Editorial
Wertschätzung, bitte!
Ein Handwerker schließt kategorisch aus, für eine gewisse Berufsgruppe zu arbeiten. Der Grund: mangelnde Zahlungsmoral und Besserwisserei. Ein Aufruf für mehr Akzeptanz.
Ein solches Medienecho hatte Michael Schmiedl, ein Fliesenleger aus dem Altmühltal, nicht erwartet. „Sind Sie Ingenieur bei Audi oder Siemens? Dann klicken Sie bitte hier“, ist auf seiner Website zu lesen. Einen Klick weiter begründet er seine Entscheidung, warum er nicht mehr für Ingenieure, Doktoranden und Professoren der Firmen Siemens und Audi arbeiten möchte: mangelnde Zahlungsmoral und Besserwisserei.
An dieser Stelle möchte ich jedem empfehlen, sich auf die Seite von Michael Schmiedl zu begeben und die dort veröffentlichten Zuschriften zu lesen. Die Zustimmung ist enorm, auch von Audi- und Siemens-Mitarbeitern. Interessant ist, dass sich viele bei Herrn Schmiedl bedanken für seinen Mut, die Dinge beim Namen zu nennen.
Herr Schmiedl hat einen Nerv getroffen. Er spricht ein Problem an, das die gesamte (Arbeits-)Welt betrifft: mangelnde Wertschätzung – für Kollegen, für Mitarbeiter, für Fachkompetenz, für ein gesundes Miteinander.
Wertschätzung fängt schon bei einem einfachen „Bitte“ an. Zwischen einem „Mach mal ...“ und einem „Können Sie bitte ...“ liegen mehrere Gefühlsebenen. Ein „Danke“ kann für ein gutes Gefühl beim Gegenüber sorgen, und eine Bitte um Unterstützung oder eine Verständnisfrage ist keinesfalls ein Eingeständnis von Inkompentenz. Vielmehr kann es für mehr Klarheit sorgen. Auch Kompetenz zuzulassen ist eine Frage der Wertschätzung: Wir können nicht alles wissen. Das ist auch der Grund, wieso ein Zahnarzt keine Elektroinstallationen durchführt, ein Controller kein 5-Achs-Bearbeitungszentrum bedient und ein Ingenieur keine Fliesen verlegt. Jeder hat individuelle Talente und die Mehrheit hat eine fundierte und spezialisierte Ausbildung genossen, jetzt ist es an uns, das auch zu akzeptieren.
Bei der Bewältigung der Digitalisierung sind wir auf interdisziplinäre Teams und Entwicklungspartner angewiesen. Ohne Verständnis und Akzeptanz für die Fähigkeiten anderer sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig. Niemand möchte auf längere Zeit in einem Team oder Unternehmen arbeiten, in dem Missgunst, Neid und Arroganz auf der Tagesordnung stehen. Denn eines ist sicher: Wertschätzung ist am Ende auch Wertschöpfung.









