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Und sie fliegen doch
Zeppelin. Welch ein magisches Wort. Sofort werden Bilder von riesigen, silberglänzenden Zigarren wach. Von majestätisch dahinschwebenden Kreuzfahrtschiffen der Lüfte, von Reisen im grenzenlosem Luxus. Und von einem Feuerball, der am 6. Mai 1937 nicht nur die Hindenburg vom Himmel riss, sondern die Luftschifffahrt an sich.
Nicht ganz. Schon bald nach dem Krieg entstanden wieder Luftschiffe. Doch diese Prallluftschiffe waren im Prinzip nichts anderes als zugespitzte Ballons, an denen eine Gondel mit Motor und ein Leitwerk hing. Und sie waren klein. Nur ein schwacher Abglanz vom Traum des Grafen, was sich gut im englischen Wort für Prallluftschiff wiederspiegelt: Blimp. Dann kam der Cargolifter. Mit einer geplanten Länge von 260 Metern war er nicht nur länger als die Hindenburg, sondern hatte auch fast das dreifache Volumen ¿ und damit das Zeug, die Phantasie der Menschen zu packen. Privatleute und Investoren, wohl eher von der Wiedergeburt der großen Luftschiffe als von dem eigentlichen Konzept eines Lastluftschiffs fasziniert, gaben Geld. Eine Halle mit Platz für zwei dieser Giganten oder 14 Jumbos entstand, ein Modell, groß genug einen Piloten zu tragen, ein Lastballon als Vorstudie ¿ dann ging das Geld zur Neige. Heute hat der Insolvenzverwalter das Sagen. Nicht so dramatisch wie damals, sondern eher mit dem leisen Plopp einer Seifenblase platze wieder einmal der Traum vom Luftschiff.
Ein ganz besonderer Traum vom Fliegen
Nicht ganz. Denn überschattet vom Medienrummel um den Cargolifter, ganz mit der den dortigen Menschen eigenen Ruhe, Bescheidenheit und Zielstrebigkeit formierte sich in Friedrichshafen am Bodensee nach 60 Jahren die Zeppelin Luftschifftechnik neu, um wie damals die größten Luftschiffe der Welt zu bauen. Und das inzwischen sogar in Serie. 1993 war es, als sich Ingenieure von ZF und Zeppelin trafen, um die Tradition wieder aufleben zu lassen und doch etwas ganz Neues zu tun. Denn beide Unternehmen sind Nachkömmlinge des von Graf Zeppelin gegründeten Firmenimperiums und heute noch durch die Zeppelinstiftung verbunden. Und beide Unternehmen vertreiben Produkte, die sich so absolut gar nichts mit schwerelosem Dahinschweben und filigranem Leichtbau zu tun haben: Getriebe und Fahrwerke, Baumaschinen und Silos. Nichtsdestotrotz haben sie es geschafft, ein Luftschiff zu bauen, das die Grundideen des Grafen aufgreift und ins 21. Jahrhundert hinüberträgt. Der Zeppelin NT ist ein modernes Fluggerät, das nichts mehr von der Schwerfälligkeit und den Einschränkungen seiner Vorfahren und Artgenossen hat: So groß wie ein Jumbo ist der Zeppelin NT dennoch so leicht wie ein Segelflugzeug und so wendig wie ein Hubschrauber.
