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Die Mutter aller Kleinbildkameras
Wetzlar, 1912: Ein Feinmechaniker feilt an einer Vorrichtung zum Belichten von Filmproben. Er ahnt nicht, dass er damit weltweite Standards setzt, die Fotografie zu einem Massengeschäft macht und dass sein Produkt Jahrzehnte überdauern wird.
Oskar Barnack ist 33 Jahre alt und leitet die Konstruktionsabteilung für Mikroskope im Unternehmen von Ernst Leitz. Da ihm sein Chef besonders vertraut, wird Barnack zusätzlich für zukunftsträchtigen Entwicklungen herangezogen. So baute er die erste Filmkamera mit Metallgehäuse für werksinterne Versuche.
Da es noch keine Belichtungsmesser gibt, müssen immer Probeaufnahmen gemacht werden, um die richtige Blendenöffnung zu bestimmen. Barnack denkt sich eine handliche Vorrichtung, mitder er Reststücke der Filme belichten kann. Also zwei Spulen für den Film, die Linse eines Kinematographen mit verstellbarer Blende, einen Schlitzverschluss und das alles in einem schwarz lackierten Messinggehäuse. Um sich einen Handgriff zu sparen, koppelt Barnack den Filmtransport mit dem Aufzug des Verschlusses; eine Konstruktion, auf die er Zeit seines Lebens stolz ist.
¿Form follows function¿. Diesen Designgrundsatz von Louis Henri Sullivan (1856 bis 1924) hat Oskar Barnack sicher nie gehört. Aber als guter Handwerker arbeitet er so. Er gestaltet sein Werkstück so gut, dass auch nach 90 Jahren den Desingern nichts besseres dazu einfällt. An der Leica M7 des Jahres 2002 erkennt man klar die Züge des Belichtungsgerätes von 1912. Selbst die Prioritäten von 1912 zeigen sich noch in den Bedienungselementen von 2002: Da Barnack die Blenden bei fester Belichtungszeit ausprobieren wollte und erst später eine Verstellung einbaute, wird die Belichtungszeit heute noch über ein fummeliges kleines Rädchen auf dem Deckel eingestellt.
Leitz verwendet bei seinen Versuchen Filme nach Edisons Norm: 35 Millimeter breit, Bildformat 18 x 24 Millimeter, 64 quadratische Perforationen pro Fuß. Barnack entscheidet sich für eine Bildlänge, die acht Perforationslöchern entspricht und kommt so auf ein Bildformat 24 x 38. Da dann die Bilder direkt aneinander stoßen würden, reduzierte er die Bildlänge auf 36 Millimeter. Die Seiten entsprechen nun dem Verhältnis 2 : 3, das Barnack als besonders harmonisch empfindet. Das Standard-Kleinbild ist geboren. Eine zweite Überlegung bestätigt, dass Barnack auf dem richtigen Weg ist: Auf den Glasplatten-Negativen hatte er immer wieder Details entdeckt, die man mit bloßem Auge nicht erkennen konnte. Mit einem Fadenzähler zählte er die Rasterpunkte einer als scharf empfundenen Zeitungsfotografie. Er kam dabei auf eine Million Rasterpunkte. Bei der Auflösung der damaligen Filmemulsionen brauchte man dazu ein Negativ von 22 x 36 Millimeter.
Bei der täglichen Arbeit mit seiner Belichtungsvorrichtung entdeckte Barnack noch viele Mängel, die er Schritt für Schritt behob. Die Belichtungszeit von 1/40 Sekunde war zu kurz, das Objektiv passte nicht und er Verschluss war nicht ausgereift.
Erste Ausflüge
Oskar Barnack litt unter Asthma, daher liebte er Wanderungen in den Bergen und im Thüringer Wald. Irgendwann kam er auf die Idee, statt seiner schweren und unhandlichen Plattenkamera im Format 13 ´ 18 Zentimeter sein kompaktes Belichtungsgerät in den Rucksack zu stecken. Die Filme waren immerhin so gut, dass man sie zu Abzügen im Postkartenformat vergrößern konnte. Ein zweites Modell dieser Kamera nahm Firmenchef Ernst Leitz mit auf eine Reise nach Amerika. Diese Kamera ist verschollen.
Am 12. Juni 1914 beantragte Ernst Leitz ein Patent auf die Kamera, erhielt aber nur einen Gebrauchsmusterschutz. Bereits 1901 hatte sich Zeiss eine Kamera mit Schlitzverschluss und gekoppeltem Filmtransport patentieren lassen. Die Kamera von Oskar Barnack war nicht die erste Stehbildkamera für Kinofilm. Bereits 1910 kam die erste auf den Markt. Doch die Zeit war noch nicht reif für sie.
Am 1. August 1914 erklärt das Deutsche Reich Russland den Krieg. Barnack fotografiert mit seiner Kamera die Mobilmachung der deutschen Truppen in Wetzlar ¿ die erste Kriegsreportage, später die Domäne der Leica. Während des Krieges arbeitet Barnack weiter an seiner kleinen Kamera, soweit ihm die Rüstungsaufträge Zeit lassen. Er entwickelt den Verschluss mit variabler Schlitzbreite bei gleicher Ablaufgeschwindigkeit. Das macht unterschiedliche Belichtungszeiten möglich und ist heute Standard in allen Spiegelreflexkameras. Auch baut er eine Platte ein, die den Film absolut plan an die Filmführung drückt; ein wichtiges Element für die Präzision der Bilder.
