Meinung
Liebe Leserinnen und Leser,
die Tendenz ist erfreulich. Im letzten Jahr sind in Deutschland die Firmenpleiten signifikant zurückgegangen. 30.200 Fälle, das ist zwar immer noch eine Menge. Aber immerhin auch sechs Prozent minus, meldet eine Wirtschaftsauskunftei.
Gleichzeitig bereichern einige spektakuläre Insolvenzen die Schlagzeilen der Wirtschaftsteile. Allen voran jüngst der Fall Schlecker, dessen Drogeriemarkt- kette die Zeichen der Zeit verkannt hat und weiter auf Nahversorgung in schwer zugänglichen Regalgängen bei schmaler Personalbesetzung setzte. Da waren die jetzt führenden Wettbewerber längst auf und davon – und mit ihnen die Kunden. Der Strategiewechsel erfolgte deutlich zu spät.
Vor diesem Scherbenhaufen stehen auch Weltunternehmen, denen der globale Wandel zu digitalen Prozessen zugesetzt hat: Manroland und Kodak. Zwei klangvolle Namen der analogen Welt. Kodak hat bereits 1975 eine Digitalkamera entwickelt, unhandlich – vom Format eines veritablen Toasters, aber doch vorausschauend. Warum das Unternehmen aber ewig wartete, bis verbrauchergerechte Modelle in den Markt kamen, weiß wohl nur das Management. Den Markt machten andere Marken. Dabei hält der Konzern eine Unmenge von Patenten in der digitalen Technik, vom digitalen Bild bis zum Druck und ist in zahlreiche Prozesse verwickelt – gegen die heutigen Wirtschaftsheroen von Apple, Samsung oder HTC. Weil diese Patente Bares wert sind, wird der Konzern wohl überleben. Das Chapter 11 des amerikanischen Wirtschaftsrechts schützt ihn einstweilen vor dem Schuldendienst. Aber nicht das Unternehmen vor Managementfehlern.
Protektion kann der Druckmaschinenhersteller Manroland nicht erwarten. Staatshilfe, wie beim Wettbewerber Heideldruck, entfällt. Der Konzern ist zerschlagen. Der Rollen- und Bogenoffset leidet unter dem sich weltweit verändernden Medienverhalten. Da reicht der prosperierende Verpackungsdruck nicht aus, um die verhagelte Bilanz aufzupolieren. Der Nachfragedruck bei Verpackungen kommt vor allem aus Fernost. Dort erwächst parallel kräftige Konkurrenz. Mitten in der Insolvenz hieß es, Manroland könne beispielsweise Guss-Maschinenteile auch im Auftrag fertigen. Neue Strategien aber müssen rechtzeitig greifen. In letzter Sekunde reicht ein Strohhalm nicht mehr.
Alle drei Fälle zeigen überdeutlich, dass ein notwendiger Wechsel in der Unternehmensstrategie unterblieb, nicht mehr rechtzeitig greift oder zu spät kommt. Krisenmanagement, Veränderungen im Aufbau des Unternehmens, Optimierung der Prozesse oder Wechsel in den Produktstrategien sind schmerzlich vernachlässigt worden. Transformationsmanagement ist nur noch Alibi, wenn das Produktionsprogramm nicht mehr auf Nachfrage trifft.
Herzlichst
Ihr
Bernd Waßmann
Stellvertr. Chefredakteur
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