Energietechnik
Störungen durch Oberschwingungen vermeiden
Oberschwingungen sind unterschätzte Störgrößen in elektrischen Versorgungsnetzen. Besonders in Kläranlagen und Wasserwerken führen harmonische Verzerrungen zu schlechterer Netzqualität und zu Folgekosten: zusätzliche Erwärmung von Transformatoren und Kabeln, Fehlauslösungen von Schutzgeräten, reduzierte Lebensdauern bis hin zu Anlagenstillständen. Wer Verfügbarkeit und Effizienz seiner Prozesse sichern will, kommt daher an einem Oberschwingungsmanagement nicht vorbei.
Nichts ist perfekt, auch nicht die Verteilung von und Versorgung mit elektrischer Energie. In Wechselspannungsnetzen wird die Spannung mit einem gleichförmigen Sinusverlauf illustriert, die den regelmäßigen Wechsel der Polarität darstellt. Doch in der Realität sind diese Wellen alles andere als perfekt. Sinusverläufe mit sogenannten Oberschwingungen stören die Effizienz und die Zuverlässigkeit des Stromnetzes. Deshalb müssen sie so weit wie möglich vermieden werden.
Da immer mehr Geräte und Maschinen im Spannungsnetz betrieben werden, die Oberschwingungen verursachen, nehmen auch die Auswirkungen auf Netze und Verbraucher zu. Die Folgen sind vielfältig und fangen schon bei Kabeln an. Sie werden durch die zusätzliche Belastung erhitzt, was zu Kabelschäden und zu unerwünschten magnetischen Feldern führen kann. Auch Motoren, Generatoren und Kondensatoren können durch den zusätzlichen Stromfluss von Oberschwingungen überhitzen. In Transformatoren und Drosselspulen verursachen Oberschwingungen Eisenverluste. An Spulen können Spannungsfälle entstehen. Selbst Stromausfälle, die durch Oberschwingungen verursacht werden, sind möglich – mit oft schwerwiegenden Auswirkungen auf die Infrastruktur.
Aufgrund der Gefahren für Maschinen und Anlagen liegt es im Interesse aller Betreiber, deren Equipment als Verbraucher Teil des Stromnetzes ist, das Entstehen von Oberschwingungen so weit wie möglich zu reduzieren. Viele Netzbetreiber geben für Oberschwingungen Grenzwerte vor. Dies soll zum einen die Störaussendung von oberschwingungserzeugenden Maschinen in erträglichen Grenzen halten. Zum anderen soll aber auch die Störfestigkeit von Maschinen, die in Netzen mit Oberschwingungen betrieben werden, festgelegt werden.
Oberschwingungen zu erkennen und zu bekämpfen, ist jedoch nicht einfach, denn nicht immer treten Probleme sofort und eindeutig sichtbar auf. Häufig ist das Phänomen bei Betreibern kaum bekannt, sodass sich auftretende Probleme erst gar nicht auf Oberschwingungen zurückführen lassen.
Die Bedeutung von Frequenzumrichtern
Sinn und Zweck von Frequenzumrichtern ist es, die aufgewendete elektrische Energie durch die Regelung der Motordrehzahl genau an die Erfordernisse des Prozesses anzupassen. Dieses Vorgehen kann viel Energie sparen, doch gleichzeitig kann es zur Entstehung von Oberschwingungen führen. Der Einfluss von Oberschwingungen auf das Stromnetz und die daran angeschlossenen Geräte dürfen Betreiber deshalb nicht vergessen. Wird bei der Planung neuer Anlagen oder einem Retrofit – wie etwa der nachträglichen Ausrüstung des Anlagenbestands mit Frequenzumrichtern – darauf geachtet, dass die Anlage möglichst wenige Oberschwingungen verursacht, lassen sich kurz- und langfristig Kosten sparen. So bedeutet ein geringer Oberschwingungsgehalt zum Beispiel, dass Kabel nicht überdimensioniert ausgeführt werden müssen. Auch der Leistungspuffer des Transformators als eine der teuersten Komponenten im Stromnetz kann kleiner dimensioniert werden.
Wo ein geringer Oberschwingungsgehalt von hoher Bedeutung ist, sollten Anlagenbetreiber also Frequenzumrichter nutzen, die geringe THDi-Werte gewährleisten. Im Mittelpunkt stehen dabei sogenannte AFE-Frequenzumrichter. AFE bedeutet Active Front-End. Dies ist eine Technologie zur Gleichrichtung des Stroms, bei der statt Diodengleichrichterbrücken Bipolartransistoren mit isolierter Gate-Elektrode (Insulated Gate Bipolar Transistor, IGBT) verwendet werden. Die Eingangs-IGBTs solcher Frequenzumrichter lassen sich besonders präzise steuern. Diese Fähigkeit bewirkt, dass der aus dem Netz entnommene Strom sinusförmig bleibt. Oberschwingungen werden vermieden, und die Spannungskurve nimmt einen nahezu perfekten Sinusverlauf.
Noch ein weiterer Faktor mindert die Auswirkungen von AFE-Frequenzumrichtern aufs Stromnetz: Ein integrierter LCL-Filter (Spule-Kondensator-Spule) vor den Front-End-IGBTs entfernt auch hochfrequente Störungen. Zusammengenommen bewirken diese Technologien, dass THD-Werte von typischerweise 3 % erreicht werden. Bei herkömmlichen Frequenzumrichtern mit integrierter Drossel, einer weit verbreiteten Lösung zur Oberschwingungsbekämpfung, kann der THDi-Wert bis zu 40 % erreichen.
Oberschwingungen effektiv reduzieren
Mit den Ultra-Low Harmonic Drives (ULHD) bietet ABB ein breites Spektrum an Frequenzumrichtern mit AFE-Technologie. Die branchenspezifischen Geräte verhindern die Überdimensionierung von Komponenten wie Generatoren, Transformatoren, Schaltanlagen und Kabeln und können auch bei Modernisierungsprojekten die Überhitzung von Komponenten verhindern. Zudem sorgen sie für saubere Stromnetze mit geringen THDi-Werten und kompensieren Blindleistung. Da Energieversorger für Kunden mit einem hohen Blindleistungsbezug oft Strafgebühren erheben, lassen sich hier zusätzliche Kosten vermeiden.
Durch die Kombination verschiedener fortschrittlicher Technologien bieten die Ultra-Low Harmonic Drives viele Vorteile. Sie senken die Gesamtbetriebskosten, halten das Stromnetz sauber und reduzieren das Risiko von Störungen. Damit lassen sich Schäden an den Anlagen verhindern und gleichzeitig der Platzbedarf bei der Installation reduzieren.
In einer perfekten Welt der Energieversorgung gäbe es keine Oberschwingungen. Doch auch in der Praxis des betrieblichen Alltags lassen sich die THDi-Werte so weit reduzieren, dass keine Gefahren mehr für das Equipment entstehen und die Netzverschmutzung auf ein Minimum reduziert wird. Durch den Einsatz von Ultra-Low Harmonic Drives verschaffen sich Betreiber Vorteile für ihre Kosten und die Sicherheit der Anlage.
Florian Groß, Produktmanager Antriebs- und Steuerungstechnik, ABB Motion Deutschland








