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Artikel und Hintergründe zum Thema

Konstruktion und Betrieb

Dr. Gabriela Espinosa, TÜV Süd Energietechnik / am,

Treibhausgasstrategie mit Substanz

Energieintensive Branchen stehen vor großen Herausforderungen: Komplexe Lieferketten, fossile Rohstoffe und schwer dekarbonisierbare Prozesse erschweren den Weg zur Treibhausgasneutralität. Die neue Norm ISO 14068-1 liefert einen international gültigen Rahmen für den Übergang zum Net Zero entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wie können sich Unternehmen hier glaubwürdig positionieren?

Um wirklich treibhausgasneutral zu werden, muss die Pharmazie- und Chemiebranche ihre gesamte Wertschöpfungskette betrachten und langfristig planen. © Dollar Mom/Shutterstock.com

Unternehmen mit hohem Energiebedarf stehen unter wachsendem regulatorischen Druck. Künftig werden in der EU nur noch solche Aussagen zur Treibhausgasneutralität zulässig sein, die nachvollziehbar belegt und überprüfbar sind – ein Grundprinzip, das bereits mit der EmpCo-Richtlinie eingeführt und durch die geplante Green-Claims-Richtlinie weiter konkretisiert wird. Die Auswirkungen betreffen vor allem große Energie- und Stromerzeuger, die Stahl- und Zementindustrie oder das Transportwesen. Denn die Herstell- beziehungsweise Betriebsprozesse dieser Branchen setzen große Mengen Treibhausgase frei. Darüber hinaus entstehen relevante Emissionen teils auch in vorgelagerten Prozessen – etwa beim Abbau von Eisenerz oder seinem Transport zur Verhüttung. Wie können Unternehmen nachweisen, dass sie ihre Treibhausgase tatsächlich reduzieren und nicht nur mit Kompensationsmaßnahmen ausgleichen

Genau hier setzt die neue Norm ISO 14068-1 zur TreibhausgasneutraIität an. Sie fordert eine umfassende THG-Quantifizierung und kontinuierliche Reduktion entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Ihr Kernstück ist der hierarchische Dreiklang: erst vermeiden, dann reduzieren, schließlich kompensieren. Dabei geht es auch darum, das Management-System und die Herangehensweise mitzubetrachten.

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Das bedeutet unter anderem, dass Unternehmen künftig in einem Carbon Neutrality Management Plan (CNMP) zunächst konkrete Maßnahmen zur Vermeidung ihrer Emissionen festlegen müssen. Darauf folgen wissenschaftlich fundierte Maßnahmen zur Reduzierung. Weiter ist ein Zieljahr festzulegen, bis zu dem die Emissionen auf ein Minimum gesenkt werden müssen. Die Fortschritte sind zu dokumentieren, zu überwachen und durch unabhängige Dritte zu prüfen. Diese Planungsverbindlichkeit erhöht die Nachvollziehbarkeit für Stakeholder und verringert die Gefahr vager Zielsetzungen. Unternehmen, die einen klaren, wissenschaftlich basierten Net-Zero-Plan verfolgen, und damit begonnen haben, Treibhausgase Jahr um Jahr nachweislich zu reduzieren, können dann ihre verbleibenden THG-Emissionen mit hochwertigen Carbon Credits ausgleichen, um Treibhausgasneutralität zu erreichen.

Während bisher viele Net-Zero-Strategien nur auf direkte Emissionen und die von der importierten Energie (Strom, Wärme usw.) abzielten, verpflichtet die neue Norm zu einem ganzheitlichen Blick bei der Quantifizierung der Emissionen. Berücksichtigt werden dementsprechend Emissionen, die bei der Produktion und bei eigenen Aktivitäten direkt entstehen (direkte Emissionen, auch genannt Scope 1), zugekaufte Energie (importierte Energie; Scope 2) bis hin zu vor- und nachgelagerten Prozessen (indirekte Emissionen; Scope 3) entlang der Wertschöpfungskette. Besonders der dritte Bereich stellt hohe Anforderungen an Unternehmen, da hier oft die größten, aber auch am schwersten zu erfassenden Emissionsquellen liegen. Für produzierende Unternehmen bedeutet die Verifizierung nach ISO 14068-1: Auch externe Dienstleister, alle Rohmaterialien, Transportwege oder Verpackungsmaterialien rücken in den Fokus.

