Editorial
Die WM ist ein...Produktivitätskiller
Ich hab´mir viel Zeit gelassen. Aber nun denke ich: Nie war der Zeitpunkt für ein Coming-Out so günstig. Denn vor allem im Kollegenkreis ist das Thema abends an der Bar - neben Autos und Motoren - eines der bevorzugten. Meist saß ich dann schweigend in der Runde und lauschte dem Erfahrungsaustausch der überwiegend männlichen Kollegen. Man steht ja ungern als Außenseiter da. Aber ich bin ein Fußball-Muffel. Und ich weiß, dass ich mit dieser Ball-Ignoranz hierzulande zu einer aussterbenden Minderheit zähle.
Das letzte Fußballspiel, das ich in voller Länge im Fernseher geschaut habe, war 1974 das WM-Endspiel Deutschland - Holland in München. Stadien selbst habe ich bisher immer nur zu fußballfremden Veranstaltungen betreten. Interessiert mich einfach Nullkommanull. Außer Sepp Herbergers Erkenntnis "Der Ball ist rund" und den Namen einiger Spieler aus den 70ern kann ich zu dem Thema also meist relativ wenig beitragen.
Daher ist die Weltmeisterschaft in Brasilien wieder eine besondere Herausforderung, denn auch der größte Fußball-Muffel kann sich vom 12. Juni bis 13. Juli dem Thema nicht vollständig entziehen. Ob bei der Presseveranstaltung, beim Plausch mit dem Nachbarn oder im Betrieb - die Aufarbeitung der WM ist in den vier Wochen das Gesprächsthema Nr. 1.
Deshalb müsste eigentlich auch die deutsche Industrie - Hersteller von Flachbildschirmen, Fussball-Devotionalien und Klebebildern mal ausgenommen - dem Thema Fußball eher reserviert gegenüber stehen: Eine Studie der Uni Hohenheim hat zur Fußball-WM 2010 untersucht, welche Auswirkung sie auf die deutsche Wirtschaft hatte. Ergebnis: Sie kostete 0,27 Prozent des Bruttosozialprodukts und errechnete sich aus theoretischen 15 Minuten, die durch Bürogespräche über die WM pro Mitarbeiter im Durchschnitt täglich verlorengingen. In Euro ausgedrückt, waren das allein in Deutschland Einbußen von rund 6,6 Milliarden Euro - 1,3 Milliarden mehr, als alle Top-20 Clubs der Welt pro Jahr zusammengenommen umsetzen.
Allerdings kann Fußball, so die Studie vor vier Jahren, auch das Gemeinschaftsgefühl in einem Betrieb stärken, wenn zum Beispiel Spiele zusammen angeschaut und durchlitten werden. Und ob der Gewinn der WM durch die deutsche Nationalmannschaft möglicherwiese einen positiven Einfluss auf die Mitarbeitermotivation hat, konnte leider auf Grund des verfehlten Titels nicht untersucht werden.
Erfahrungsgemäß bieten WM und EM allerdings auch für Fußball-Muffel einige Vorteile: Nie sind zum Beispiel die Bahnen im Freibad und die Spinning-Räder im Fitness-Studio leerer als zu Deutschland-Spielen. Von daher ziehen auch wir Verweigerer unseren Nutzen aus der WM.
In diesem Sinne wünsche ich der deutschen Mannschaft viel Erfolg in Brasilien und Ihnen viel Spaß beim Schauen - und allen Ignoranten rufe ich zu: Bis zum 13. Juli dauert´s gar nicht mehr so lang!









