IT-OT-Konvergenz

Andreas Mühlbauer,

Der digitale Zwilling wird zum Gamechanger

Der digitale Zwilling eröffnet Möglichkeiten, die die Produktion nachhaltig beeinflussen werden. Die Technologie hat das Potenzial, Produkte, Services und Lieferketten auf ein neues Level zu heben.

Ein Harting-Steckverbinder und sein digitaler Zwilling. © Harting

In der Industrie 4.0 spielt der digitale Zwilling (Digital Twin, DTw) eine zentrale Rolle. Er verknüpft die physische und die digitale Welt und ermöglicht die durchgängige Nutzung von Daten über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinweg. Er ist somit das Symbol für die begonnene IT-OT-Konvergenz.

Damit der Datentransfer interoperabel und skalierbar erfolgen kann, sind eine gemeinsame digitale Sprache (Semantik) oder eine Standardisierung notwendig – idealerweise beides. Die Asset Administration Shell (AAS oder auch Verwaltungsschale) bietet ein standardisiertes Metamodell zur Datenmodellierung, auf die aufgesetzt werden kann.

Gleichzeitig werden in der Industrial Digital Twin Association (IDTA) Teilmodelle als Vorlagen, sogenannte SMTs (Sub-Model Templates) standardisiert und bieten die Möglichkeit, über sogenannte Semantic-IDs semantische Elemente in das Konzept zu integrieren. Damit können DTw ihre maximale Wirkung entfalten. "Proprietäre Formate sind deshalb wenig zielführend", betont Detlef Tenhagen von Harting. "Interoperabilität wird erst durch die einheitliche Beschreibung Realität. Je mehr wir einen digitalen Zwilling mit verständlichen Informationen aufladen, desto mehr wird er sich zu einem kompletten simulationsfähigen Modell der Wirklichkeit entwickeln." Dafür bietet sich ein technisches Format an, das einerseits von allen gleichmäßig bereitgestellt werden muss, und andererseits auch von allen genutzt werden kann, so wie es bei der IDTA auf Basis der grundlegenen Standardisierung durch die IEC TC65/WG24 entsteht.

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Dank klar definierter Submodelle und standardisierter Schnittstellen (API) erlaubt die AAS eine nahtlose Integration in bestehende IT-Systeme wie ERP, MES, PLM oder digitale Ökosysteme. Maschinen, Produkte, Komponenten und Software können standardisiert miteinander kommunizieren – auch über Unternehmensgrenzen hinweg.

Digital Twins ebnen den Weg für den Wandel

Der modulare Aufbau der DTw ermöglicht die Bereitstellung grundlegender Informationen in Form dieser Vorlagen wie technische Daten oder Herstellerinformationen, spezifischer Inhalte wie Wartungsanleitungen oder Recyclinginformationen sowie dynamischer Daten wie Energieverbrauch oder CO2-Fußabdruck. Unternehmen können den DTw bedarfsgerecht aufbauen und erweitern. Gerade vor dem Hintergrund des nachhaltigen Umbaus der industriellen Fertigung ist es wichtig, dass in die AAS auch der "Digital Product Passport" (DPP) integrierbar ist. "Über 80 % der Umweltbelastungen eines Produkts werden in der Konzeptphase entschieden, was einen grundlegenden Wandel der Art und Weise unserer Ideenfindung und Entwurfsentwicklung erfordert", sagt Tony Hemmelgarn, Präsident und CEO von Siemens Digital Industries Software. "Um effektiv zu sein, müssen Unternehmen neben den Eigenschaften, den Kosten und der Qualität eines Produkts auch die gesamten Umweltauswirkungen bewerten. Durch Einsatz moderner technischer Lösungen können Unternehmen diese Aspekte bereits in der Entwurfs- und Konstruktionsphase beurteilen und fundierte Entscheidungen auf der Grundlage genauer, aktueller Daten treffen."

Der Wandel der Produktion muss alle Variablen berücksichtigen, die die Umweltbelastungen eines Produkts beeinflussen. Mit Topologie-Optimierung, generativem Engineering und additiver Fertigung für digitale Werkzeug-Zwillinge lassen sich beispielsweise Materialabfall und Energieverbrauch während der Fertigung reduzieren. Effizientere Produktionslinien sind durch Simulationen planbar und die Energieverbräuche schon im Vorfeld optimierbar. Vorausschauende Wartungsmodelle erlauben es Unternehmen beispielsweise, ein Produkt während seines gesamten Lebenszyklus zu be- obachten und proaktiv zu handeln. "Es kommt dabei darauf an, Änderungen zu identifizieren, die eine praktische Auswirkung auf jeden Punkt der digital vernetzten Daten und Informationen haben, die während des gesamten Produktlebenszyklus anfallen", sagt Hemmelgarn. "Diese Veränderungen sind in den digital vernetzten Daten gespeichert und helfen den Unternehmen, Produkte nicht nur schneller, besser und rentabler, sondern auch nachhaltiger herzustellen." Nachhaltigkeit ist kein nachträglich ergänztes Element im Lebenszyklus von Produkten, sondern integraler Bestandteil des gesamten Digitalisierungsprozesses, der bereits in der Entwurfs- und Konstruktionsphase beginnt. Die DTw ermöglichen als dynamische Softwaremodelle Echtzeit-Monitoring und können so die Prozesseffizienz verbessern.

Ein QR-Code direkt am Produkt ist ein jederzeit abrufbarer Zugangspunkt für Kunden und Servicedienstleister. © Xitaso

Die Sinnhaftigkeit des DTw zeigt sich auch in "einfachen" Komponenten, wie zum Beispiel im Steckverbinder SmEC (Smart Electrical Connector) von Harting. Damit kann der gesamte Lebenszyklus abgebildet und das Recycling optimiert werden, inklusive Reuse einzelner Komponenten. Im laufenden Betrieb stellt der DTw zudem Informationen zur Verfügung, etwa über den tatsächlich fließenden Strom und dem Verriegelungszustand. "So kann definiert werden, dass der Steckverbinder automatisch verriegelt, sobald er unter Spannung steht", führt Detlef Tenhagen aus. "Das verhindert ein Ziehen des Steckverbinders in einem kritischen Zustand. So schützen wir Maschinen, Menschen und Produkte, und verhindern zudem kostenintensive Ausfallzeiten."

AAS als Grundlage für neue Geschäftsmodelle

Die AAS ist die technologische Basis, auf der all diese Anwendungen aufbauen können. Sie ermöglicht Unternehmen, regulatorische Pflichten effizient zu erfüllen und gleichzeitig neue Mehrwertdienste und datengetriebene Geschäftsmodelle zu realisieren. Das Augsburger Softwareunternehmen Xitaso sieht den unternehmerischen Mehrwert des DPP als digitalen Touchpoint zwischen Produkt, Hersteller und Endnutzer, etwa durch einfache Zugänglichkeit via QR-Code. Dr. Alwin Hoffmann ist zuständig für DTw und AAS bei Xitaso: "Durch die Bereitstellung über einen QR-Code direkt am Produkt ist ein jederzeit abrufbarer Zugangspunkt für Kunden und Servicedienstleister möglich, und zwar über dessen gesamten Lebenszyklus." Zudem ermöglicht das eigene Hosting der DPP-Daten die Analyse, wer und wann auf den DPP zugreift. "Daraus lassen sich gezielte Serviceangebote, personalisierte Informationen oder präventive Maßnahmen bereitstellen", sagt Hoffmann weiter. Er zählt eine ganze Reihe möglicher Geschäftsmodelle auf, die durch die Erweiterung des DPP mit Submodellen denkbar werden, unter anderem erweiterte Wartungshinweise, automatisierte Serviceanfragen, vorausschauende Wartung oder Transparenz über Softwarebestandteile.

Remote Operation in der Anwendung

Mit dem industrienahen Ökosystem „Produktionsinsel_Phuket“ der SFKL lassen sich Use Cases ausprobieren und vorführen. © SFKL

Zusammen mit Trumpf hat Pascal Rübel, Projektleiter für Factory-X bei der SmartFactory Kaiserslautern (SF), einen Use Case zu Autonomous & Remote Operations umgesetzt, der einige von Hoffmanns Themen aufgreift. Darin lässt sich aus der Ferne auf das Lasermodul von Trumpf zugreifen, das in das Demonstrator-Ökosystem der SF eingebaut ist und dort Bauteile individuell lasert. "Wir haben so jederzeit alle Informationen verfügbar und können eingreifen", erklärt Rübel. Dank interoperabler Maschinenbeschreibung mit einem Smart Machine Interface in OPC UA und AAS können unabhängig vom Hersteller von einem Operator Panel bedient werden. "Ein Operator kann so von überall her mehrere Maschinen in verschiedenen Unternehmen im Blick haben", sagt Rübel. Zudem überwachen Kamerasysteme die Maschinen, sodass ein Techniker vor Ort gezielt durch einen Reparaturprozess begleitet werden kann. Das Ziel ist aber, Anomalien so vorausschauend zu bemerken, dass niemand eingreifen muss. Auf der Hannover Messe wurde der Use Case erstmals auf dem Stand der SF mit der "Produktionsinsel_Phuket" präsentiert. "Mit unserem industrienahen Ökosystem können wir solche Use Cases ausprobieren und vorführen", sagt Rübel. "Wir zeigen hier praktisch, wie die Zukunft aussehen kann, damit KMU bei Neuanschaffungen oder Digitalisierungsplänen in die richtige Richtung laufen."

Der DTw wird die Produktion auf eine neue Basis stellen und neue Geschäftsmodelle generieren. Um langfristig eine ressourcenschonende und energiearme Produktion umzusetzen, gelten ab 2027 bestimmte Reportingpflichten, die mittels DPP umgesetzt werden müssen. Während große Unternehmen bereits mit DPP und DTw arbeiten, sind viele KMU abgehängt und wissen nicht, welche konkreten Schritte sie gehen sollten. Sie sehen den DPP eher als lästige Pflicht und erkennen die strategische Chance nicht. DPP und DTw ermöglichen effiziente Prozesse, neue Geschäftsmodelle und digitale Kundenbindung über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Smarte Software wird in der Produktion zum echten Gamechanger, weil sich damit Zeit, Aufwand, Ressourcen und Energie sparen lassen.

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