Tausende Stellen auf dem Prüfstand

Melanie Steinbeck,

Evoniks Kahlschlag: Warnsignal für die Chemieindustrie?

Evonik baut den Konzern um und schrumpft: Der Essener Spezialchemiekonzern streicht Tausende Stellen. Doch hinter dem Stellenabbau steckt mehr als ein Sparprogramm: Er ist Ausdruck einer Branche, die unter wachsendem Wettbewerbsdruck ihre Zukunft neu ordnen muss.

Evonik baut um – und schrumpft: Der Essener Spezialchemiekonzern streicht Tausende Stellen. Dahinter steht mehr als ein Sparprogramm: Es ist die Reaktion auf eine Industrie im Dauerstress. © Marc Braner/stock.adobe.com

Die Chemieindustrie galt lange als eine Branche der langen Linien. Anlagen werden für Jahrzehnte gebaut, Investitionen in Milliardenhöhe geplant, Produktzyklen über Generationen hinweg gerechnet. Doch die Wirklichkeit des Jahres 2026 sieht anders aus. Kaum ein großer europäischer Chemiekonzern kommt derzeit ohne Restrukturierungsprogramme aus. Nun verschärft auch Evonik seinen Umbau und sendet damit ein Signal weit über den Konzern hinaus.

Der Spezialchemiekonzern aus Essen kündigte Mitte Juni an, bis Ende 2029 weltweit weitere 3.200 Stellen abzubauen. Allein 2.150 Arbeitsplätze entfallen auf Deutschland. Bereits zuvor hatte das Unternehmen im Rahmen seines Programms „Tailor Made“ den Abbau von rund 2.800 Stellen bis Ende 2026 angekündigt. Insgesamt stehen damit mehr als 6.000 Arbeitsplätze auf dem Prüfstand oder sind bereits Teil laufender Restrukturierungsmaßnahmen.

Vom Sparprogramm zur Strukturreform

Die aktuelle Ankündigung markiert einen Wendepunkt. Während das 2024 gestartete Programm zunächst vor allem auf Verwaltungsstrukturen und Managementebenen zielte, greift der Umbau inzwischen deutlich tiefer in die industrielle Basis des Konzerns ein.

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Evonik begründet die Maßnahmen mit einer Kombination aus schwacher Weltkonjunktur, anhaltendem Wettbewerbsdruck und strukturellen Nachteilen des Industriestandorts Europa. Vorstandschef Christian Kullmann spricht von einem Umfeld, das durch geringe Wachstumsdynamik und zunehmende internationale Konkurrenz geprägt sei. Das Unternehmen wolle effizienter, digitaler und schlanker werden.

Die Maßnahmen umfassen neben dem Stellenabbau auch Digitalisierung, Outsourcing sowie die Prüfung weiterer Verlagerungen von Funktionen ins Ausland. Nach Unternehmensangaben sollen die Einschnitte sozialverträglich erfolgen.

Das Ende des Polyestergeschäfts

Besonders sichtbar wird der Wandel am Beispiel des Polyestergeschäfts. Evonik will die weltweit betriebenen Polyesteraktivitäten 2027 einstellen. Der Geschäftsbereich erzielt zwar noch einen Jahresumsatz von rund 150 Millionen Euro, gilt jedoch seit Jahren als nicht profitabel.

Die Konsequenzen sind erheblich: Der Standort Witten mit 266 Beschäftigten soll geschlossen werden. Weitere Stellen entfallen in Marl sowie am chinesischen Standort Shanghai. Nach Unternehmensangaben erwies sich keine der geprüften Alternativen als langfristig wirtschaftlich tragfähig.

Marl und Wesseling als Testfall

Parallel verändert Evonik die Organisation seiner großen Verbundstandorte. Die Infrastruktur- und Serviceaktivitäten der Chemieparks Marl und Wesseling wurden in die neue Gesellschaft Syneqt überführt. Rund 3.500 Beschäftigte arbeiten dort künftig in einer eigenständigen Einheit für Energieversorgung, Logistik, Sicherheit und technische Dienstleistungen. Branchenbeobachter sehen darin einen weiteren Schritt zur Fokussierung auf das eigentliche Chemiegeschäft. Zugleich eröffnet die neue Struktur perspektivisch die Möglichkeit von Partnerschaften oder Beteiligungen externer Investoren.

Die Gewerkschaft IGBCE mahnt jedoch, die Folgen für die Beschäftigten nicht aus dem Blick zu verlieren. „Die angekündigten Einschnitte sind ein harter Schlag für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Jetzt muss sich zeigen, dass die Sozialpartnerschaft trägt und die vereinbarten Schutzmechanismen konsequent greifen. Die Beschäftigten dürfen nicht allein die Lasten einer anhaltend schwierigen Marktlage tragen“, erklärt Alexander Bercht, Mitglied des Geschäftsführenden Hauptvorstandes der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie.

Ein Symptom der deutschen Chemiekrise

Der Umbau bei Evonik ist kein Einzelfall. Die deutsche Chemieindustrie kämpft seit mehreren Jahren mit hohen Energiepreisen, schwacher Nachfrage aus wichtigen Abnehmerbranchen und wachsender Konkurrenz aus Nordamerika und Asien. Unternehmen reagieren mit Kostensenkungen, Portfoliobereinigungen und organisatorischen Reformen.

Bemerkenswert ist jedoch die Größenordnung der Maßnahmen. Ende 2025 beschäftigte Evonik weltweit rund 31.000 Mitarbeiter. Die angekündigten Stellenstreichungen entsprechen damit einem erheblichen Anteil der Belegschaft. Gleichzeitig betont das Unternehmen, sich künftig stärker auf wachstumsstarke Spezialchemiegeschäfte konzentrieren zu wollen.

Konsequenzen für Labor und Forschung

Für Forschung, Entwicklung und Analytik ergeben sich daraus widersprüchliche Perspektiven. Einerseits setzt Evonik weiterhin auf technologiegetriebene Spezialchemie und hochwertige Anwendungen, deren Erfolg maßgeblich von einer starken Forschungs- und Entwicklungsarbeit abhängt. Andererseits erhöht jeder konzernweite Effizienzdruck den Rechtfertigungsdruck auf Forschungsorganisationen und unterstützende Laborbereiche.

Die Entwicklung zeigt exemplarisch, wie sich die Rolle industrieller Forschung verändert: Nicht mehr Wachstum allein bestimmt die Agenda, sondern die Frage, welche Technologien in einem verschärften internationalen Wettbewerb tatsächlich einen nachhaltigen Wertbeitrag leisten können.

Der Stellenabbau bei Evonik ist deshalb mehr als eine Personalmaßnahme. Er steht für den Versuch eines traditionsreichen Chemieunternehmens, seine Position in einer Branche neu zu definieren, deren wirtschaftliche Gewissheiten zunehmend ins Wanken geraten.

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