Interview mit Pina Schlombs, Siemens
Katalysator für den wirtschaftlichen Erfolg
Warum Nachhaltigkeit in der Industrie weit über Umweltverantwortung hinausgeht, erläutert Pina Schlombs, Sustainability Lead DACH bei Siemens Digital Industries Software, im Interview mit Andreas Mühlbauer.
Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Zukunftsfaktor, auch bei Siemens. Wie ist die deutsche Industrie bei diesem Thema generell aufgestellt?
Die deutsche Industrie zeichnet sich seit langem durch einen starken Innovationsgeist aus, der auch angesichts der wachsenden Herausforderungen der Energiewende von entscheidender Bedeutung ist. Bei Siemens sehen wir Nachhaltigkeit nicht nur als Verantwortung, sondern als strategische Chance, sowohl ökologische Fortschritte als auch den Geschäftswert zu steigern. In unserem DEGREE-Framework skalieren wir Nachhaltigkeit in den Wirkungsbereichen Dekarbonisierung, Ressourceneffizienz und für Mensch und Gesellschaft – für unseren eigenen Betrieb ebenso wie unsere Kunden und den Planeten. Durch die Verknüpfung der realen und digitalen Welt ermöglichen 90% des Siemens-Geschäfts unseren Kunden, positive Nachhaltigkeitsergebnisse zu erzielen.
Siemens setzt auf Vorbildfunktion. Unser Motto „Wir trinken unseren eigenen Champagner“ bedeutet, dass wir unsere Innovationen zunächst in unseren eigenen Betrieben testen und implementieren und so zeigen, was in der Praxis möglich ist. Und weil wir daran glauben, das Mögliche zu beweisen, hat sich Siemens verpflichtet, bis 2030 in seinen eigenen Betrieben klimaneutral zu werden sowie mehr als 1.000 Mt Emissionen bei Kunden zu vermeiden.
Wie gelingt es, Nachhaltigkeit nicht nur als Umweltverantwortung, sondern als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor in der industriellen Produktion zu verankern?
Nachhaltigkeit in der industriellen Produktion ist nicht nur eine Umweltverantwortung; sie ist ein Katalysator für wirtschaftlichen Erfolg. Bei Siemens sind wir überzeugt, dass Digitalisierung und Automatisierung entscheidende Faktoren sind, um diese Ziele in Einklang zu bringen. Durch den Einsatz fortschrittlicher Industriesoftware und die Implementierung eines digitalen Zwillings können Unternehmen ihren Energieverbrauch optimieren, Materialabfälle reduzieren und die Betriebseffizienz steigern, was direkt zu Kostensenkungen und einer Verringerung des CO2-Fußabdrucks führt. Darüber hinaus ermöglichen digitale Zwillinge eine schnellere Markteinführung, indem sie Herstellern erlauben, Prozesse virtuell zu simulieren und zu testen, bevor sie implementiert werden, was Innovationszyklen beschleunigt. Nachhaltige Praktiken steigern den Unternehmenswert und erfüllen die wachsenden Anforderungen von Kunden und Regulierungsbehörden. Letztendlich ist Nachhaltigkeit nicht nur das Richtige zu tun – sie ist eine kluge Geschäftsstrategie.
Welche Rolle spielen digitale Technologien wie der digitale Zwilling oder industrielle KI bei der Umsetzung von Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz bei Siemens?
Technologien wie digitale Zwillinge und industrielle KI sind entscheidend für die Ermöglichung der Kreislaufwirtschaft und die Förderung der Ressourceneffizienz bei Siemens. Kreislaufwirtschaft bietet der Industrie enormes Potenzial: Während lineare Geschäftsmodelle an ihre Grenzen stoßen, bieten zirkuläre Wertströme Lösungen, um Kosten zu sparen, die Betriebseffizienz zu verbessern und die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft könnte ein wirtschaftliches Potenzial von 4,5 Billionen US-Dollar freisetzen (WEF), und ein digitaler Ansatz ist entscheidend, um diese Chance zu nutzen. Digitale Zwillinge ermöglichen es Unternehmen, den gesamten Lebenszyklus von Produkten zu planen, zu simulieren und zu optimieren, von der Entwicklung bis zum Ende der Lebensdauer. Dies fördert intelligentere Entscheidungen hinsichtlich Ressourcennutzung, Wiederverwendung, Recycling und anderer R-Strategien. In Kombination mit industrieller KI können Unternehmen Wartungsbedarfe vorhersagen, die Lebensdauer von Anlagen verlängern, die Produktqualität prognostizieren und Abfall minimieren. Diese Technologien reduzieren nicht nur die Umweltbelastung, sondern schaffen auch messbare wirtschaftliche Vorteile und beweisen, dass Nachhaltigkeit und Rentabilität Hand in Hand gehen.
Am Beispiel der Werke in Fürth und Erlangen: Welche konkreten Maßnahmen hat Siemens dort ergriffen – und mit welchen Ergebnissen?
Ich erwähnte bereits, dass Siemens in Sachen Technologie die Philosophie „Wir trinken unseren eigenen Champagner“ verfolgt. Unsere Werke in Fürth und Erlangen sind ein Beleg dafür. Durch den Einsatz von Technologien wie IT/OT-Konvergenz, KI und dem digitalen Zwilling konnte der Standort Erlangen den Materialumlauf in der Produktion um 40 % und den Energieverbrauch pro Einheit auf die Hälfte reduzieren, und gleichzeitig die Produktivität um 50% steigern.
Auch Fürth unterstreicht sein Engagement für Nachhaltigkeit durch Kreislaufwirtschaft. Dem Werk ist es gelungen, die Produktlebenszyklen durch Ersatzteile und langlebige Reparaturservices zu verlängern. Dies reduziert die Emissionen aus Herstellung, Entsorgung und Recycling. Mit bereits 310 abgeschlossenen Reparaturen und dem Plan, bis 2026 2.000 Reparaturen zu erreichen, ist Fürth ein weiteres hervorragendes Beispiel dafür, wie wir unsere eigenen Technologien einsetzen. Dies unterstreicht einmal mehr, wie Innovationen in der realen und digitalen Welt tatsächliche Nachhaltigkeitseffekte bewirken.