Konformität strategisch vorbereiten

Unternehmen, die eine Verifizierung ihrer Aussage zur Treibhausgasneutralität anstreben, um die Konformität mit der Norm ISO 14068-1 zu bestätigen, sollten dies frühzeitig strategisch vorbereiten. Die Anforderungen betreffen nicht nur technische Maßnahmen, sondern auch organisatorische Prozesse und Informationsaustausch mit Lieferanten und Kunden. Unterstützung bieten unabhängige Dienstleister wie TÜV Süd mit langjähriger Erfahrung in der Verifizierung von Emissionsberichten und Klimaschutzprojekten. Weitere Unterstützung erhalten Firmen unter anderem in Form von Lieferanten-Audits, kritischer Prüfung von Life Cycle Assessments (LCA) und Carbon Footprint of Products (CFP) sowie der Validierung und Verifizierung von Carbon Footprints auf Organisations- oder Produktebene, auch als systematischen Ansatz für Produktgruppen. Hinzu kommen die Verifizierung von Carbon Neutrality Claims, außerdem weitere ergänzende Dienstleistungen zur Umstellung auf klimafreundliche Infrastrukturen und Systeme.

Die ISO 14068-1 fordert Unternehmen dazu auf, ihre Emissionen systematisch zu erfassen und zu reduzieren. Wer die Vorgaben der Norm erfüllt, kann nicht nur seine Treibhausgasbilanz optimieren, sondern auch Greenwashing-Vorwürfen vorbeugen. Die nachvollziehbare Dokumentation von Reduktions- und Kompensationsmaßnahmen sowie die externe Verifizierung stärken die Glaubwürdigkeit gegenüber Kunden, Investoren und Regulierungsbehörden. So wird Treibhausgasneutralität nicht nur ein Etikett, sondern Teil einer zukunftsfähigen Unternehmensstrategie.


Klimaziele: Wo stehen Unternehmen heute?

Trotz wachsender Ambitionen gelingt es vielen Un ternehmen bislang nur in begrenztem Umfang, ihre Emissionen signifikant zu senken. Analysen des New Climate Institute und Carbon Market Watch aus dem Jahr 2024 zeigen: Die Mehrheit börsennotierter Firmen zielt darauf ab, im Schnitt etwa 30 % ihrer Treibhausgase bis 2030 einzusparen – zu wenig, um mit dem 1,5° Pfad des Pariser Klimaabkommens Schritt zu halten.

Laut Forschungsergebnissen des International Panel für Climate Change (IPCC) ist eine Reduktion bis 2030 von mindestens 43 % notwendig. Große Industrieunterneh men erkennen das Problem jedoch zunehmend. So er greift etwa BASF die folgenden Maßnahmen, um Emis sionen entlang der Wertschöpfungskette zu senken: Umstellung auf erneuerbare Energien, Elektrifizierung der Dampferzeugung und Nutzung von Abwärme, Ent wicklung emissionsarmer Produktionsverfahren, alter native Rohstoffe und Effizienzsteigerung.

Auch andere Big Player wie Bayer und Thyssen Krupp gehen ähnliche Wege mit der Hinwendung zu erneuerbarer Energie versorgung und effizienteren sowie emissionsärmeren Prozessen. Darüber hinaus setzt ThyssenKrupp bei der Stahlproduktion auf recycelten Stahlschrott sowie auf die wasserstoffbasierte Stahlproduktion mit grünem Strom in Direktreduktionsanlagen statt im Hochofen.

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