fräsen oder Fügen. Darüber hinaus forciert man die Zusammenarbeit mit den Kunden in den Bereichen Beratung und Produktentwicklung.

Globaler Preiskampf

Angesichts der angespannten Ertragslage aber bedeuten selbst kleine Investitionen für viele mittelständische Betriebe allergrößte Anstrengungen. Der Spielraum, die Kosten auf die Preise abzuwälzen, ist dabei überaus gering und wird vom internationalen Wettbewerb scharf begrenzt. ¿Fast alle größeren Abnehmer führen jährlich ,global-sourcing¿-Aktionen durch, bei denen alle größeren Umsatzträger dem weltweiten Preisvergleich unterzogen werden. Bei einer durchschnittlichen Umsatzrendite in der Branche von kleiner gleich drei Prozent ist jede Kostenveränderung kritisch¿, erklärt Gerhard Brüninghaus. Das bedeutet permanenten Preis- und Kostendruck für die mittelständischen Betriebe. Die Deutschen wirtschaften eben nicht im luftleeren Raum. Sie sind fest eingebunden in globale Märkte ¿ und damit auch in globale Krisen und globale Preisgefüge. Das müßten Politiker eigentlich gut verstehen.

Die Blechumformer in Deutschland tragen noch weitere Päckchen: Hochtechnisierte Anlagen lassen sich mit unerfahrenem und schlecht qualifiziertem Personal nicht bedienen; ein kontinuierliches Qualitätsniveau schwer halten. Die Branche plagt jedoch der Mangel an Nachwuchs und Fachkräften. Ein Schicksal, daß sie mit anderen metallverarbeitenden Industriezweigen teilt. Als ¿vergleichsweise gering¿ bezeichnet der IBU-Vorsitzende den Drang Jugendlicher nach Ausbildungsstellen in der Metallverarbeitung. Doch in den oberen Etagen scheint es ebenfalls an Mut zu fehlen: Der Generationswechsel bei Inhabern und Unternehmensführungen gestaltet sich alles andere als reibungslos. Branchenkenner Brüninghaus hält den Generationswechsel vor allem dort für kritisch, wo es nicht mehr gelingt, ¿den Nachfolgern die Nachfolge schmackhaft zu machen¿. Er befürchtet gar, daß ¿viele Unternehmen bereits tot sind, es nur noch nicht wissen¿. Der Nachwuchs winkt ab. Bei diesem widrigen Umfeld und so mageren Aussichten ¿ wen wundert¿s?

Kombinierte Verfahren

Wie also lauten die Rezepte für die Zukunft? Schwer zu sagen. Die erwähnte Kombination mehrerer Fertigungsverfahren weiter voranzutreiben und prozeßtechnisch zu optimieren, ist sicher für manche Betriebe eine Methode, die eigene Position zu verbessern. Zumal das Kapazitäten schafft zur verstärkten Produktion von kompletten Baugruppen, Großserien und komplexeren Teilen. Durch den Einsatz größerer Maschinen mit größeren Werkzeugeinbauräumen können zudem immer mehr Funktionen in einem Teil integriert werden. So lassen sich selbst aufwendige, ¿intelligente¿ Bauteile kostengünstig herstellen. Dabei werden beispielsweise immer häufiger Gewindeschneide- und Schweißoperationen in den Fertigungsprozeß auf der Presse miteinbezogen. Viele Unternehmen der Branche praktizieren das bereits. So etwa Brüninghaus & Drissner, Heinrichs, Buschhoff, Adler oder Craemer. Längst nicht alle werden da jedoch mithalten können, denn dieser Weg erfordert bisweilen erhebliche Investitionen und ist nicht ohne Risiko. Denn eine hundertprozentige Erfolgsgarantie dafür, daß sich der Kapitaleinsatz am Ende auch wirklich lohnt, gibt es freilich nicht.

Die Spezialisierung auf bestimmte Fertigungsverfahren und Produktgruppen ist ein weiterer markanter Trend in der Branche. Babock in Sachsen-Anhalt beispielsweise fertigt Komponenten, Baugruppen und Prototypen im zwei- und dreidimensionalen Laserschneiden und -schweißen. Die hohen Stückzahlen bei der Plattformentwicklung in der Automobilbranche im Auge, versuchen andere Unternehmen gezielt, diese oder jene Marktnische zu besetzen und sich hier technisch abzusichern.

Ob sich durch Werkstoff- und Verfahrens-Substitution große Zuwächse erzielen lassen, ist fraglich. Das ist eher ein ständiges Geben und Nehmen. Zwar jagen die Blechumformer den Schmieden und Gießern bisweilen kräftig Anteile ab, da es ihnen eben immer häufiger gelingt, auch komplizierte Formen zu realisieren. Andererseits erobern die Gießer gerade im Bereich komplexer Geometrien auch manche Teile wieder ¿zurück¿. Und an anderer Stelle verlieren die Blechumformer dann an die Kunststoff-Spritzgießer und -Tiefzieher. Vorteile erhoffen sich die Metallumformer durch neue hochfeste und korrosionsbeständigere Werkstoffe.