Verantwortlich dafür sind neuen Technologien, daher der Namenszusatz NT, die die Friedrichshafener in den Luftschiffbau eingeführt haben: Zum einen eine besondere Tragkonstruktion, zum anderen ein ausgeklügeltes Steuerungskonzept. Der Zeppelin NT ist ein so genanntes halbstarres Luftschiff. Das ist nichts Neues, Luftschiffe so alt wie die Norge des Polarforschers Nobile und so neu wie der Cargolifter sind halbstarr. Doch während bei diesen alle wichtigen Bauteile wie Gondel, Motoren, Leitwerk und Bugspitze an einem Kiel befestigt sind, auf dem eine ballonartige Hülle befestigt ist, setzt der Zeppelin NT auf ein Innenskelett. Drei Aluminium-Längsträger, verbunden durch dreiecksförmige Spanten aus Karbonfaserkunststoff, bilden grob die Schiffsstruktur mit ihren 75 Metern Länge und 17 Metern Durchmesser nach. Über diese Konstruktion wird die Hülle aus einem dreischichtigen, gerade mal 0,4 Millimeter starkem High-Tech-Gewebe gezogen, die, mit 8000 Kubikmetern Helium gefüllt, dem Zeppelin erst seine endgültige Form gibt. Diese Reduktion des Außenskeletts der klassischen Zeppeline auf nur noch drei Träger spart Gewicht. Dennoch bietet der Dreieckquerschnitt der Tragkonstruktion genügend Befestigungspunkte, um alle wichtigen Baugruppen, Gondel, Motoren, Bugspitze und Leitwerk, absolut starr miteinander zu verbinden. Insbesondere lassen sich die Haupttriebwerke seitlich an der Hülle montieren, was die Lärmbelastung für die Passagiere verringert, vor allem aber die Manövrierfähigkeit erhöht.
Schwerer als Luft macht¿s leichter
Und die ist beim Zeppelin NT außergewöhnlich. Start und Landung sind spektakulär unspektakulär. Vorbei die Zeiten, als Hundertschaften unter Einsatz ihres Lebens nach Seilen griffen, um den Zeppelin regelrecht einzufangen. Heute setzt der Zeppelin auf ein leeres Landefeld auf. Erst dann tritt die dreiköpfige Bodenmannschaft heran, deren Hauptaufgabe bei Zwischenlandungen darin besteht, die Leiter für die Passagieren an die Gondel zu hängen. Verantwortlich für diese Agilität sind insgesamt vier Rotoren mit verstellbaren Blättern: Zwei an der Seite der Hülle, 90 Grad nach oben schwenkbar, einer am Heck, nach unten schwenkbar und ein quer stehender Heckrotor. Die Koordination übernimmt der Computer, denn geflogen wird wie im Airbus per fly-by-wire mit dem Sidestick. So kann der Pilot nicht nur geradeaus und engste Radien fliegen, sondern auch auf der Stelle wenden und senkrecht starten und landen. Wer jetzt über das Wort ¿fliegen¿ gestolpert ist, muss sich belehren lassen: Der Zeppelin NT fährt nicht, sondern fliegt wirklich, weil er schwerer ist als Luft. 300 Kilogramm Restgewicht haben die Konstrukteure stehen lassen. Mit diesem Kunstgriff vermeiden sie, dass der Zeppelin bei ungünstigen Witterungsverhältnissen wie ein Korken aufschwimmt und tauchen muss, um zu landen. Während des Flugs übrigens wirkt die leicht asymmetrische Hülle wie ein Tragflächenprofil und gleicht damit das Gewicht wieder aus.
Mit dieser ausgeklügelten Steuerung und seiner steifen Konstruktion gibt es für den Zeppelin NT beim Flugbetrieb keine größeren Einschränkungen. Er kann somit direkt in Konkurrenz zu einem kleineren Passagierflugzeug treten. Und was für eine Konkurrenz das ist: Panoramafenster an jedem der 12 Sitzplätze, freier Blick senkrecht nach unten im Heck der Gondel, gemächliches Dahinschweben nur begleitet von einem sanften Brummen und dazu ein Fluggebiet, das zweifelsohne zu einer der schönsten Regionen Deutschlands zählt: der Bodensee. Wer jetzt Appetit bekommen hat, der kann sich bei der Deutschen Zeppelin Reederei, auch die wurde nach 60 Jahren wiedergegründet, melden und einen Rundflug buchen. Nur ein bisschen Geduld werden Sie brauchen, die Flüge sind auf Monate ausgebucht. Denn die Faszination Zeppelin lebt wie eh und je. Genauso wie der Zeppelin selbst.
Matthias Meier
Links: http://www.zeppelinflug.de







