Interview mit Frank Blase
"Weg mit den Chefs!"
Igus, der Kölner Spezialist für Energiekettensysteme sowie Polymer-Gleitlager und Tribopolymer-Experte, feiert das 50. Jahr seines Firmenbestehens. SCOPE-Redakteur Johannes Gillar sprach mit dem Sohn des Firmengründers und derzeitigen Geschäftsführer Frank Blase über die Meilensteine der Unternehmensgeschichte und wie er sich die Zukunft der Firma vorstellt.
SCOPE: Igus feiert 2014 das 50. Jahr seines Firmenbestehens. Nennen Sie einige Meilensteine Ihrer Firmengeschichte und was das Besondere daran ist bzw. war?
Frank Blase: Am Anfang stand der Mut meines Vaters aus einer gesicherten Betriebsleiterposition auszusteigen und in der Garage von vorn anzufangen – das war 1964. Zu den angesprochenen „Meilensteinen“ gehört sicherlich die erste Energiekette als Auftragsteil Anfang der 1970er Jahre, aber auch Ende der 1980er Jahre die Entscheidung, nur noch eigene Katalogteile zu machen und das Sonderteilgeschäft abzugeben. Ganz entscheidend war der Umzug nach Köln 1994 zur Erweiterung der Fertigungskapazitäten und die anschließende internationale Expansion. Und schließlich vor drei Jahren die Entscheidung, die einzelnen Produktentwicklungen in interne „Firmen“ zu gliedern. Ein Beispiel: Wenn wir Halbzeuge entwickeln, machen wir das direkt in einer kleinen Fabrikeinheit mit dem entsprechenden Personal. Es sind zwar keine GmbHs, aber eigene Bereiche, in denen wir die Forschung, die Produktentwicklung und die Produktion besser gestalten und die Kunden detailliert beraten.
SCOPE: 50 Jahre sind eine lange Zeit. Neben Höhepunkten hat es sicher auch einige Krisen gegeben. Vor welchen Herausforderungen stand Igus in seiner langen Geschichte und was war der schwierigste Moment in der Firmengeschichte? Wie haben Sie all das erfolgreich gemeistert?
Blase: Es gehört sicher auch Glück dazu. Sozusagen das Glück, dass wir in entscheidenden Momenten die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Der Hauptgrund für unseren Erfolg war, auf unsere eigenen Entwicklungen zu setzen. Ein weiterer Grund für den Erfolg ist unser Igus Sonnensystem mit dem Kunden in der Mitte: Sonne, Licht und Energie; Kunde, Ideen und Geld. Der Kunde steht im Zentrum aller unserer Aktivitäten. Jeden Tag aufs Neue machen wir uns das bewusst, um uns an seine Anforderungen anzupassen und zu verbessern. Der schwierigste Moment? Kritische Momente im Sinne, dass die Firma wankte, gab es 1974 bei der ersten Ölkrise, damals hatten wir fünf oder sechs Leute und es hing alles an zwei Kunden. Und über Nacht brach praktisch 50 % weg. Eine ähnliche Situation gab es noch mal Ende der 1970er Jahre, als die Firma einen eigenen Werkzeugbau hatte und viele Werkzeuge produziert hatte, aber dann die Aufträge nicht bekommen hat – auch wieder mit den zwei Kunden. Das Resultat war auf eigene Katalogteile zu setzen. Ich kann allerdings sagen, dass die Höhepunkte deutlich überwogen haben. Neben der Unternehmensgründung durch meinen Vater, war sicherlich die Investition in das Kölner Grundstück und die Errichtung der neuen Fabrik der mutigste Schritt der Firmengeschichte. Und wenn die Bankenwelt so gewesen wäre wie heute, weiß ich auch nicht, ob wir das hingekriegt hätten. Da gab es wirklich einen Banker, der gesagt hat, machen Sie das.
SCOPE: Für ein Unternehmen, das von Ihrem Vater in einer Garage gegründet wurde, ist Igus weit gekommen. Heute beschäftigen Sie 2.400 Mitarbeiter in 35 Ländern. Wie hat sich die Führung der Firma von damals bis heute verändert bzw. was mussten Sie als Unternehmer alles lernen?