Die leistungsfähigeren Unternehmen der Branche setzen zudem auf den Ausbau ihrer Entwicklungskompetenz. Denn wie in anderen Sparten der Umformtechnik auch, fehlt es manchem Kunden an Knowhow zur optimalen Gestaltung seiner Blechteile. Vielfach ist in den letzten Jahren praxisnahes Konstruktionswissen durch frühes Ausscheiden erfahrener Mitarbeiter (Stichwort Frühpension) verlorengegangen. Die jungen Nachwuchs-Ingenieure sind ¿ wenn vorhanden ¿ zwar guten Willens, oft aber schlichtweg überfordert. Hier in die Bresche zu springen, sehen manche Zulieferer als gute Chance.

Nachholbedarf

IBU-Geschäftsführer Lehmann sieht darüber hinaus ¿Nachholbedarf beim Auslandsvertrieb¿. Die Außenhandelsquote der Branche fällt zwar positiv aus, vor allem die direkten Exporte könnten aber noch zulegen. Ihr Umsatzanteil liegt im Branchendurchschnitt derzeit bei unter 20 Prozent; mit leicht steigender Tendenz. Um hier weitere Erfolge verbuchen zu können, müssen sich die bekannten Stärken der deutschen Blechumformer ¿ Liefertreue, Qualität, Flexibilität ¿ freilich mit international konkurrenzfähigen Preisen paaren (womit wir wieder beim wirtschaftspolitischen Umfeld wären). Von Fall zu Fall mag es auch weiterhelfen, die Logistiksysteme zu optimieren. Und wer über neue Vertriebsmöglichkeiten nachdenkt, für den gehört ein professioneller Internet-Auftritt heute eigentlich schon zum kleinen Einmaleins. Ein Gesichtspunkt, den viele Firmen offenbar noch überhaupt nicht in Betracht gezogen haben.

Eines ist in jedem Fall klar: Alle Maßnahmen ¿ ob Aufbau von Entwicklungskapazitäten, Optimierung des Auslandsvertriebs oder verfahrenstechnische Innovationen ¿ kosten jedes einzelne Unternehmen sehr viel Kraft. Eine Kraft, die gerade die kleinen und mittleren Blechumformer alleine auf sich gestellt oft nicht aufzubringen in der Lage sind. Der fachliche Austausch untereinander, die gemeinsame Entwicklung von Strategien und Problemlösungen, die firmenübergreifende Kooperation ¿ über alle Konkurrenzbarrieren hinweg ¿ ist deshalb für viele Betriebe ein gewinnbringendes Vorhaben. Für einige vielleicht sogar einzige Überlebenschance.

IBU-Geschäftsführer Lehmann sieht in Sachen Kooperationsbereitschaft zwar ¿weiteren Nachholbedarf¿, erkennt aber gleichfalls, daß ¿die Erkenntnis wächst, daß man aus Kooperationen sogar mit Konkurrenten gewinnen kann¿. Know-how und Erfahrungen mit Partnern auszutauschen, erhöht seiner Ansicht nach ¿die Wettbewerbskraft gegenüber allen, die nicht mitmachen.¿ Der Industrieverband Blechumformung macht es vor: Arbeitsgruppen zu Themenkreisen wie F+E, Qualitätssicherung, Zertifizierung, Benchmarking, Einkauf, Internet-Präsenz (zusätzliches Exportwerkzeug!) oder gemeinsame Messeauftritte. Solche Maßnahmen nutzen allen Teilnehmern. Sie transferieren praktisch verwertbares Fachwissen, vermitteln Marktkenntnisse und stärken damit die Wettbewerbsposition der ganzen Branche gegenüber dem Ausland.

Gerhard Brüninghaus faßt den Kooperationsgedanken sogar noch weiter und dehnt ihn auf die verständnisvollere Zusammenarbeit mit den Kunden aus. Seiner Ansicht nach müssen gemeinsam mit den Abnehmern Wege gefunden werden, die Rentabilität der Zulieferbetriebe ¿in erträgliche Größenordnungen zu steigern. Die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Unternehmen hängt an großen Rationalisierungsinvestitionen. Diese können nur in einem Klima langfristigen Vertrauens zwischen Zulieferant und Abnehmer getätigt werden. Dafür wird derzeit wenig getan.¿

Keine Frage, es ist oft vor allem der Druck von Abnehmerseite, der die Betriebe zusammenführt. Doch manch anderer Zulieferzweig würde sich freuen über eine derart aktive Branchenvertretung. Lehmann unterstreicht den Stellenwert des Verbandes für seine derzeit 120 Mitgliedsfirmen und tituliert ihn als ¿die Schule der Kooperation¿. Damit kommt ein Selbstbewußtsein zum Ausdruck, das derzeit die gesamte Branche der Blechumformer auszeichnet. Gut denkbar, daß daraus jene Antriebskraft erwächst, mit der auch die zukünftigen Probleme bewältigt werden.


Michael Stöcker / März 1999

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