1923. Der Krieg ist verloren, Deutschland schwankt zwischen Resignation und Aufbruchstimmung. Ein rechtsradikaler Politrabauke ist in München mit einem dilettantischen Putschversuch gescheitert. In Wetzlar baut man derweil eine kleine Nullserie der Barnack-Kamera. Offiziell sind es 30 Kameras, nach der neuen Forschung wahrscheinlich nur 22. Profifotografen testen die Nullserie, ihr Urteil ist vernichtend: ¿Besseres Spielzeug¿. Dennoch entscheidet sich Ernst Leitz II für den neuartigen Fotoapparat. Die Unternehmensfama überliefert den Wortlaut: ¿Meine Herren, es ist jetzt 12.30 Uhr; es reicht, ich habe Hunger und entscheide hiermit: Barnacks Kamera wird gebaut!¿
1925 kommt die Kamera mit der Leipziger Frühjahrsmesse auf den Markt. Der Erfolg gibt Leitz recht: Im ersten Jahr verkauft er fast 1.000 Leicas, 1926 bereits 1.654 Stück. Für diese Zeit immense Zahlen. Wegen des ungewöhnlichen Bildformates gehört ein ganzes System zur Leica, Filmkassette, Filmentwickler, Vergrößerungsgerät und Diaprojektor.
Neuartige Kamera ¿ neuartige Fotografie
Eine neue Art des Fotografierens wird durch den kleinen, robusten Apparat möglich, die Zeitgenossen nennen es Momentfotografie. Der Bildreporter kann nun direkt am Geschehen oder mitten drin Bilder aufnehmen, ohne mit Stativ, großem Kasten und qualmendem Blitzlicht aufzufallen. Einer der Pioniere dieser Art ist Dr. Erich Salomon. Der promovierte Jurist ist durch die Wirtschaftskrise arbeitslos und arbeitet als Fotoreporter. Der distinguierte Herr fällt weder im Reichstag auf, noch im Buckingham Palace oder auf internationalen Abrüstungskonferenzen. So kann er mit seiner Leica die Mächtigen der Welt ohne Posen aufnehmen. Die Zeitschriften reißen ihm diese beispiellosen Bilder förmlich aus der Hand, Pressefotografen und Filmemacher in aller Welt orientieren sich an den deutschen Illustrierten. ¿Leica-Foto¿ wird zum Stilbegriff. 1944 stirbt Dr. Erich Salomon wegen des Rassenwahns des Politrabauken in Auschwitz.
Besonders repräsentationsfreudige Zeitgenossen können seit 1929 ihr Geld in einer vergoldeten Leica mit Eidechsenleder anlegen. Heute erzielen diese Kameras bei Sammlern astronomische Preise und werden daher gerne gefälscht.
1931 die nächste Revolution: Die erste Kleinbildkamera mit auswechselbaren Objektiven. Das Gewinde M 39 wird ebenfalls zum weltweiten Standard. Allerdings müssen die Objektive der jeweiligen Kamera angepasst werden.
Um die Objektive scharf einstellen zu können, nutzen viele Fotografen einen Entfernungsmesser, der auf den Blitzschuh aufgesteckt wird. Sie lesen die Entfernung ab und übertragen sie von Hand auf die Objektivfassung. 1932 erscheint die Leica II mit eingebautem Entfernungsmesser, der direkt mit dem Objektiv gekoppelt ist. Das Wachstum des Systems gewinnt an Eigendynamik, ab jetzt wird die Kamera Jahr für Jahr weiterentwickelt. Alles wird so konstruiert, dass auch ältere Kameras nachgerüstet werden können. Auch der Entfernungsmesser und die Kupplung zum Objektiv beruhen auf Patenten von Barnack. 1936 stirbt der Vater der Leica im Alter von nur 57 Jahren.
Wahrscheinlich seit 1935 schlummert in einer Schublade des Leitz-Werkes ein Prototyp für eine Leica IV. Er nimmt zwar Gestaltungselemente seiner Vorgänger auf, unterscheidet sich aber im Inneren komplett: Die Wechselobjektive werden über einen Bajonettverschluss am Gehäuse befestigt, der Entfernungsmesser ist in den Sucher eingebaut und mit jedem Objektiv werden Marken für das Blickfeld in den Sucher eingespiegelt. Erst 1954 kommt diese Kamera unter der Bezeichnung Leica M3 auf den Markt. Seither haben sich die Leicas äußerlich nicht mehr verändert, wurden aber ständig weiterentwickelt. So verfügt das neueste Modell, die M7, über eine Automatik, die die Belichtungszeit zur gewählten Blende einstellt. Im Vergleich zu den Messverfahren und Programmautomatiken japanischer Spiegelreflexkameras ist das lächerlich wenig ¿ aber wer wirklich fotografieren kann, braucht nicht mehr.
Nebenbei: Zwei Museen widmen sich Oskar Barnack und seiner Kamera: Das Firmenmuseum in Solms bei Wetzlar und das Oskar-Barnack-Haus in seinem Geburtsort Nuthe-Urstromtal, südlich von Berlin.
Claus Mayer
Links: http://www.leica-camera.com







