Meinung

Gute Arbeit - gutes Geld?

Seit langem endlich mal wieder gute Nachrichten für Josef Ackermann – dieses Jahr steht nicht der Bank-Chef wegen seines Einkommens (9,4 Mio. Euro) in der Schusslinie, sondern Martin Winterkorn.

47.671 Euro verdiente der VW-Boss im letzten Jahr - pro Tag. Insgesamt 17,4 Millionen. Doch bei ihm fällt die Kritik an diesem Irrsinnsgehalt offenbar nicht so leicht wie bei vielen anderen Dax-Vorstandsmillionären – denn er hat sein Einkommen nicht durch entlassen und verlagern „verdient“, sondern der Konzern hat im vorigen Jahr 28.000 Arbeitsplätze aufgebaut, einen Gewinn von 15,8 Mrd. Euro eingestrichen (das sind übrigens 2.000 Euro pro verkauftem Auto) und jedem Mitarbeiter 7.500 Euro Bonus ausgezahlt. Nicht nur er selbst (Winterkorn: „Wer gut arbeitet darf auch viel verdienen“) sondern auch etliche Kommentatoren verteidigen daher sein Einkommen, und sogar die Gewerkschaftsbosse Sommer (DGB), Huber (IG Metall) und Bsirske (Verdi) zeigen Verständnis.

Dabei weiß doch ein Produktionsspezialist wie Winterkorn selbst am besten: Mit dem Erfolg eines Unternehmens verhält es sich wie mit der Effizienz eines Produktionsprozesses: Nicht die Leistung der einzelnen Maschine ist entscheidend, sondern das reibungslose Zusammenspiel aller Komponenten. Wenn das 5 Euro Ventil an der billigen Entnahmestation ausfällt, kann das millionenteure Bearbeitungszentrum noch so schnell fräsen – der Ausstoß geht in die Knie. Genauso ist in der immer straffer durchorganisierten Arbeitswelt die Gesamteffizienz der Organisation für den Erfolg weit ausschlaggebender als die Leistung des Einzelnen.

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Doch bei der Bewertung der Arbeit, und damit dem sozialen Kitt unserer Gesellschaft, gilt dies weniger. Während die Arbeitnehmer in den letzten zehn Jahren Zurückhaltung übten (durchschnittliche Gehaltssteigerung 18 Prozent) und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte sicherten, verdoppelten sich zwischen 2003 und 2011 die Bezüge der Dax-Vorstände. Die Schere zwischen Anfang und Ende der Lohnkette klafft damit immer weiter auf. Von Krankenschwestern oder Erzieherinnen mal ganz abgesehen – auch bei Mitarbeitern von Zulieferern oder Selbstständigen gilt Winterkorns Credo von „Gute Arbeit – viel Verdienst“ längst nicht mehr. Im Gegenteil.

Im Hinblick auf die erwarteten Absatzrückgänge drehen die Einkäufer der Autokonzerne schon wieder an der Kostenschraube. Während auf der einen Seite die Arbeit eines Einzelnen fast 50.000 Euro pro Tag wert sein soll, berichten gleichzeitig viele Selbstständige über einen hohen Kostendruck: Brutto-Stundenlöhne von 35 Euro für selbstständige 3D-Konstrukteure sind keine Ausnahme mehr - siehe auch Leserbrief hier. .
Wie gering muss man da die Leistung der unteren Einkommenskette schätzen, um diese Verteilung als fair zu empfinden?

Hajo Stotz, Chefredakteur
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