zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Schnittstellen

Hans-Joachim Müller, Marktmanager, SEW-Eurodrive / pb,

Kurze Umrüstzeiten per Touch

Wenn viele unterschiedliche Werkstücke auf einer Maschine verarbeitet werden sollen, spielen Umrüstzeiten eine wichtige Rolle. Großen Zeitgewinn verspricht der Pick-and-Place-Roboter Seibot der Erfurter Firma Seitec, der mit Komponenten aus dem Automatisierungsbaukasten Movi-C von SEW-Eurodrive ausgerüstet ist. Für alle Robotergeometrien kommt immer die gleiche, standardisierte Schnittstelle zwischen der Robotersteuerung mit dem Softwaremodul Movikit Robotics und der übergeordneten Steuerung zum Einsatz.

Der Greifer des Pic-and-Place-Roboters ist austauschbar. Durch diesen modularen Aufbau lässt sich die Anlage schnell und flexibel umrüsten. © Seitec

Ein Werkstück von der Zuführung nehmen und zur Weiterverarbeitung in die passende Halterung legen, ist ein monotoner Arbeitsschritt. Er eignet sich perfekt zur Automatisierung – und wird doch immer noch oft von Hand erledigt. Herkömmliche Pick-and-Place-Systeme sind oft mit langen Umrüstzeiten verbunden, wenn die Verarbeitung unterschiedlicher Werkstücke gefragt ist. Der Erfurter Systemintegrator Seitec hat in Zusammenarbeit mit dem Antriebsspezialisten SEW-Eurodrive diesen Aufgabenbereich von Grund auf neu gedacht. Ergebnis ist eine maximal flexible Handhabungslösung, die alle Komponenten eines Pick-and-Place-Systems in einer einzigen, komfortablen Bedienoberfläche bündelt. Die Maschine kann hunderte, sehr unterschiedliche Werkstücke mit minimalen Umrüstzeiten verarbeiten. Für das Verwalten und Verfolgen der Werkstücke in der Maschine wurde der IEC-Softwarebaustein Movikit Production Line Control von SEW-Eurodrive eingesetzt. Er ermöglicht es, Werkstücke von einem bewegten Band auf ein anderes bewegtes Band zu legen.

Anzeige
Diese Movidrive-Umrichter aus dem Automatisierungsbaukasten Movi-C von SEW-Eurodrive versorgen die Servomotoren des Tripod- Roboters von Seitec. © Seitec

"Die Rezepte sind im Kontrollsystem der Einheit gespeichert", erläutert Daniel Pfeffer, Head of Operations bei Seitec. Mit nur wenigen Touchgesten am Bedienpanel kann ein Maschinenbediener innerhalb von Sekunden die Anlage auf ein neues Werkstück einstellen. Ist ein Greiferwechsel nötig, fordert die Maschine in derselben Oberfläche dazu auf und parkt den zentralen Roboter an der passenden Position. "Das dauert insgesamt vielleicht eine Minute", betont Pfeffer, der auch der Projektleiter ist und das Konzept entwickelte. "Hieraus ergibt sich ein enormer Zeitgewinn gegenüber Anlagen, die bei Anpassungen einen Eingriff in verschiedene Bedieneinheiten an der Maschine erfordern – insbesondere bei der Handhabung kleiner Losgrößen."

Ein weiterer Wunsch des Kunden war es, auch die Bedienung der Kamera über die Visualisierung der Gesamtanlage zu ermöglichen. Somit sind zum Einfahren der Anlage mit neuen Teilen beziehungsweise dem Einlernen neuer Konturen weder Laptop noch Software notwendig.

Reduzierte Komplexität

Das erste Exemplar dieser neuartigen Gesamtlösung Seibot – ein Akronym aus Seitec und Roboter – wurde von einem mittelständischen Produktionsunternehmen für den Bereich der Verarbeitung und Fertigung bestellt. Auslöser für den Auftrag war ein gar nicht so seltenes Problem: Eine Teilanlage der Produktionsstraße, die erst seit zehn Jahren im Einsatz ist, wurde vom Hersteller bereits wieder abgekündigt. Die alte Maschine lässt sich nicht mehr mit vertretbarem Aufwand an neue Anforderungen anpassen und ist somit nicht mehr zukunftssicher. Als Lösung entwickelten Seitec und SEW-Eurodrive gemeinsam eine einheitliche Schnittstelle zwischen der Robotersteuerung mit dem Softwaremodul Movikit Robotics und der übergeordneten Anlagensteuerung. Diese Kombination eignet sich für alle Robotergeometrien vom Scara- bis zum Sechs-Achs-Knickarmroboter. So konnte die Komplexität im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen dieser Art deutlich reduziert werden. Daniel Pfeffer betont: "Der ganz große Vorteil dieses Konzepts ist, dass die Positions- und Dynamikwerte des Roboters für den Pick-and-Place-Prozess über die Visualisierung der übergeordneten Steuerung einstellbar sind." Damit haben Einrichter der Maschine oder Instandhalter jederzeit die Möglichkeit, den Produktionsprozess zu optimieren. Ein gesondertes Bedienpanel oder spezielle Software sind nicht mehr notwendig. "Die Lösung von Seitec ermöglicht auch eine wesentlich höhere Anlagenlebensdauer", unterstreicht Pfeffer. Gründe dafür seien ihr einfacher und modularer Aufbau aus industriellen Standardkomponenten sowie der durchgehende Einsatz von Standardschnittstellen.

Herzstück der Anlage ist Tripod-Roboter, hier ohne Verkleidung. Er wird durch Servomotoren der Baureihe CMP mit PxG-Getrieben in der Ausführung P5 angetrieben. © SEW

Herzstück der Anlage ist derzeit ein Tripod-Roboter mit zusätzlicher Drehachse, der je nach Bedarf mit zwei verschiedenen Greifern ausgestattet wird. Er wird durch vier Servomotoren der Baureihe CMP mit PxG-Getrieben in der Ausführung P5 für hohe Dynamik angetrieben. Die Werkstücke werden im Vorfeld vereinzelt. Eine Kamera, die über Ethernet/IP in das Gesamtsystem integriert ist, erfasst Form und Lage von derzeit rund 130 unterschiedlichen Werkstücken auf dem Zuführband. Dieses muss – dem neuesten Stand der Technik entsprechend – nicht mehr transparent sein, wodurch sich Handhabung und Service vereinfachen. Zudem können das Pick-Band und das Place-Band in einem beliebigen Winkel zueinander angeordnet sein.

Das System liefert die standardisierte Grundlage für die Kinematik des Pick-and-Place-Roboters mit vier Freiheitsgraden. "Wir mussten für die extrem unterschiedlichen Geometrien und Größen ein System finden, um die Teile zu vereinzeln und sie dann korrekt handzuhaben", erläutert Daniel Pfeffer. Ziel des Kunden war es, in Vorbereitung auf den nächsten Arbeitsschritt, mehrere Werkstücke im Sekundentakt auf einem Warenträger zu platzieren. Diese Zielvorgaben habe man mit dem System erreicht.

Zukunftssichere Einfachheit

"Wenn ein neues Werkstück eingelernt werden soll, wird die Anlage mit Hilfe des intelligenten Movi-C-Controllers UHX65 von SEW-Eurodrive in wenigen Minuten über das Bedienpanel konfiguriert. Anschließend speichert man den Prozess als neues Rezept", sagt Christopher Kühn, der zweite Projektleiter für die Neuentwicklung. Benötigt der Roboter irgendwann mehr Freiheitsgrade oder eine andere Kamera, könnte jede Komponente dank der nichtproprietären Schnittstellen einfach gewechselt werden. Sie ließen sich dann mit Hilfe der bereits im Movi-C-Controller vorliegenden Kinematikdaten mit wenig Aufwand in die Anlage integrieren. "Alles zwischen zwei und sechs Freiheitsgraden ist möglich", ergänzt Daniel Pfeffer. Auch die Zuführbänder mit zehn weiteren Servomotoren von SEW-Eurodrive werden durch denselben Controller gesteuert, der auf diese Weise bereits intern ein Lagebild der gesamten Kinematik der Anlage hat. Weil der Roboter sowie die Bänder mit den Teilen ein System bilden, gehen die Encoderinfos der Bänder direkt auf dem Controller UHX ein. Damit sind dem Roboter die Encoderwerte und die Positionen der Bänder bekannt. Bis zu zehn Roboter, 2.000 Produkte und 200 Ablageboxen können verwaltet werden.

Langfristige Verfügbarkeit und Kompatibilität

Daniel Pfeffer (li.) und Christopher Kühn sind beide Projektleiter für die Neuentwicklung bei Seitec. © Seitec

"Das Technische Büro Erfurt von SEW-Eurodrive begleitete den Entwicklungsprozess von Beginn an", sagt dessen Leiter Frank Buchholz. "Die langfristige Verfügbarkeit und Kompatibilität der Komponenten stellt eine deutlich längere Betriebsdauer der Handhabungseinheit sicher." Seitec-Projektleiter Pfeffer ergänzt: "Unser Konzept ließ sich nur mit den Möglichkeiten des Automatisierungsbaukastens Movi-C umsetzen." Die Entwickler heben die unkomplizierte und rasche Zusammenarbeit hervor. So entstand eine schlanke und kostengünstige Gesamtlösung, die sich für zahlreiche Pick-and-Place-Anforderungen anpassen lässt.

Dank des modularen Konzepts kann Seitec den Roboter als Einzelprodukt oder Gesamtlösung anbieten. Diese beinhaltet das Engineering und die kundenspezifische Prozessanpassung, beispielsweise mit individuellen Zuführsystemen. In der minimalen Ausbaustufe ist auch eine kompakte Produktlösung mit Roboter, Steuerung und Bedieneinheit möglich.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Motoman-Roboter

Intelligenter Roboter

„Total System Solutions“ für die Industrie 4.0 stehen bei Yaskawa zur Hannover Messe im Fokus. Das heißt: durchgängige und kommunikationsfähige Systemlösungen vom Bedienfeld bis zum Roboter. Am Stand des Tochterunternehmens Vipa sind in diesem...

mehr...

Smart Automation

Trends in Austria

Die Smart Automation Austria zeigt von 1. bis 3. Oktober 2013 die Innovationen der Automatisierungsbranche. Mit dabei: Erste Ansätze zu Industrie 4.0, energieeffiziente Antriebe, SPS- und IPC-basierte Steuerungen, präzise Sensorik und moderne...

mehr...
Anzeige
Anzeige

Antriebstechnik

Prozessorleistung optimal ausschöpfen

Anlässlich der Fachmesse Drupa präsentiert Beckhoff seine PC-basierte Steuerungstechnik für die Druck- und Papierindustrie. Mit Industrie-PCs, dem Kommunikationssystem Ether-Cat und der Automatisierungssoftware Twin-Cat, bietet sie einen hohen...

mehr...
Anzeige

Betriebsstoffe

Für ein schlankes Anlagendesign

in Windkraftanlagen sorgen offene Steuerungslösungen von Beckhoff. Im Fokus der Messepräsentation auf der Husum Wind Energy steht das schnelle Kommunikationssystem Ether-CAT, das aufgrund seiner hohen Performance eine Vielzahl an Vorteilen für...

mehr...

Antriebstechnik

Intelligenz im Bau

Die Embedded-PCs der Serie CX8000 sind eine kleine PC-basierte Steuerung von Beckhoff. Damit greift PC-Control auch in im niedrigen Preissegment. Der CX8090, ausgestattet mit Ethernet-Interface und direkter Anbindung an die Beckhoff-I/O-Systeme zur...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren