Wirtschaft + Unternehmen
Mehr als die Norm
Auf den ersten Blick scheint nicht einmal mehr eine Stecknadel zwischen die in Reih und Glied aufgestellten Maschinen zu passen. Erst bei genauem Hinsehen erschließt sich dem Besucher die gewollte Ordnung, der logistische Fertigungsfluss und der tiefere Sinn hinter der engen Anordnung. Bewegung überall, brummende Maschinen, fliegende Späne, sausende Rund- und Horizontalschleifmaschinen. Und ein schier endloser Kühlmittel-Schwall ergießt sich über die Werkstücke. Allerorten wird Stahl in Form gebracht, siebzig Tonnen Tag für Tag. Die Fertigung von HES Präzisionsteile Hermann Erkert gleicht einem immerzu brodelnden und surrenden Bienenstock.
Und wie im Bienenstock, so sind auch hier die Rollen klar verteilt. Mitarbeiter und Maschinen des Drehteile-Herstellers sind bestens aufeinander abgestimmt. Dabei legt Klaus Schittenhelm, Betriebsleiter und stellvertretender Geschäftsführer des Zulieferers, großes Augenmerk auf die Ordnung im Unternehmen. Denn nach seinem Credo gehören Ordnung und Sauberkeit zur Basis für Präzision und Qualität. So wird dem Thema bei aller Komplexität der Maschinenstationen großer Stellenwert eingeräumt. Das geht soweit, dass diese Kriterien ¿ neben vielen anderen ¿ mit in die Bewertungsgrundlagen zur Entlohnung und zur Berechnung von Prämien für die 500 Mitarbeiter einfließen. Denn sollen rund 200 wertvolle und sensible Maschinen saubere Arbeit leisten, dann muss auch das betriebliche Umfeld in einem ihrer Aufgabe entsprechenden Zustand sein.
Wer Auto fährt, hat fast immer ein Teil von HES Erkert unter der Haube. Ventilteile in der Servolenkung, irgend eine Ausführung von Welle, vielleicht eine Spezialwelle für eine Lenkhilfe oder ABS-Ankerwellen, eine synchrone oder asynchrone Nockenwelle oder auch Pumpenteile für die Direkteinspritzung. Solche Teile und viele andere mehr gehören ebenso zum Fertigungsprogramm des traditionsreichen Zulieferers wie Hightech-Komponenten für die allgemeine Hydraulik. Zwar bilden einbaufertige Präzisionsteile für die Automobilindustrie derzeit den Schwerpunkt, doch auch andere Branchen wie der Elektrogerätebau oder der Maschinen- und Anlagenbau zählen zum Kundenkreis. Neben dem Hauptabnehmer ZF Zahnrad-Fabrik Schwäbisch Gmünd mit ihren Niederlassungen in Berlin und Brasilien gehört vor allem die schwäbische Automobilschmiede mit dem Stern zur Stammkundschaft. Dazu gesellen sich renommierte Systemzulieferer der Automobil-Industrie wie Bosch, LUK, Siemens, FAG, oder Valeo. Und nicht nur Einzelteile verlassen das Haus, auch als Systemlieferant von vormontierten Baugruppen haben sich die Sulzbacher einen Namen gemacht. So bezieht beispielsweise Werkzeug-Hersteller Hilti fertig montierte Baugruppen für seine Bohrhämmer von HES Erkert.
1935 fing alles an. Ganz klein, wie so oft im deutschen Zulieferwesen. Der Mechaniker Hermann Erkert, der Vater des heutigen Geschäftsführers Manfred Erkert, gründet im oberen Murrtal eine Dreherei. Nach den Kriegswirren und dem schwierigen Wiederaufbau zählt der Betrieb Mitte der sechziger Jahre bereits 30 Mitarbeiter. Zu dieser Zeit tritt auch Manfred Erkert ¿ Maschinenbau-Ingenieur ¿ in das Unternehmen ein. 1967 erfolgt der Umzug an den heutigen Standort im Industriegebiet Süd in Sulzbach. Unternehmerische Weitsicht paart sich mit Risikobereitschaft ¿ und zahlt sich aus: Stetes Wachstum, neue Kunden und der teilweise stark überalterte Maschinenpark wird rigoros ¿runderneuert¿. Alte Techniken machen neuen Technologien Platz: CNC-gesteuerte Bohr-, Dreh- und Schleif-Maschinen, Automation mit Robotern, Computer halten Einzug. Das Unternehmen profiliert sich nach und nach als Technologieführer. Man expandiert: An-, Neu- und Umbauten prägen die weitere Entwicklung. Heute zählt HES Erkert zu den größten deutschen Drehteile-Zulieferern und peilt einen Umsatz von 200 Millionen Mark an.
