Industriepolitik | Kommentar
Industrial Accelerator Act (IAA): Verbände kritisieren „Buy Europe“-Strategie
Das Versprechen klingt vertraut, als die European Commission heute ihre Idee für den Industrial Accelerator Act (IAA) vorstellt: schneller, souveräner, wettbewerbsfähiger. Europa soll industriell aufholen – gegenüber der Subventionsoffensive der USA, dem staatsgelenkten Kapitalismus Chinas und der eigenen strukturellen Trägheit.
Der Vorschlag sieht „Local Content“- und „Made in EU“-Vorgaben für öffentliche Aufträge und Förderprogramme vor – unter anderem für zentrale Materialien wie Aluminium, Zement und Stahl sowie für Schlüsseltechnologien wie Windkraftanlagen, Elektrolyseure und Elektrofahrzeuge.
Doch schon kurz nach der Vorstellung äußerten zahlreiche Industrieverbände deutliche Skepsis.
„Nicht der große Wurf“, meint Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA. Der Verband vertritt den Maschinen- und Anlagenbau – eine Branche, die als Rückgrat der industriellen Leistungsfähigkeit Europas gilt.
Weitere Kritik kommt vom Verband der Automobilindustrie (VDA): Um die Industrie in Deutschland und Europa zu stärken, brauche es einen breiten Maßnahmenmix – vom vollendeten Binnenmarkt über weitere Freihandels- und Rohstoffabkommen, Technologieoffenheit und weniger Regulierung bis hin zu niedrigeren Energiekosten sowie einer Weiterentwicklung der Kapitalmarktunion und Erleichterungen bei der Transformationsfinanzierung. „Der IAA bietet hier deutlich zu wenig“, betont Hildegard Müller, Präsidentin des VDA, der die Interessen von Herstellern und Zulieferern der deutschen Automobilbranche vertritt.
Auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI) befürchtet, dass die Kommission Wettbewerbsfähigkeit weiterhin kleinteilig regulieren will.
Industrie leidet nicht an zu viel Ausland, sondern an zu viel Aufwand
Der IAA setzt stark auf „Local Content“. Wer in Europa produziert, soll bevorzugt werden. Das signalisiert industriepolitischen Gestaltungswillen. Doch es birgt Risiken: Wer Etiketten stärkt, ohne Strukturen zu reformieren, verwechselt Symbolik mit Substanz.
Europas Industrie leidet weniger unter internationaler Konkurrenz als unter eigenen Hemmnissen: Genehmigungsverfahren dauern zu lange, Standards divergieren, der Binnenmarkt bleibt fragmentiert. Digitale Geschäftsmodelle scheitern häufig an nationalen Sonderwegen. Die technologische Führungsrolle Europas – einst Markenzeichen – ist in zentralen Bereichen brüchig geworden.
Souveränität ist kein Einkaufszettel
Brodtmann formuliert es vorsichtig: „Local Content“-Vorgaben sollten mit Zurückhaltung ausgestaltet werden. Ein „Buy European“-Ansatz sei nur dann gerechtfertigt, wenn Sicherheitsinteressen konkret betroffen seien und es keine alternativen Instrumente gebe, um strategische Abhängigkeiten zu reduzieren.
Zwar gibt es kritische Technologien und Rohstoffe, bei denen Europa verletzlich ist. Doch wirtschaftliche Souveränität entsteht nicht durch pauschale Abschottung.
Ein Kontinent, dessen Wohlstand auf Export basiert, kann sich protektionistische Reflexe nur begrenzt leisten. Umso wichtiger ist ein Detail im IAA-Entwurf: Handelspartner sollen durch „Local Content“-Regeln nicht ausgeschlossen werden. Dieser Grundsatz müsse im politischen Prozess erhalten bleiben, mahnt der VDMA – auch um die Glaubwürdigkeit der EU in Freihandelsfragen nicht zu gefährden.
Europa könne nicht zugleich offene Märkte predigen und geschlossene Türen bauen.
Grüner Stahl, graue Realität
Positiv bewertet der VDMA, dass der Einsatz von grünem Stahl auf einen begrenzten Anwendungsbereich beschränkt bleiben soll. Leitmärkte für klimafreundliche Produkte gelten als industriepolitischer Dauerbrenner und können Innovationen anstoßen.
Doch auch hier entscheidet das Detail: Wenn zusätzliche Vorgaben ausgerechnet jene Maschinen- und Anlagenbauer belasten, die Technologien für die Klimaziele liefern, könnte Europa seine eigene Transformationsbasis schwächen.
Die Energiewende ist ohne europäische Maschinenbaukompetenz nicht denkbar – von Elektrolyseuren über Recyclinganlagen bis zu Effizienztechnologien. Wer diese Branche mit immer neuen Nachweispflichten und Quoten konfrontiert, riskiert Überregulierung statt Beschleunigung.
Der eigentliche Beschleuniger
Der Name „Industrial Accelerator Act“ weckt Erwartungen: Beschleunigung. Doch sie entsteht selten durch neue Regeln – meist durch weniger davon.
Weniger Bürokratie. Weniger nationale Sonderwege. Weniger Symbolpolitik.
Aber auch: Mehr Binnenmarkt. Mehr technologische Ambition. Mehr Tempo bei Genehmigungen, Infrastruktur und Kapitalzugang.
Wenn Europa wirklich beschleunigen will, muss es seine eigenen Bremsen lösen.
Mut zur Lücke
Der IAA ist kein Desaster. Aber auch kein Befreiungsschlag. Vielleicht liegt genau darin sein politischer Charakter: keine Eskalation, keine radikale Abschottung, kein industriepolitischer Alleingang.
Doch die zentrale Frage bleibt: Reicht das in einer Welt, in der andere Regionen mit milliardenschweren Programmen und strategischer Klarheit agieren?
Europas Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich nicht am Anteil heimischer Wertschöpfung auf dem Papier, sondern daran, ob Unternehmen hier schneller, innovativer und profitabler produzieren können als anderswo.
Dafür braucht es weniger Etiketten und mehr Entschlossenheit.









