"EU Inc."
Neue Unternehmensform für Start-ups in Europa
Selten sorgt ein Regulierungsvorschlag in Europa für so viel Rückenwind wie dieser: Der heute vorgestellte Vorschlag der EU-Kommission zur Einführung einer sogenannten „EU Inc.“ stößt im europäischen Startup-Ökosystem auf breite Zustimmung. Ziel ist es, Unternehmensgründungen und Skalierungen innerhalb der Europäischen Union zu vereinfachen und zu beschleunigen.
„Heute ist ein guter Tag für das europäische Startup-Ökosystem. Der Entwurf der Kommission ist ein großer Schritt, um Gründen und Skalieren in der EU spürbar zu vereinfachen und zu beschleunigen“, sagte Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands.
Nach Einschätzung des Verbands gehe der Vorschlag in mehreren Punkten über die bisherigen Erwartungen aus dem Ökosystem hinaus. „Die „EU Inc.” kommt als Verordnung und gilt damit unmittelbar und einheitlich in allen 27 EU-Mitgliedstaaten. Sie ist offen für alle Unternehmen, erfordert kein Mindestkapital, ist vollständig digital und ermöglicht eine Gründung innerhalb 48 Stunden für weniger als 100 Euro. Dazu kommt ein EU-weites Mitarbeiterbeteiligungsprogramm, bei dem Anteile erst bei Verkauf besteuert werden”, ergänzt Pausder.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wies auf die strukturellen Hürden für Gründer hin: „Heute bewegen sich Kapital und Daten in Sekunden über den Globus. Doch in Europa kann es noch immer Wochen oder sogar Monate dauern, ein Unternehmen zu gründen oder in einem anderen Land des Binnenmarktes tätig zu werden.“ Fragmentierte Regelungen innerhalb der EU erschwerten das Wachstum deutlich mehr als externe Handelsbarrieren. Die EU Inc. soll diese Hürden abbauen.
Kernprinzip sei das sogenannte „once only“-Prinzip: Unternehmen geben ihre Daten nur einmal an Behörden weiter, diese werden dann automatisch zwischen Registern, Steuerbehörden und Sozialversicherungssystemen geteilt und in einem zentralen EU-Unternehmensregister gespeichert.
Die EU Inc. ist vollständig digital angelegt. Von der Registrierung über Gesellschafterversammlungen bis hin zu Dokumentenverwaltung und Kapitalmaßnahmen sollen Unternehmen in allen Mitgliedstaaten papierlos agieren können. Möglich wird dies über die europäische Business-Wallet.
Ein weiterer Fokus liegt auf der Gewinnung von Fachkräften. Europa sei ein innovationsstarker Kontinent, betonte von der Leyen: Rund ein Viertel aller wissenschaftlichen Publikationen weltweit stamme aus der EU, zudem gebe es mehr Start-ups in der Frühphase als in jeder anderen Region. Mit EU Inc. sollen Mitarbeiterbeteiligungen einfacher über Grenzen hinweg angeboten werden können, um Unternehmen beim Wettbewerb um Talente zu unterstützen.
Nachbesserungsbedarf in einzelnen Aspekten
Der Startup-Verband sieht Nachbesserungsbedarf beim geplanten zentralen Handelsregister. Dieses müsse verbindlich ausgestaltet werden, statt nur ein optionaler Schritt zu bleiben.
Insgesamt überwiegt die positive Einschätzung. „Wird der Entwurf so umgesetzt, ist das eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Status quo. Und das verdient Anerkennung“, sagte Pausder. Ob sich die EU Inc. langfristig als Alternative zur Delaware C-Corp etablieren kann, hängt von der weiteren Ausgestaltung im legislativen Prozess ab.
Auch das unternehmerische Risiko soll reduziert werden. Scheitern soll nicht das Ende, sondern ein Teil des unternehmerischen Weges sein. Geplant sind vollständig digitalisierte Insolvenzverfahren sowie ein beschleunigtes Verfahren speziell für Start-ups. Gleichzeitig betonte von der Leyen, dass bestehende Sozialstandards und Arbeitnehmerrechte gewahrt bleiben.
Die EU Inc. gilt auch als strategische Chance für den Standort Europa. „Europa hat die Chance, mit der EU Inc. eine Plattform zu schaffen, auf der wir gemeinsam mit allen Gründerinnen und Gründern unseres Kontinents weiter aufbauen können. Diese Chance müssen wir nutzen“, sagte Pausder.
Auch die nationale Politik wird in die Pflicht genommen. Die Bundesregierung sei aufgefordert, die Initiative der EU-Kommission aktiv zu unterstützen und dabei auch bestehende regulatorische Strukturen kritisch zu hinterfragen. „Die Zukunft gestalten wir nicht mit Regeln von gestern”, so Pausder.









