Editorial 07-08/2024
Weltklasse-Halbleiter aus der EU?
Zumeist aus Kostengründen haben viele europäische Unternehmen seit den 1990er Jahren Produktionen nach Asien ausgelagert – und damit mittelfristig auch Kompetenzen. Das gilt beispielsweise für pharmazeutische Produkte, für Teile des Maschinenbaus und ebenso für die Halbleiterfertigung.
Das fällt uns heute mitunter auf die Füße, wie wir spätestens während der Corona-Pandemie überrascht feststellen durften. Gestörte Lieferketten, aber auch eigene Prioritäten der exportierenden Länder sind nur zwei Gründe – und daraus resultierend Wettbewerbsnachteile für heimische Unternehmen. Dabei hat gerade Deutschland bei der Halbleiterentwicklung und -produktion eine jahrzehntelange Tradition: Bereits 1949 meldete Siemens den von Werner Jacobi entwickelten "Halbleiterverstärker" aus fünf Transistoren zum Patent an, und in den frühen 50er Jahren begann das Unternehmen mit dem Bau seiner ersten Halbleiterproduktion. Eine führende Position in der Halbleitertechnik hatte Deutschland bis in die 80er Jahre inne. Heute beträgt der europäische Anteil an der weltweiten Chip-Produktion nur mehr rund 10 %. Wichtige Teile der High-End-Technologie kommen jedoch auch heute noch aus Deutschland und Europa.
Mit dem Ziel, die entstandenen Abhängigkeiten zu reduzieren und künftig auch die Hertstellung modernster Halbleiter wieder in Europa zu etablieren, hat die EU das europäische Chip-Gesetz verabschiedet. Damit will sie der Halbleiterknappheit entgegenwirken sowie die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen steigern. In diesem Rahmen werden 43 Mrd. Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisiert. Konkrete Ziele sind unter anderem die Steigerung der europäischen Produktionskapazitäten auf 20 % des Weltmarkts bis 2030 sowie der "Auf- und Ausbau der Innovationsfähigkeit in den Bereichen Entwurf, Herstellung und Packaging hochmoderner Chips". Um jedoch ein solches Vorhaben umzusetzen, sind viele Hürden zu überwinden. Tobias Wölk, Produktmanager Automatisierungstechnik & Aktive Bauelemente bei Reichelt Elektronik, beschreibt in seinem Beitrag ab Seite 8, wie komplex und anspruchsvoll letztlich dieser Plan ist, wo dabei die Unwägbarkeiten liegen und worauf Politik und Halbleiterindustrie in Europa ein besonderes Augenmerk legen sollten.
Noch ein Hinweis in eigener Sache: Seit 2023 küren wir die INDUSTRIAL Production Produkte des Jahres. So natürlich auch in diesem Jahr – mit einigen Neuerungen: In diesem Jahr gibt es keine Nominierungsgebühren. Außerdem haben wir die Kategorien erweitert, um auch den neusten Technologien gerecht zu werden. Weitere Informationen finden Sie hier:
www.industrial-production.de/produkt-des-jahres.htm








