Datenkommunikation
Wie aus Messwerten Entscheidungen werden
In Anlagen entstehen ununterbrochen Messwerte – doch viele davon verschwinden in Systemen, die niemand aktiv nutzt. Das Problem ist nicht die Datenmenge, sondern ihr Weg. Erst wenn Informationen ohne Umwege verfügbar sind und sinnvoll zusammenlaufen, werden aus Messwerten belastbare Entscheidungen.
Ein Summen in der Anlage, ein konstanter Durchfluss und stabile Temperaturen vermitteln den Eindruck eines eingespielten Prozesses, doch im Hintergrund entsteht ununterbrochen ein Strom an Informationen, denn Sensoren erfassen Zustände, melden Veränderungen und dokumentieren Abläufe in Echtzeit. Diese Daten sind längst zum Rohstoff der Industrie geworden, gleichzeitig zeigt sich in der Praxis ein Widerspruch: Obwohl Unternehmen massiv in ihre Anlagen und Messgeräte investieren, bleiben viele dieser Informationen ungenutzt, weil sie nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden, oder nicht im richtigen Zusammenhang stehen. Ob in der Chemie, der Wasserwirtschaft oder der Lebensmittelproduktion, überall wächst die Datenbasis schneller als ihre Nutzung. Erst wenn es gelingt, diese Informationen zusammenzuführen und zugänglich zu machen, entsteht aus vielen Einzelwerten ein belastbares Gesamtbild, das Entscheidungen trägt. Doch wie wird aus dieser stetig wachsenden Datenmenge tatsächlich verwertbares Wissen?
Der erste Schritt, um Daten überhaupt nutzen zu können, ist ein scheinbar einfacher, aber entscheidender Punkt: Sie müssen zuverlässig und ohne Unterbrechung dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Genau hier lag in der Vergangenheit oft die größte Hürde. In vielen Anlagen war die Kommunikation im Feld über Jahre hinweg von begrenzten Bandbreiten geprägt, Daten wurden nur in kleinen Paketen übertragen oder mussten über mehrere Systeme und Schnittstellen weitergereicht werden. Dadurch gingen Informationen verloren oder kamen verzögert an, sodass ihr Nutzen eingeschränkt blieb.
Mit Ethernet-APL verändert sich diese Situation grundlegend. Die Technologie bringt eine durchgängige und leistungsfähige Datenverbindung direkt ins Feld. Das bedeutet, dass Sensoren und Geräte ihre Informationen ohne Umwege und nahezu in Echtzeit an Leitsysteme oder Cloud-Anwendungen senden können. Möglich wird das über ein einziges zweiadriges Kabel, das gleichzeitig Energie und Daten überträgt und zugleich robust genug ist, um auch in anspruchsvollen Industrieumgebungen zuverlässig zu funktionieren.
Intelligente Sensorik als Schlüssel zur Transparenz
Während Ethernet-APL dafür sorgt, dass Daten zuverlässig und ohne Umwege übertragen werden, rückt eine zweite Frage in den Fokus: Welche Informationen liefern die Geräte eigentlich selbst und wie zugänglich sind diese im Alltag? Hier setzt IO-Link an und macht auch einfache Sensoren digital nutzbar, ohne die Komplexität der Anlage zu erhöhen.
IO-Link verwandelt klassische Feldgeräte in intelligente Datenquellen. Das bedeutet, dass nicht mehr nur ein einzelner Messwert zur Verfügung steht, sondern zusätzliche Informationen wie Gerätezustände, Diagnosen oder Parameter direkt mitgeliefert werden. Gleichzeitig lassen sich Geräte zentral konfigurieren und anpassen, ohne dass Eingriffe vor Ort notwendig sind. Auch der Austausch von Komponenten wird deutlich einfacher, da neue Geräte automatisch erkannt und mit den richtigen Einstellungen versehen werden. Dieses Prinzip des "Plug and Produce" reduziert Stillstandszeiten und erleichtert die Inbetriebnahme spürbar.
Gerade in Anwendungen mit vielen Messstellen, etwa in der Lebensmittel- oder Pharmaindustrie, zeigt sich der Nutzen besonders deutlich. Wo früher einzelne Geräte isoliert betrachtet wurden, entsteht nun ein durchgängiges Bild des gesamten Prozesses. Alle relevanten Daten stehen konsistent zur Verfügung und lassen sich im Zusammenhang auswerten. Das erleichtert nicht nur die Fehlersuche, sondern schafft auch die Grundlage für stabile Abläufe und gezielte Optimierungen im Betrieb.
Vom Datentransfer zur Datennutzung
Sind Daten einmal verfügbar und durchgängig zugänglich, stellt sich die entscheidende Frage: Was passiert eigentlich mit ihnen im nächsten Schritt? Denn die reine Übertragung und Sichtbarkeit von Informationen schafft noch keinen Mehrwert. Erst wenn Daten gezielt ausgewertet, eingeordnet und in den Arbeitsalltag integriert werden, entfalten sie ihren Nutzen. An dieser Stelle scheitern viele Ansätze, weil Daten zwar vorhanden sind, aber nicht in konkrete Anwendungen übersetzt werden.
Der Messtechnikspezialist Endress+- Hauser hat deshalb das digitale Ökosystem Netilion entwickelt, das die Lücke zwischen Datenerfassung und tatsächlicher Nutzung schließt. Dort werden Informationen aus unterschiedlichsten Quellen gebündelt und in einer einheitlichen Umgebung sichtbar und nutzbar gemacht. Es spielt keine Rolle, ob die Daten von Endress+Hauser-Geräten oder von Drittanbietern stammen. Entscheidend ist, dass sie zusammengeführt, strukturiert und in einen verständlichen Kontext gebracht werden. So entsteht aus einer Vielzahl einzelner Datenpunkte ein verständliches Gesamtbild der Anlage.
Ein wesentlicher Vorteil liegt in der einfachen Zugänglichkeit. Über cloudbasierte Anwendungen stehen Informationen jederzeit zur Verfügung, unabhängig vom Standort. Mitarbeitende können vor Ort auf Geräte zugreifen oder Zustände prüfen, ohne auf zusätzliche Systeme angewiesen zu sein. Das beschleunigt Abläufe und reduziert Abstimmungsaufwand. Gleichzeitig unterstützen Anwendungen wie Asset Management oder Monitoring dabei, den Überblick über Anlagen und Geräte zu behalten. Zustände werden transparent, Abweichungen frühzeitig erkannt und Maßnahmen gezielter geplant. Statt reaktiv zu handeln, wird ein vorausschauender Betrieb möglich. Damit Daten auch über einzelne Anwendungen hinaus wirken, lassen sie sich über standardisierte Schnittstellen in bestehende Systeme integrieren. So werden sie Teil übergeordneter Prozesse und unterstützen beispielsweise Instandhaltung oder Qualitätsmanagement.
Daten werden zur Entscheidungsgrundlage
Welches Potenzial in der intelligenten Nutzung von Daten steckt, zeigt sich besonders deutlich in konkreten Anwendungen. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels nimmt die Gefahr von Starkregen und Hochwasserereignissen spürbar zu, während gleichzeitig die Anforderungen an schnelle und fundierte Entscheidungen steigen. Hier setzt zum Beispiel das Hochwasser-Frühwarnsystem Netilion Flood Monitoring an.
In der Gemeinde Lenzkirch im Schwarzwald erfassen verschiedene Sensoren kontinuierlich Wasserstände, Niederschläge und Bodenfeuchtigkeit. Diese lokal erhobenen Daten werden nicht isoliert betrachtet, sondern mit Wetterprognosen und Informationen zur Beschaffenheit des Geländes verknüpft. Auf dieser Basis analysiert künstliche Intelligenz die Situation und erstellt ein präzises Lagebild, das mögliche Entwicklungen frühzeitig sichtbar macht.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass aus vielen einzelnen Messwerten ein verständlicher Zusammenhang entsteht. Verantwortliche in Gemeinden, bei Feuerwehr oder technischen Hilfswerken erhalten damit nicht nur Daten, sondern eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Sie können Risiken früher erkennen, Entwicklungen besser einschätzen und gezielt Maßnahmen einleiten, bevor kritische Situationen eskalieren.
Das Beispiel macht deutlich, worauf es bei der Digitalisierung ankommt: Daten allein reichen nicht aus. Erst wenn sie zusammengeführt, interpretiert und in einen konkreten Anwendungskontext gebracht werden, entsteht ein echter Mehrwert. Aus einzelnen Messpunkten wird so ein Gesamtbild, das hilft, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und richtig zu handeln.
Pirmin Lickert, Portfolio Manager Innovation & Digitalization bei Endress+Hauser
Sensor+Test, Halle 1, Stand 313