Wo die Späne fliegen
Was muss mitbringen, wer heute bei den Automobil-Herstellern im Rennen bleiben will? Hochqualifizierte Mitarbeiter, ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein und nicht zuletzt einen hochautomatisierten und modernen Maschinenpark. In der Kaltumformung des Unternehmens verrichten zur Zeit zwei GFM-Schmiedemaschinen ihren Dienst. Dagegen laufen in der Dreherei über 65 Mehrspindelautomaten, die teilweise mit NC-Achsen ausgestattet sind, mehrere Voll-NC-Mehrspindler (Index MS42C), Revolverdrehautomaten (Index B60) und über 40 CNC-Drehautomaten (Stangen und Futter) ¿ auch als Doppelspindler ¿ sowie zehn AB
Auch die technische Ausstattung der Schleiferei hinterlässt einen überzeugenden Eindruck. Gut 20 Spitzen-Kopierschleifmaschinen von Bahmüller/Karstens, größtenteils mit CNC ¿ und die wiederum teilweise auch mit Hochgeschwindigkeits-Technologie CBN ausgerüstet ¿ verleihen dem Maschinenpark ebenso ein modernes Image wie über 20 NC-gesteuerte Spitzenlos-Schleifmaschinen von König+Bauer, Mikrosa und PeTeWe, zwölf NC-gesteuerte Innenschleifmaschinen, vier NC-gesteuerte Flächenschleifmaschinen, zwei Diskusschleifmaschinen und, und, und.
Doch moderne Anlagen in Umformtechnik und spangebender Fertigung sind nur ein Aspekt für die Leistungsfähigkeit eines Zulieferers. Denn wer einbaufertige Teile liefern will, für den spielen Weiterverarbeitung und Veredelung eine nicht minder große Rolle. Schließlich erhalten die Werkstücke meist erst in diesen abschließenden Prozessen die geforderten Endeigenschaften. Deshalb zeigt sich der Sulzbacher Zulieferer auch hier vielseitig: Fräsmaschinen, Bearbeitungszentren ¿ teilweise als Doppelspindler ausgerüstet ¿ Rollmaschinen, vollautomatisierte Räummaschinen, Hochdruck-Wasch- und Hochdruck-Entgratmaschinen ¿ alles auf dem aktuellen Stand der Technik. Dazu gesellt sich die Wärmebehandlung: Härten, Vergüten und Nitrieren. Allerdings verfährt man hier nach der Devise ¿Wir machen alles selbst, doch wenn einer was besser kann, dann nutzen wir das¿. So lässt HES Erkert rund 80 Prozent der hergestellten Präzisionsteile vergüten, einsatzhärten, nitrieren und induktivhärten.
Automation als Qualitätsfaktor
Soviel geballte Maschinenpower verlangt nach intelligenter Automatisierung, damit die erzielten Produktivitäts- und Zeitvorteile aus der Fertigung nicht zwischen den Maschinen oder an ganz anderer Stelle im Unternehmen wieder verloren gehen. Deshalb legt Betriebsleiter Schittenhelm sein Hauptaugenmerk auf einen hohen Automationsgrad. Das manifestiert sich beispielsweise im vollautomatischen Hochregallager. Über das im Haus installierte Intranet, über das alle Vorgänge im Unternehmen abgewickelt werden, wird auch das ¿unbemannte¿ Lager gesteuert. Linearroboter übernehmen die Be- und Entladung, der Versand der Aufträge erfolgt auf Kundenwunsch. Auch in der Fertigung kommen Roboter zum Einsatz: Über 40 Roboter, integriert in die unterschiedlichsten Arbeitsstationen, sind stählerner Ausdruck des Automatisierungswillens. Dabei geht es dem Drehteile-Hersteller nicht einfach darum, Mitarbeiter durch Maschinen zu ersetzen. Vielmehr sieht die Unternehmensführung die Automation als Voraussetzung für einen stets gleichbleibenden und damit jederzeit reproduzierbaren hohen Qualitäts- und Präzisionsstandard.
Prinzipiell streben die Sulzbacher danach, Qualität direkt zu produzieren - und nicht erst zu erprüfen. Was freilich nicht heißt, dass sie auf Qualitätsprüfungen in der laufenden Produktion verzichten. Im Gegenteil: Alle wichtigen CNC-Bearbeitungsstationen sind mit integrierten Messvorrichtungen ausgestattet, die stets die aktuelle Maßhaltigkeit überprüfen und dem Betrachter via Bildschirm oder Digitaldisplay anzeigen was Sache ist. 100-Prozent-Endprüfungen mit Koordinaten-Messsystemen und ein ganzheitliches Qualitäts-Management-System stellen die stete Rückkoppelung und damit die permanente Auswertung der im Betrieb gewonnenen Daten sicher.
Trotz moderner Produktions-, Steuerungs- und Datentechnik vertraut man bei HES Erkert der Technik nicht blind. An relevanten Stellen werden ¿Proben genommen¿ und mit geeigneten Messgeräten an Ort und Stelle unter Herstellbedingungen vermessen. Acht solcher Messstationen von Brown & Sharpe (vormals Leitz) sind inzwischen in der Produktion des Zulieferers am Werk. Insgesamt sechs Messsysteme nehmen automatisch alle Formen und Größen rotosymmetrischer Werkstücke in definierten Wegstrecken auf. Sie arbeiten mit einer optoelektronischen Projektionsmethode, die komplizierte Formen, Radien und Winkel erkennt. Dabei bringt die Kombination von hoher Arbeitsgeschwindigkeit und hoher Genauigkeit - die Systeme messen mit rund 1.5 + 0.01 Dmm und 7 + 0.01 Lmm Abweichung ¿ konkrete Produktivitätsvorteile: Schnelle Messzyklen und kurze Rüstzeiten. Selbst unter Berücksichtigung des Werkzeugaufnahmewechsels zur Prüfung anderer Werkstückformen arbeiten die Messsysteme schnell und rentabel.
Instandhalten heißt Qualität sichern
Wichtiger Baustein der Qualitätssicherung ist auch die vorbeugende Instandhaltung. Obwohl in diese Dienste investiert werden muss, rechnet sich ihr Einsatz über Jahre: Die Lebensdauer der Maschinen steigt und das Ziel der 100-prozentigen Verfügbarkeit aller Maschinen wird auf diesem Weg sichergestellt. Qualitätskontrollen sind zwar ein unabdingbares Muss, dennoch steht die Verfügbarkeit aller Maschinen rund um die Uhr mit im Vordergrund. Zumal das Unternehmen auf Grund der Auftragslage derzeit im Drei-Schichtbetrieb arbeitet, und sich Ausfälle nicht leisten kann.
Die Zertifizierung nach DIN ISO 9000 stellt bereits ein hohes Maß an Produktionssicherheit dar, doch mit der VDA 6.1 Norm erhebt die Automobilindustrie bekanntermaßen wesentlich schärfere Kriterien. Außerdem ist die VDA 6.1 Grundvoraussetzung für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Automobilherstellern oder Zulieferunternehmen überhaupt. Im Mai 1999 erhielt HES Erkert das Zertifikat mit 94 von 100 möglichen Punkten und auf nahezu höchster Qualitätsstufe. Doch damit nicht genug. Viele Hersteller, Hard- wie Softwareanbieter gleichermaßen, nutzen den Kenntnisstand des Unternehmens auf ihre Art: Sie engagieren die ¿eggheads¿ des Zulieferers als Partner bei ihren eigenen Entwicklungsvorhaben.
Wer allerdings heute im Wettbewerb der Zulieferer mithalten will, der kann sich nicht allein durch einen hohen Automationsgrad oder die Einhaltung von Industrienormen profilieren. Entwicklungs- und Konstruktionsleistungen sind gefragt, die den Zulieferer zum vollwertigen Partner im Rahmen von Projekten des Simultaneous Engineering machen. Das weiß man auch in Sulzbach. Einerseits werden hier Konstruktionen per CAD in enger Verbindung mit dem Kunden für die Produktionsbedingungen optimiert; andererseits ist HES heute auch als Entwicklungspartner für spezielle Aufgabenstellungen im Geschäft: Mit modernen 3D-CAD-Systemen (Autocad) werden die gewünschten Aufgabenstellungen erfüllt. Dabei entstehen im Simultaneous Engineering Produkte, wie Lenkhilfen für Servolenkungen, kompliziert geformte Wellen, Ventilkörper und andere Bauteile.
Geheimwaffe Sondermaschinenbau
Erfahrung und Knowhow, gewonnen aus zahlreichen Kundenprojekten, waren auch die Geburtshelfer einer Abteilung, die sich inzwischen zur Geheimwaffe der Sulzbacher gemausert hat: der Sondermaschinenbau. Gerade der Erfahrungshintergrund vieler gelöster Aufgaben gibt dem Unternehmen heute die Sicherheit, für nahezu jedes Problem eine praktikable Lösung zu finden. Daraus resultierendes Spezialistenwissen schlägt sich in der Herstellung aufgabenspezifischer Sondereinrichtungen nieder. Darauf gründet zum Teil auch die Kompetenz und Sonderstellung von HES Erkert bei seinen Kunden. Denn solche Teile stehen nicht ohne weiteres im Markt zur Verfügung. Wer hier arbeitet, den schrecken selbst komplizierte Aufgabenstellungen im Werkzeugbau kaum. Mit Konstruktion und Herstellung, dazu zählt auch die Elektrotechnik, befassen sich rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Was also macht einen modernen Zulieferer heute aus? Dass er seinen Mann steht bei der Konstruktion und Entwicklung neuer Produkte. Dass er über einen Maschinenpark verfügt, der den aktuellen Stand der Technik widerspiegelt. Dass er über die Automatisierung die Produktivität erhöht. Dass verlässliche Qualität zur Selbstverständlichkeit wird. Dass er in der Lage ist, einbaufertige Teile termingerecht zu liefern. Dass er seinen gewachsenen Erfahrungsschatz nutzt, um selbst auf ausgefallenen Kundenwünsche flexibel reagieren zu können.
Michael Stöcker
Ein Qualitätsfaktor ersten Ranges
ist die produktionsintegrierte Messtechnik. Das zeigt sich auch bei Drehteile-Hersteller HES Erkert, in dessen Fertigung mehrere Messstationen von Brown & Sharpe zum Einsatz kommen. Die Systeme unterschiedlicher Leistungsklassen (Baureihe Profile) nehmen automatisch alle Formen und Größen rotosymmetrischer Werkstücke in definierten Wegstrecken auf. Sie arbeiten nach der optoelektronischen Projektionsmethode, die komplizierte Formen, Radien und Winkel erkennt. Ihre hochauflösenden, linearen CCD Array Sensoren arbeiten wie ¿lichtempfindliche Lineale¿, die das Bild des Werkstücks vermessen. Paralleles Weißlicht strahlt dabei auf das Werkstück und projiziert das Abbild auf die Sensoren, die radial über jede Seite der Werkstückmittellinie ausgerichtet sind. Die CCD Arrays liefern die Informationen über das Abbild, mit denen zum Beispiel der Durchmesser festgestellt wird. Die Systeme entsprechen der Morse Nummer 2 Industrienorm und decken ein breites Anwendungsspektrum ab.








