Hajo Stotz

Beziehungstipps

Zwischen Handelspartnern läuft es oft wie in einer Beziehung: Sind die Ambitionen auf einer Seite zu groß, die eigenen Vorstellungen durchzusetzen, ist der Kern zum Scheitern schon gelegt.

Hajo Stotz

Die Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) war als Vertiefung der Handelsbeziehungen zwischen Europa und USA gedacht. Doch spätestens seit die Umweltorganisation Greenpeace bislang geheime TTIP-Dokumente ins Internet gestellt hat, aus denen offenbar hervorgeht, dass die USA mit dem geplanten Handelsabkommen europäische Umwelt- und Verbraucherschutzstandards aushöhlen wollen, steht das Abkommen auf wackligen Beinen.

Zwar geben sich die EU-Kommission sowie Kanzlerin Merkel nach außen weiter unbeirrt: Bis Ende 2016 sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein. Doch allein der Zeitplan ist unrealistisch, weil auch nach drei Jahren Verhandlungen und 14 Sitzungsrunden laut einem kürzlich veröffentlichten Papier aus dem Wirtschaftsministerium wichtige Themen gar nicht behandelt wurden, in keinem Kapitel es eine abschließende Verständigung gibt und in einer ganzen Reihe von zentralen Fragen „grundsätzliche Auffassungsunterschiede“ bestehen.

Offiziell ist TTIP damit noch nicht gescheitert. Aber die Debatte über die Schuldfrage hat bereits begonnen. So beklagt Industrie-Präsident Ulrich Grillo den mangelnden Einsatz der Bundesregierung und sprach gar von einem „Foulspiel aus Berlin“. Den Regierungspolitikern kann man ja viel vorwerfen, aber mangelnde Unterstützung des Abkommens?

Anzeige

Doch während sich die europäische Industrie von TTIP vor allem den weiteren Abbau von Handelshemmnissen verspricht, sieht die amerikanische Seite darin ein völkerrechtlich bindendes Vertragswerk, das neben einem nicht nachvollziehbaren Investorenschutz und Einschränkungen der europäischen Rechtsprechung bei Arbeitnehmer-, Verbraucher- und Umweltschutz auch einige Standardisierungsthemen zur Handelserleichterung beinhaltet. Eines der größten Hemmnisse der Handelsbeziehungen wird laut geleakten Unterlagen aber gar nicht diskutiert: das nicht-metrische Maßsystem in den USA.

Sollte TTIP tatsächlich scheitern, birgt das aber die große Chance, es mit einem zweiten Anlauf besser zu machen. Denn was Europa, die USA und die Welt wirklich brauchen, sind wegweisende und faire Abkommen, von denen gleichermaßen die Wirtschaft und die Menschen profitieren: etwa durch höhere Arbeitnehmer-, Verbraucher-, Umwelt- und Sozialstandards.

Denn erst wenn die Mehrzahl der Beteiligten davon profitiert und nicht nur ein kleiner Teil, wird eine gute Beziehung aus einer Partnerschaft. Das wäre wie in einer guten Ehe: Beide Seiten wissen sich zu schätzen, aber überfordern den Partner nicht mit den Anforderungen.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Editorial: Kraftstoffpreise

Soko Supermarkt

Verlässlichkeit ist in den vergangenen Jahren Mangelware geworden. Kaum geht es bergauf, kommt der nächste Dämpfer. Auffällig ist, wie selektiv wir auf Unsicherheit reagieren. Knappes Angebot erhöht den Preis. Das erfahren wir an vielen Stellen und...

mehr...

Editorial

Nachhaltig wirtschaften oder abgehängt werden

Nachhaltigkeit ist längst mehr als ein Modewort. Sie ist ein Motor für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und langfristigen Erfolg. "Unternehmen, die der Nachhaltigkeit Priorität einräumen, positionieren sich für langfristigen Erfolg", schreibt Eryn...

mehr...

Editorial 12/2024

Besinnlicher Wahlkampf

Das Jahr neigt sich dem Ende; viele von uns haben in den vergangenen Wochen noch auf den letzten Messen des Jahres Kontakte geknüpft und gepflegt. Ich persönlich habe das genossen, aber nun ist es auch mal an der Zeit, etwas zu entspannen.

mehr...
Anzeige
Anzeige

Editorial 11/2024

Ärmel hochkrempeln!

Als letztes Messe-Highlight des Jahres steht vom 12. bis 14. November die SPS in Nürnberg bevor. Hier treffen sich die internationale Automatisierungsbranche, Anwender und Interessierte, um die neuesten Produkte der Automatisierung, Digitalisierung...

mehr...
Anzeige

Editorial

Digitalisierung – schon wieder?

Im September stehen mit der EMO in Hannover und der Schweissen & Schneiden in Essen zwei Messen rund um die Metallverarbeitung an, die unter anderem das Thema Digitalisierung in den Fokus stellen.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Editorial

„Wofür, oh, wofür ...

... nützt nun dieser Krieg? Warum können die Menschen nicht friedlich miteinander leben? Warum muss alles verwüstet werden?“, schreibt Anne Frank am 3. Mai 1944. Leider ist das wieder aktuell.

mehr...

Editorial

„Die Maschine“ denkt mit

Mensch und Maschine. Schon vor mehr als 100 Jahren hat dieses Thema die Menschen fasziniert. 1909 beschreibt E. M. Forster in „The Machine Stops“ eine Welt, in der die Menschen völlig abhängig von einer Maschine sind und sich damit ihrem eigenen...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren