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Wenn der schöne Schein trügt
Gutes Licht im Büro ist keine Frage von Hell und Dunkel. Das ergonomische Gesamtkonzept muß stimmen! Arbeitsplatz-Situation, Raumarchitektur, Tageslicht und viele andere Einflußfaktoren gilt es, unter einen Hut zu bringen. Das Pro und Contra verschiedener Beleuchtungskonzepte und Leuchtentypen haben wir für Sie angerissen.
Deutschland im Herbst 1998: Knapp 15 Millionen Computer-Arbeitsplätze und kaum mehr ein Büro ohne Bildschirm. Etwa 90 Prozent aller Informationen werden hier über das Auge erfaßt. Über täglich mehr als 10 000 Blickwechsel zwischen Papier, Tastatur, Monitor. Das streßt, nervt, ermüdet. Nie zuvor wurde dem menschlichen Sehorgan mehr abverlangt. Wenn da die Arbeitsbedingungen nicht Schritt halten, fallen Wohlbefinden, Konzentration und Leistung in den Keller. Dabei reicht es nicht aus, ergonomische Bildschirme und Büromöbel aufzustellen. Auch die Qualität der künstlichen Beleuchtung muß stimmen.
Direkt oder indirekt, lautet hier die Frage. Das Begriffspaar beschreibt Verhältnis und Wirkung des direkt und über Reflektion einfallenden Lichtanteils auf einen Arbeitsplatz. Zugleich markiert es die streitbaren Contrapunkte einer seit Jahren gährenden Diskussion unter Lichtdesignern und Ergonomen. Konsens herrscht nur in zweierlei Hinsicht: Jeder Arbeitsplatz bedarf seiner maßgeschneiderten Lösung. Und das einfachste und älteste aller Kunstlichtkonzepte, die direkte Allgemeinbeleuchtung, ist angesichts moderner Leuchtensysteme nurmehr eine Möglichkeit unter vielen. Optimale Bedingungen für Bildschirm-Arbeitsplätze lassen sich heute vor allem mit der Kombination von direktem und indirektem Kunstlicht realisieren.
Direkt oder . . .
Die weit verbreitete direkte Allgemeinbeleuchtung eignet sich vorwiegend für die Grundversorgung eines Raumes mit Licht. Dabei kommen oft Deckenein- oder anbauleuchten zum Einsatz, wie sie Etap, Regiolux und viele andere fertigen. Sie werden meist mit Dreibanden- oder Kompakt-Leuchtstofflampen bestückt und für Bildschirm-Arbeitsplätze mit Reflektoren ausgerüstet, die das Licht in engen Abstrahlwinkeln (45 bis 50 Grad) abgeben. Wichtiges Bauteil dieser Leuchten sind die Spiegelraster, die für die unbedingt notwendige Entblendung sorgen. Eine Alternative für höhere Räume sind abgehängte Lichtbänder oder Lichtrohrsysteme, etwa von Bps.
Die Beleuchtungsstärke (Lux) auf der Arbeitsfläche fällt beim direkten Licht sehr ergiebig aus. Allerdings erscheint es dem Benutzer oft hart und grell. Zudem können dunkle Deckenanstriche und Leuchtdichtekegel an den Wänden die Raumwirkung negativ beeinflußen und Reflexblendungen verursachen. Unter Leuchtdichte (Candela/qm) versteht man übrigens jenen Helligkeitseindruck, den eine beleuchtete oder leuchtende Fläche dem Auge vermittelt.
Entscheidend ist es, die Direkt-Leuchten im richtigen Verhältnis zu Tageslichteinfall und Arbeitsplätzen anzuordnen. Ergonomen empfehlen grundsätzlich, Bildschirme und Schreibtische im rechten Winkel zur Hauptfensterfront eines Raumes zu positionieren, so daß der Blick des Benutzers parallel zur Fensterfront verläuft. Die Leuchten sollten dieser Richtung folgen und ebenfalls parallel zur Fensterfront montiert werden. Allerdings nicht unmittelbar über den Arbeitsplätzen, sondern seitlich versetzt.
. . . eher indirekt?
Eine Alternative zur ¿harten¿ direkten ist die indirekte Allgemeinbeleuchtung mit abgependelten Decken-, Steh- oder Wandleuchten. Sie strahlen ihr Licht nicht nach unten ab, sondern zunächst an Decken und Wände. Von dort aus reflektiert es in den Raum und schafft eine helle, sanfte und blendarme Wirkung. Das bietet zunächst größere Freiheiten beim Positionieren der Arbeitsplätze. Was aber die einen als sanft bezeichnen, empfinden andere als diffus und ¿schwammig¿. Wer Helldunkel-Kontraste und Schattenwurf für seine Arbeit braucht (zum Beispiel Modellbau in Industriedesign oder Architektur), bekommt mit der schattenarmen Lichtsituation der indirekten Beleuchtung schnell Probleme. Außerdem funktioniert sie nur optimal, wenn Decken und Wände in hellen Farben gestrichen sind.
Besser kombiniert
Intelligenter als die beiden genannten, eher einseitigen Methoden erscheint die kombinierte direkte/indirekte Allgemeinbeleuchtung. Sie vereint die Lichtstärke der Direktbeleuchtung mit der angenehmen Raumwirkung des indirekten Lichts. Allerdings benötigt man dazu Leuchtensysteme, die gleichzeitig ausgewogene Lichtanteile zur Reflektion nach oben an die Decke werfen und nach unten auf die Arbeitsplätze. Spectral, Trilux-Lenze, Bps, Hoffmeister oder Artilite stellen solche Leuchten in vielen Varianten her. Dabei werden durch Spiegel- und Rasterkonstruktionen unterschiedliche Charakteristika der Abstrahlung erreicht, die sich wiederrum für verschiedene Arbeitsplatz-Situationen eignen. Grundsätzlich bieten diese Leuchten einerseits ausreichende Helligkeit in der Vertikalen und bewirken eine gute Schattigkeit, erzeugen aber andererseits ein ausgewogenes Lichtklima im Raum. Je nach Leuchtentyp liegt der Direktanteil dabei zwischen 25 und 75 Prozent.
Großes Augenmerk ist auf die Montage dieser Leuchten zu legen. Sie müssen gleichmäßig verteilt angebracht und auf die Höhe des Raumes abgestimmt werden. Die Fachgemeinschaft Gutes Licht, Frankfurt, betont, daß bei Raumhöhen von weniger als 2,60 Metern die direkte/indirekte Allgemeinbeleuchtung mit einfachen Leuchtentypen wenig geeignet ist. Um nämlich eine gute Wirkung des indirekten Lichtanteils zu erzielen, müssen die Leuchten wenigstens 40 Zentimeter abgependelt werden. Anderenfalls klappt das mit der Reflektion nicht und es entstehen grelle ¿Lichtflecken¿ an der Raumdecke. Die wiederum verursachen störende Reflexblendungen auf den Oberflächen der Bildschirme.
Diesem Problem begegnen einige Lichtdesigner (zum Beispiel Spectral, Trilux-Lenze) mit abgependelten Spezialoptik-Deckenleuchten für Direkt/Indirekt-Lösungen. Die sind zwar etwas teurer, lassen sich aber sowohl für niedrige als auch für höhere Räume verwenden, denn sie basieren auf dem Zusammenspiel von zwei Reflektoren: Der Erstreflektor ist gleichzeitig untere Lampenabdeckung und Reflektor. Er strahlt einerseits direkte Lichtanteile nach unten ab, lenkt aber andererseits das Licht nach oben zu zwei seitlich ausladenden, segelartigen Zweitreflektoren. Von dort aus wird der indirekte Lichtanteil im Raum verteilt. Die vogelartige Gestalt dieser beeindruckenden Konstruktionen mag Geschmackssache sein, ihre Vorteile liegen jedoch auf der Hand: Ihr Licht wird als angenehm und ausgewogen empfunden, sie machen unabhängig von der Raumhöhe und flexibel bei der Anordnung der Arbeitsplätze.
Als Faustregel gilt: Je höher der indirekte Lichtanteil, desto freier lassen sich die Schreibtische plazieren. Gerade für Büros mit häufig wechselnder Einrichtung oder Arbeitsplatz-Geometrie scheinen die kombinierten Beleuchtungskonzepte also eine sowohl praktisch als auch ergonomisch akzeptable Lösung. Die Frankfurter Lichtexperten erwähnen zudem, daß ¿die Direkt/Indirekt-Lösung im Vergleich zur direkten Allgemeinbeleuchtung höhere Akzeptanzwerte erzielt¿. Der Ausgewogenheit halber sei angemerkt, daß es auch Untersuchungen gibt, bei denen die reine Direktbeleuchtung besser abschneidet. Wie gesagt: Es hängt von der konkreten Situation am Arbeitsplatz ab.
Begrenzt möglich
Was für die direkte/indirekte Allgemeinbeleuchtung von Räumen gilt, läßt sich auch auf begrenzte Bürozonen oder einzelne Arbeitsplätze übertragen. Dabei werden die abgependelten Deckenleuchten definierten Arbeitsbereichen zugeordnet. In kleinen Büroräumen ist das weniger problematisch als in Großraumbüros, wo Bereiche ohne Arbeitsplätze dann zusätzlich erhellt werden müssen. Anderenfalls entstehen Dämmerzonen, die den Blickkontakt unter den Kollegen behindern und die Kommunikation stören.
Überbrücken lassen sich diese Dämmerzonen mit nach oben abstrahlenden Standleuchten, bekannt als Deckenfluter. Ohnehin: Wer die Montage von Ein- oder Anbauleuchten gänzlich scheut und flexibel bei der Gestaltung von Raum und Arbeitsorganisation bleiben möchte, kann auch ganz auf Fluter setzen ¿ vorausgesetzt die Raumdecke bleibt für den Lichtstrom des Fluters erreichbar. Den direkten Lichtanteil liefern in diesem Fall Tischleuchten. Diese weit verbreitete Kombination von indirekter Raum- und direkter Arbeitsplatz-Beleuchtung bezeichnen Fachkreise als 2-Komponenten- oder Hybrid-System. Namhafte Hersteller wie etwa Waldmann oder Spectral bieten die dafür geeigneten Produkte.
Bei aller gestalterischen Flexibität hat diese Methode aber auch Nachteile. Schnell fühlt sich der Kollege am Schreibtisch nebenan geblendet von falsch eingestellten Tischleuchten seiner Nachbarn. Außerdem bringen Stand- und Tischleuchten meterweise Strippen ins Büro. Die müssen fachgerecht kanalisiert werden, damit sie nicht als gefährliche Stolperfallen umherliegen.
Faktor Tageslicht
Ein hoher Anteil von natürlichem Tageslicht ist eigentlich eine motivierende Sache ¿ vor allem bei schönem Wetter. Für die Arbeit am Bildschirm bringt es aber auch Nachteile, da Tageslicht oft zu Reflexblendungen führt ¿ vor allem bei schönem Wetter! Da hilft eine entspiegelte Monitor-Oberfläche wenig. Simpelste Lösung: Weg vom Fenster mit dem Arbeitsplatz!
Wo das aus Platzgründen nicht möglich ist, müssen Verschattungselemente an den Fenstern aushelfen. Dabei sind außenliegende Fassadensysteme die wirksamste Methode, da sie außerdem die Wärmeeinstrahlung mindern. Hat der Architekt das vergessen, bleiben nur nachträgliche Maßnahmen. Üblicherweise spielen die sich aus Kostengründen dann im Rauminneren ab: Lamellenvorhänge, Textil- oder Metallfolienrollos sowie die klassischen Jalousien. Eine Auswahl solcher Systeme bietet Büroaustatter Org-Delta.
Viele Leuchtenbauer führen heute zudem tageslichtabhängige Regelsysteme, die das Verhältnis von natürlichem und künstlichem Licht bedarfsgerecht anpassen. Diese sensorgesteuerten und zentral oder dezentral regelbaren Systeme (oft gekoppelt mit Präsenzmeldern) tasten den Tageslichtanteil im Raum ab und dosieren davon abhängig den Anteil des elektrischen Lichts. Das verhindert einerseits, daß die Büroangestellten stundenlang dahindämmern, nur weil keiner daran dachte, das Licht anzuknipsen. Andererseits helfen die Systeme beim Energiesparen.
Es klang bereits an, daß auch Farben erheblichen Einfluß haben auf das Lichtklima im Raum. Dabei ist das übliche Weiß keinesfalls erste Wahl. Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft empfiehlt helle Pastellfarben für Wände und Decken sowie matte, nicht zu helle Oberflächen für Möbel.
Normen gibt¿s auch
Selbstverständlich sind die beschriebenen Kriterien ¿ und noch viele mehr ¿ in Normen gegossen. Und nicht erst seit heute. Den Überbau bildet dabei die im Sommer letzten Jahres auf der Basis der EU-Bildschirm-Richtlinie verabschiedete deutsche Bildschirmarbeits-Verordnung. Sie erinnern sich vielleicht: Bis zum 31. Dezember 1999 müssen alle in einer Arbeitsplatzanalyse dokumentierten Mängel beseitigt werden. Während die BildscharbV den allgemeinen Rahmen stellt, konkretisiert DIN 5035 (teilweise von 1988!) die technischen Maßstäbe. Lichtexperten vertreten die Ansicht, daß Beleuchtungsanlagen nach dieser DIN-Norm auch der Bildschirmarbeits-Verordnung entsprechen.
Der DIN 5305 folgend lassen sich eine Reihe von Mindestkriterien für heutige Bürotypen definieren. Dazu nur ein Beispiel: Während Büroräume mit tageslichtnahen Arbeitsplätzen lediglich 300 Lux Nennbeleuchtungsstärke benötigen, werden der Beleuchtung in Großraumbüros mit hoher Raumtiefe bis zu 1000 Lux abverlangt.
One-Man-Büros haben ebenso ihre besonderen Lichtanforderungen wie Teambüros für fünf bis zehn Personen und Konstruktionsbüros mit Zeichenbrettern oder CAD-Arbeitsplätzen. Es gibt keine 08/15-Lösung. Und eines ist auch klar: Wo die schöne Theorie mit idealen Einzelfällen glänzt, stöhnt die schnöde Praxis nur allzuoft unter der Last der Kompromiße. Vielleicht ist das ja der eigentliche Grund dafür, daß der Streit der Lichtexperten über das ¿richtige¿ Beleuchtungskonzept immer wieder aufflammt.
Michael Stöcker / Oktober 1998








