Praxistest in Erlangen
Siemens setzt humanoiden Roboter im Werk ein
Dass humanoide Roboter irgendwann in Fabriken arbeiten würden, galt lange als Zukunftsvision. Siemens, Nvidia und das britische Start-up Humanoid haben diesen Moment nun ein Stück näher gerückt – mit einem handfesten Praxistest unter realen Bedingungen.
Im Siemens-Elektronikwerk in Erlangen übernahm der radgetriebene Humanoide HMND 01 Alpha über mehrere Stunden autonome Logistikaufgaben: Behälter greifen, transportieren, ablegen. Klingt simpel, ist es aber nicht – zumindest nicht für eine Maschine, die das in einer laufenden Produktionsumgebung neben menschlichen Kollegen tun soll. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Mehr als 60 Behälterbewegungen pro Stunde, eine Betriebszeit von über acht Stunden und eine Erfolgsquote beim autonomen Pick-and-Place von über 90 Prozent.
Was den Test technisch interessant macht, ist weniger der Roboter allein als das Ökosystem dahinter. Humanoid hat den Physical AI Stack von Nvidia vollständig in die HMND-01-Plattform integriert – von Jetson Thor für Edge Computing über Isaac Sim zur Simulation bis hin zu Isaac Lab für das Reinforcement Learning. Bemerkenswert dabei: Durch den simulationsbasierten Entwicklungsansatz ließ sich die Prototypenphase von typischen 18 bis 24 Monaten auf rund sieben Monate verkürzen.
Aufbau des industriellen Rückgrats
Der wahre Wert eines humanoiden Roboters liegt darin, eine vollständig integrierte Komponente in der Fertigung zu werden. Das erfordert einen Datenaustausch mit Produktionssystemen und anderen fahrerlosen Transportsystemen, synchronisierte Arbeitsabläufe mit anderen Maschinen und menschlichen Bedienern sowie adaptives Verhalten, das dynamisch auf veränderte Bedingungen reagiert. Ohne diese tiefe Integration bleibt selbst der ausgefeilteste Roboter ein isolierter Baustein.
Siemens steuert das industrielle Rückgrat bei. Über das Xcelerator-Portfolio werden Digitaler Zwilling, Flottenmanagement, Kommunikationsnetzwerke und Steuerungsschnittstellen sowie Antriebe bereitgestellt – alles, was nötig ist, dass humanoide Roboter effizient in der gesamten Fabrikumgebung arbeiten. Das Ergebnis ist ein fabriktaugliches Modell für den Einsatz von Humanoiden in jeder industriellen Umgebung.
„Die Fabriken der Zukunft erfordern Roboter, die autonom neben menschlichen Arbeitskräften ihre Umwelt wahrnehmen, verstehen und sich anpassen können, um den Arbeitskräftemangel und die operative Komplexität zu bewältigen, mit denen die traditionelle Automatisierung zu kämpfen hatte", sagte Deepu Talla, Vice President of Robotics and Edge AI bei Nvidia.
Humanoid: Entwicklung fabriktauglicher Humanoider
Hinter dem HMND 01 Alpha steckt das britische KI- und Robotik-Unternehmen Humanoid, das seinen Roboter von Grund auf für den industriellen Einsatz konzipiert hat – kein nachträglich angepasster Laborprototyp, sondern ein System, das von Anfang an auf die Anforderungen realer Produktionsumgebungen ausgelegt wurde. Die omnidirektionale Radplattform sorgt für flexible Beweglichkeit im Werksalltag, während das hauseigene KI-Framework KinetIQ die nötige Intelligenz für wechselnde Aufgaben und komplexe Handhabungsoperationen mitbringt.
Firmengründer und CEO Artem Sokolov sieht den Erlanger Test als Beleg dafür, dass der Schritt vom Labor in die Fabrik gelungen ist – und dass die Kombination aus Nvidias KI-Infrastruktur und der industriellen Integrationskompetenz von Siemens dabei entscheidend war.









