Interview mit Jürgen von Hollen
MRK ist kein Hexenwerk
Die Akzeptanz gegenüber dem Kollegen Roboter steigt, dennoch gibt es Vorbehalte. Jürgen von Hollen, Präsident von Universal Robots, sprach mit handling-Redakteurin Annina Schopen über die neue e-Series, über das Erfolgsrezept von Universal Robots und darüber, welches die Herausforderungen sind, MRK in Deutschland umzusetzen.
Herr von Hollen, Sie haben zur Automatica Ihre e-Series vorgestellt, was unterscheidet die neue Reihe von den bisherigen UR-Armen?
Von Hollen: Grundsätzlich bleiben wir bei Universal Robots weiter dem Versprechen treu, das wir unseren Kunden als Pionier der kollaborativen Robotik bereits seit über zehn Jahren machen: Unsere Roboter sind flexibel einsetzbar, einfach einzurichten und zu programmieren, amortisieren sich schnell, und sie sind sicher. Dieses Profil haben wir mit der e-Series geschärft und möchten so unsere Führungsposition auf dem Markt weiter ausbauen.
Die augenscheinlichste Neuheit der e-Series ist die Nutzeroberfläche des Roboters, deren Look and Feel wir komplett überarbeitet haben. Sie ist für den Anwender noch intuitiver gestaltet – dank der vereinfachten Navigation ist eine Applikation mit weniger Klicks programmierbar als vorher. Das zahlt direkt auf die benötigte Zeit für die Inbetriebnahme und damit auch auf die Amortisationsdauer ein.
Darüber hinaus gibt es aber auch neue Features, die nicht sofort ins Auge springen: Etwa hat die e-Series einen in das Handgelenk integrierten Kraft-Momenten-Sensor und ist damit deutlich feinfühliger als die Vorgängermodelle. So wird das Einsatzspektrum um komplexere Anwendungsbereiche wie das Polieren erweitert und der Roboter insgesamt noch flexibler. Außerdem haben wir unser patentiertes Sicherheitssystem mit zwei neuen Funktionen ausgestattet: die sicherheitsüberwachte Stoppzeit und den sicherheitsüberwachten Stoppweg. Jede einzelne der nun insgesamt 17 Sicherheitsfunktionen ist vom TÜV nach Performance Level d Kat. 3 zertifiziert. Das ist eine absolute Neuheit auf dem Markt und ein Meilenstein für die Mensch-Roboter-Kollaboration.
Daneben haben wir an vielen, kleinen Details geschraubt. Dazu zählen unter anderem ein leistungsfähigeres System Bus, die vereinfachte Werkzeuganbindung oder der Robotersockel, dessen Design wir vereinheitlicht haben.
Wie ist die neue Reihe angekommen?
Von Hollen: Schon beim Produktlaunch auf der Automatica war das Interesse überwältigend. Die Branche hat ja lange spekuliert, was wohl der nächste große Schritt von Universal Robots sein wird. Und ich will gar nicht verleugnen, dass auch bei mir kurz vor dem Launch eine gewisse Anspannung vorhanden war. Umso größer war die Erleichterung, als sich durch das erste Feedback zeigte, dass wir mit der e-Series auf das richtige Pferd gesetzt haben.
Inzwischen gibt es Konkurrenten, die Leichtbauroboter herstellen, auch die traditionellen Hersteller großer Roboter wie ABB und Kuka drängen in das Segment. Was machen Sie anders?
Von Hollen: Ein wichtiges Erfolgsrezept ist die Offenheit unserer Plattform. Wir fokussieren uns rein auf den Roboterarm und verzichten ganz bewusst darauf, etwa die Greiftechnik gleich mitzuliefern. Dafür bieten wir mit Universal Robots+ ein Online-Ökosystem, auf dem mehr als 90 Peripherie-Produkte verschiedener Entwickler als Plug&Play-Komponenten angeboten werden – darunter Greifer, Sensoren, Software oder sonstiges Zubehör. So ermöglichen wir Anwendern und Integratoren, sich ihre Applikation ganz einfach auf die eigenen Anforderungen zuzuschneiden. Jeder kriegt genau das, was er braucht und zahlt eben auch nur für das, was er benötigt.
Weiterhin ist die Universal Robots Academy in diesem Zusammenhang zu nennen. Das ist eine Online-Schulung, mit der Anwender anhand verschiedener Trainingsmodule in weniger als 90 Minuten lernen können, unsere Roboter zu programmieren.