Blase: Wir haben in den ersten Jahren zum Teil zwei sehr unterschiedliche Firmen gehabt, die von meinem Vater und die von mir, mit unterschiedlichen Philosophien. Die eine sehr zentralistisch mit dem klaren Ansatz, es wird so gemacht, wie ich es sage, und die andere mit dem Ansatz, jeder ist Manager und weg mit den Chefs. Im Laufe der Zeit sind beide Stile gut zusammengewachsen. Bei einer Firma mit 2.400 Menschen ist es wichtig, jedem einfache Grundregeln an die Hand zu geben, nach denen er eigenverantwortlich im Sinne des Kunden handeln kann. Ein Beispiel ist unser „KNOC KNOC – Kein Nein ohne Chef“. Wenn ein Mitarbeiter eine Kundenanfrage hat, bei der er selbst nicht weiterkommt, also „Nein“ sagen müsste, und auch von seinem Teamleiter ein „Nein“ hört, darf oder soll er die nächste Führungsebene „an-KNOCen“ und dann mich selbst. Gemeinsam finden wir so neue Lösungen und treffen Entscheidungen – mal ohne, mal mit „Chef“. Wenn man solche Regeln jahrzehntelang lebt und ständig verbessert, kann sich eine „lernende“ Firma entwickeln, ganz jenseits persönlicher Empfindlichkeiten und Hierarchien.
SCOPE: Sie fertigen Energieführungssysteme und Gleitlager, welcher Bereich bildet den Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit?
Blase: Energiezuführung ist noch der größere Teil und der Gesamtteil Lagertechnik ist der kleinere Teil. Wir denken, beide entwickeln sich gut, aber in Zukunft wird sich das mehr oder weniger gleichmäßig verteilen beziehungsweise der Gesamtlagerteil Lagertechnik inklusive Mechatronik wird dann etwas größer werden.
SCOPE: Igus ist nicht nur Produkthersteller sondern bezeichnet sich selbst auch als einen Tribopolymer-Experten. Was genau verstehen Sie darunter und können Sie ein Beispiel für diese Expertise nennen?
Blase: Also wir verstehen darunter, dass wir uns auf Kunststoff in Bewegung konzentrieren. Kunststoff in Bewegung heißt Abrieb, Verschleiß. Wir versuchen, diese Produkte länger haltbar zu machen. Stichworte sind hier geringerer Verschleiß, geringere Reibung und geringeres Gewicht. Dazu kommen Nebeneffekte wie keine Schmierung, kein Quietschen, Schwingungsdämpfung etc.
Ein typisches Beispiel ist eine Waschmaschinenpumpe. Da verändert sich die chemische Zusammensetzung der Waschmittel oder es verändern sich die Temperaturen. Die Trommel soll schneller drehen und vieles mehr. Da die eingesetzten Lager diese Anforderungen nicht mehr abdecken, fordern die Hersteller von uns dann etwas zu tun. Falls wir die Lösung nicht bereits verfügbar haben, fangen wir an zu forschen mit diesen Chemikalien, Temperaturen etc. um eine Lösung zu finden. Ein anderes Beispiel ist eine Kartoffelerntemaschine, die zwar nur ein paar Wochen im Jahr läuft, aber dann muss sie hundertprozentig laufen, und der Kunde hatte das Riesenproblem, dass nach 15 Stunden schon Teile ausgefallen sind, weil sie im Dreck laufen. Wir haben hier einige Versuche gemacht und eine alternative Lösung gefunden. Was der Kunde vorher mit einem abgedichteten Kugellager für 20 Dollar gemacht hat, kann er jetzt mit einem Igus-Kunststofflager für 30 Cent machen und es hält zudem noch länger. Das sind die Sachen, mit denen wir uns befassen.
SCOPE: Wo geht die Reise für Igus hin? Welche Trends werden die Branche bestimmen? Was erwarten Sie sich von den nächsten 50 Jahren?
Blase: Ein Trend wird sicher die sogenannte Amazonisierung des technischen Einkaufs sein, also Schnelligkeit wird noch entscheidender. Kunden erwarten blitzschnellen Versand und entsprechenden Service. Das ist eine Herausforderung, der wir heute schon begegnen – von der Online-Konfiguration und -Bestellung über die individuelle, passgenaue Konfektionierung bis hin zur schnellen Lieferung und Montage. Für Igus erwarte ich vor allem interessante technologische Entwicklungen, vielleicht den einen oder anderen kleinen Durchbruch, also dass Dinge entstehen, die neue Möglichkeiten eröffnen. Ein Beispiel dafür ist unsere neue Energiekette Tri-Spool, die präzise 3D-Bewegungen im Raum erlaubt. Dadurch eröffnen sich ganz neue Ideen zur Energieführung in der Intralogistik, beispielsweise in einem Seilroboter. Oder auch das Tribo-Filament für den 3D-Druck, das wir auf der Hannover Messe vorgestellt haben. Es gibt Konstrukteuren noch mehr Freiheit in der Konzeption ihrer Lagerstellen. Wir freuen uns auf die ganze Vielfalt an Anwendungen, die damit in Zukunft realisiert werden. Insgesamt erhoffe ich mir von uns in den nächsten 50 Jahren weiterhin eine große Quirligkeit.








