Hajo Stotz
Zeit ist relativ
Das Jahr hat zu wenig Tage. Gerade habe ich die Presseunterlagen der Hannover Messe ihrem weiteren Schicksal in der Altpapiertonne überlassen, da wird der freie Platz im Regal schon wieder von den Mappen der SPS, Blechexpo und anderer Herbstmessen eingenommen.
Kann es sein, dass die Jahre mit zunehmendem Alter immer schneller vergehen? US-Wissenschaftler gingen dem Phänomen mal auf den Grund und stellten bei einer Studie mit Teilnehmern, die zwischen 14 und 94 Jahren alt waren, tatsächlich fest, dass für 94-Jährige die vergangenen zehn Jahre gefühlt deutlich schneller vergangen sind als für 14-Jährige. Die wissenschaftliche Erklärung: Das Gehirn setzt eine bestimmte Zeitspanne automatisch in Relation zum bisher Gelebten. Während für eine 90-Jährige ein Jahr nur eine kleine Zeitspanne ihres Erlebten ausmacht, ist es für einen Fünfjährigen ein Fünftel seines gesamten Lebens.
In einem engen Verhältnis zur Jahresverlauf-Wahrnehmung steht bei mir inzwischen auch die Zahl der Ereignisse, die einen immer schneller nach Luft schnappen lassen oder noch lange Zeit beschäftigen: Klimawandel, Katas-trophen, Krisen, Anschläge und Skandale füllten dieses Jahr leider wie wenig andere seit Langem.
Auch die deutsche Industrie arbeitete 2015 hart daran, weltweit die Schlagzeilen zu füllen: Mit der Betrugs-Software von VW und anderen Autoherstellern bekam das Bild des akribischen deutschen Ingenieurs tiefe Dellen – und der neue VW-Slogan „Think New“ eine sehr selbstreflektierende Bedeutung.
Nicht katastrophal, aber verhalten lief das Jahr für die deutsche Maschinenbauindustrie. Laut VDMA liegt bei den Auftragseingängen für die ersten zehn Monate des Jahres 2015 insgesamt Stagnation vor. Doch verglichen mit der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallbranche bedeutet das Jammern auf hohem Niveau – während die deutsche Industrie vom schwachen Euro beim Export profitiert, musste die Schweizer mit der Freigabe des Frankens im Januar den stärksten Auftragseinbruch seit 2011 verkraften. Dass sie dennoch wettbewerbsfähig bleibt, verdankt sie vor allem ihrer klein- und mittelständischen Industriestruktur, die flexibel auf Veränderungen reagieren kann, wie wir auch in unserem Special ab Seite 50 beispielhaft schildern.
Wohin es führt, wenn verkrustete Konzerne in einer Branche den Ton angeben, kann man auch in der Brauindustrie sehen, wo jedes dritte Bier weltweit aus einer Inbev-Brauerei stammt. Hier machen sich nun innovative Kleinbrauereien auf, den Biermarkt mit einer Vielzahl neuer Angebote zu bereichern, die es wirklich zu testen lohnt, wie wir in der Titelgeschichte ab Seite 12 beschreiben.
Wenn’s danach geht, kann das nächste Jahr also durchaus einige Biergarten-Tage mehr haben. Vor allem aber weniger Katastrophen, Leid und Skandale aufweisen – bald ist Weihnachten, da darf man sich ja was wünschen.