Unsere Strategie ist einfach: Wir nehmen die Komplexität bei der Maschine weg, und setzen so Innovation und Kreativität beim Menschen frei. Das zahlt sich für unsere Kunden aus.
Universal Robots gilt als Pionier der kollaborativen Robotik. Spüren Sie eine steigende Akzeptanz des Kollegen Roboter?
Von Hollen: Die spüren wir tatsächlich, und auch abseits unserer Geschäftszahlen gibt es Faktoren, die das belegen. Etwa nehmen wir sehr wohlwollend zur Kenntnis, dass es inzwischen absolut üblich ist, dass die UR-Roboter von Mitarbeitern der jeweiligen Betriebe liebevoll mit individuellen Namen betitelt werden. Das zeigt doch wunderbar, wie sehr die Belegschaft die mit den Robotern verbundene Entlastung zu schätzen weiß.
Nichtsdestotrotz gibt es auch noch Vorbehalte. Die möchten wir ausräumen. Dabei haben wir unsere Anwender als überzeugte Multiplikatoren im Rücken, und das ist mehr als hilfreich.
Was tun Sie, um Kunden die Angst vor MRK zu nehmen?
Von Hollen: Bei der sicheren Umsetzung von MRK-Anwendungen gilt es zwar ein paar Dinge zu beachten, sie ist aber auch kein Hexenwerk. Wir nutzen jede Gelegenheit, die Betriebe über dieses Thema aufzuklären – sei es persönlich bei ihnen vor Ort, etwa im Zuge unserer Roadshow, auf Messen oder aber auch per Whitepaper und E-Books, die wir ihnen zur Verfügung stellen.
Wo sehen Sie Herausforderungen, das Thema MRK in Deutschland umzusetzen?
Von Hollen: Die größte Herausforderung besteht darin, in der Breite unserer Zielgruppe, also den kleinen und mittelständischen Unternehmen, erst einmal ein Bewusstsein für die Möglichkeiten der MRK zu schaffen. Tatsächlich sehen viele KMUs Robotik noch nicht als realistische Option für ihren Betrieb an. Das ist eine Herausforderung mangelnder Aufklärung, die wir gerne annehmen.
Wie können Mittelständler herausfinden, ob sich für sie der Einsatz eines Roboterarms lohnt? Ab wann rentiert sich die Anschaffung?
Von Hollen: In jedem Betrieb gibt es Prozesse, die optimiert werden können. Wer mit kollaborierenden Robotern in die Automatisierung einsteigen möchte, sollte als ungeschulter Anwender zunächst einfache Applikationen wie Pick & Place oder Maschinenbestückung ins Auge fassen. Sie können häufig schon mit geringem Aufwand automatisiert werden.
Mit etwas Erfahrung kann man sich dann auch an komplexere Anwendungen wagen, etwa solche, die Bildverarbeitung oder zusätzliche Sensorik erfordern. Wir sind mit unseren Partnern auch viel bei Kunden vor Ort und beraten: Wo besteht Optimierungspotential, wie kann ich einfach automatisierbare Prozesse identifizieren? So wollen wir nicht zuletzt den Blick der Anwender bewusst schärfen.
Grundsätzlich ist es uns immer wichtig zu betonen, dass unsere Roboter auch für Mittelständler mit begrenztem Budgetrahmen eine rentable Investition sind. In der Regel zahlt sie sich innerhalb eines Jahres aus.
Was müssen Roboter noch lernen?
Von Hollen: Kollaborierende Roboter müssen nicht alles können, was ein Mensch kann. Unser Konzept beruht auf dem Zusammenspiel beider Parteien, in dem sie jeweils ihre Stärken einbringen: der Roboter führt Aufgaben mit hoher Zuverlässigkeit aus, der Mensch trifft die wichtigen Entscheidungen und gibt den Takt vor. Künstliche Intelligenz ist daher beispielsweise so ein Thema, das wir im Bereich der Mensch-Roboter-Kollaboration noch in ferner Zukunft sehen.
Was stellen Sie auf der Motek vor?
Von Hollen: Wir führen auf der Motek unseren Aufklärungsansatz fort. Statt auf spektakuläre Show-Applikationen setzen wir dabei auf ein praxisnahes Messekonzept. Wir zeigen Applikationen, wie sie auch in der Industrie vorkommen, und lassen die Messebesucher selbst die Roboter anfassen und ausprobieren. So möchten wir die Automatisierungshürden weiter senken.
Herr von Hollen, vielen Dank für das Gespräch.













