Wirtschaft + Unternehmen

"Eine Art von Stand-by"

Dazu unser Interview mit Manfred H. Gutermuth, dem Berater für internationale Geschäftsbeziehungen beim Osec Business Network Switzerland in Zürich.

SCOPE: Wie ist die derzeitige Stimmung unter den eidgenössischen Zulieferern?

Gutermuth: Mehrheitlich gedämpft. Zwar haben die Zulieferer mit großer Nähe zur Automobil-Industrie noch einen relativ guten Geschäftsgang, doch allgemein betrachtet stellen sich die Firmen weiter auf rückläufige Auftragseingänge ein.

SCOPE: Und wie steht es um die Zulieferer für den IT-Bereich?

Gutermuth: Diesen Unternehmen geht es mitunter sehr schlecht. In diesem Sektor gibt es Zulieferer, die in den letzten Jahren ihre Kapazitäten verdoppelt oder gar verdreifacht haben, um die Nachfrage befriedigen zu können. Nun ist dieser Markt quasi von Heute auf Morgen zusammengebrochen. Diese Firmen sind nun besonders gefordert nach Alternativen zu suchen. Viele kennen die Situation; sie haben vor 25 Jahren ihr Uhrenteilegeschäft auch in kurzer Zeit verloren.

SCOPE: Mit welchen Erwartungen blicken die Unternehmen in die Zukunft?

Gutermuth: Es dominiert eine allgemeine Verunsicherung. Es gibt zwar immer wieder Meldungen über eine Besserung der konjunkturellen Lage, doch viele optimistische Prognosen der letzten Monate ¿ vor allem von Börsianern und Bankern ¿ haben sich nicht bewahrheitet. Die Zulieferer wissen daher nicht, ob die Talsohle schon erreicht ist oder ob sie noch mit weiteren Rückschlägen zu rechnen haben. Die zahlreichen Insolvenzen großer Abnehmer machen nicht gerade Mut.

SCOPE: Wie gehen die Firmen mit dieser Situation um?

Gutermuth: Sie verfallen in eine Art ¿Stand-by-Haltung¿. Investitionen in neue Prozesse und Kapazitäten werden solange nicht ausgelöst, bis die entsprechenden Aufträge zugesichert sind. Man sieht noch kein Licht am Ende des Tunnels und wartet ab.

SCOPE: Sehen Sie Anzeichen für strukturelle Defizite in den Betrieben der schweizerischen Zulieferer?

Gutermuth: Nein, die derzeitige Konjunkturflaute ist keine Strukturkrise. Die meisten Schweizer Zulieferfirmen sind trotz ihrer technischen Spezialisierung nicht einseitig ausgerichtet, sondern liefern an ein breites Spektrum von Abnehmern in unterschiedlichen Branchen. Unsere Zulieferer sind es gewohnt, sich auf den Exportmärkten der ganzen Welt behaupten zu müssen. Dadurch ergibt sich ein Zwang zu hoher Flexibilität und Dynamik, der die Unternehmen fit hält. Auch im Management sehe ich keine großen Defizite. Lediglich beim Marketing zeigen sich die Firmen meiner Einschätzung nach etwas zu zurückhaltend. Die Marktauftritte der Zulieferer sind eher technisch orientiert und konservativ angelegt. Es wäre vielleicht an der Zeit, sich etwas von diesem traditionellen schweizerischen Understatement zu lösen.

SCOPE: Die Studie ¿Automobiltechnologie 2010¿ von Mercer Management Consulting und Hypovereinsbank prognostiziert, dass der Anteil von Elektronik und Software in den Fahrzeugen von heute 22 auf 35 Prozent im Jahr 2010 ansteigen wird. Ist das Schweizer Zulieferwesen auf diese Entwicklung vorbereitet?

Gutermuth: Meiner Ansicht nach sind die Schweizer Unternehmen sehr gut gerüstet, um diese technologische Veränderung mitzugehen. Es lässt sich sogar beobachten, das mancher Zulieferbetrieb dieser Entwicklung voraus eilt. In der Schweiz gibt es höchste Kompetenz auf dem Gebiet der Elektronik.

SCOPE: Können Sie das an einem Technik-Beispiel konkretisieren?

Gutermuth: Während in heutigen Automobilen immer noch viele Kilometer von Kabeln verlegt sind, wird die Informationsverarbeitung in zukünftigen Fahrzeugen über Bussysteme und Software ablaufen. Schon heute sind schweizerische Zulieferer in diese Entwicklung miteingebunden. Im Rahmen dieser technologischen Veränderungen sind allerdings strukturelle Anpassungen zu erwarten.

SCOPE: Strukturelle Anpassungen in der Zuliefer-Landschaft?

Gutermuth: Ja, durchaus. Ich habe keine Bedenken, dass die Schweizer Zulieferer hier den Anschluss verpassen könnten. Es wird jedoch zu interessanten Kooperationen oder gar Zusammenschlüssen von Unternehmen kommen, die ihre Kompetenzen bündeln, um mit den neuen technologischen Ansprüchen Schritt zu halten.

SCOPE: Wo sehen Sie Vorteile der Schweizer Zulieferer gegenüber deutschen Firmen?

Gutermuth: Die Schweizer Zulieferer können sich in der Regel schneller und flexibler auf Sonderwünsche der Kunden einstellen. Der typische Schweizer Zulieferer sucht nicht nach hohen Stückzahlen, sondern positioniert sich als spezialisierter Nischenanbieter mit Stärken im Entwicklungssektor. Die Produktion von Großserien überlässt er anderen.

SCOPE: In Ihrer Beschreibung würde sich manch deutscher Zulieferer aber auch wiedererkennen wollen.

Gutermuth: Man darf sicher nicht zu stark verallgemeinern, aber ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Dies- und jenseits der Grenze gibt es starke mittelständische Drehteile-Industrien. Auf den ersten Blick sind das enge Wettbewerber. Der zweite Blick aber zeigt, dass die Schweizer hinsichtlich der Werkstück-Dimensionen eine viel größere Spanne abdecken. Vor allem im Miniaturbereich verzeichnen sie gegenüber den deutschen Drehern deutliche Vorteile. Dem Schweizer kann es nicht klein genug sein, die Stückzahl interessiert ihn weniger. Insofern kommt auch der allgemeine Trend zur Miniaturisierung den schweizerischen Zulieferern sehr zugute.

SCOPE: Zum Schluss noch ein paar Worte zum Thema ¿Mittelstandsranking¿. Die Vorgaben der Fremdkapitalversorgung nach den Regeln von Basel II haben direkten Einfluss auf die Investitions- und Wettbewerbsfähigkeit der Zulieferer. Wie sehen Sie die Schweizer Betriebe auf diese Anforderungen gerüstet?

Gutermuth: Die Finanzierung der schweizerischen Firmen des Mittelstandes ist nach wie vor recht solide, hat aber zweifellos in den letzten Jahren gelitten. Die ¿Fettpolster¿ sind abgebaut. Die Eigenkapitalquote ist sicher deutlich höher als bei vergleichbaren deutschen Unternehmen, aber die stillen Reserven der Zulieferer sind auch hierzulande nahezu aufgebraucht.

Das Interview führte SCOPE-Redakteur Michael Stöcker

Kontakte knüpfen
mit Zulieferern oder Kooperationspartnern in der Schweiz wird durch die Arbeit der OSEC wesentlich erleichtert. Denn die offizielle Außenhandels-Organisation der Schweiz steht auch ausländischen Firmen als Ansprechpartner zur Verfügung. Sie ist privatwirtschaftlich organisiert, handelt aber im Auftrag des schweizerischen Staatsekretariats für Wirtschaft und verfügt über ein Gesamtbudget von etwa 30 Millionen Franken. Die Stelle mit Hauptsitz in Zürich informiert (siehe dazu auch www.osec.ch), berät und vermittelt. Hierzulande veranstaltet die Osec mehrmals im Jahr Tischmessen in verschiedenen Ballungszentren. Außerdem unterhält sie in Stuttgart ein Kontaktbüro, das Bestandteil des international angelegten Swiss Business Netzwerks ist.
ms

Links: http://www.osec.ch

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