ZVEI-Positionspapier
Studie sieht Elektro- und Digitalindustrie als zentralen Wachstumstreiber bis 2035
Die Elektro- und Digitalindustrie hat unter allen deutschen Industriesektoren das größte Wachstumspotenzial. Das zeigt eine aktuelle Studie von IW Consult und dem BDI. In diesem Zusammenhang forder der ZVEI bessere politische Rahmenbedingungen und legt eine „Agenda für die Industrie von morgen“ vor. Schwerpunkte liegen auf Automatisierung, Künstlicher Intelligenz, Energietechnik, Mikroelektronik und Verteidigung.
Die Elektro- und Digitalindustrie (EDI) gilt als Schlüsselbranche für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und Europa. Eine aktuelle Studie von IW Consult und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) prognostiziert ihr bis 2035 das größte Wachstumspotenzial aller Industriezweige. In allen untersuchten Szenarien liegt die Branche vorn, sowohl bei Wertschöpfung als auch bei Beschäftigungseffekten.
Haupttreiber sind demnach globale Entwicklungen in Elektrifizierung und Digitalisierung: von KI-gestützter Prozessautomation über neue Energietechnik bis zur Transformation der Mobilität. In einem optimistischen Szenario könnte die Wertschöpfung der deutschen EDI bis 2035 auf 182 Mrd. Euro anwachsen, eine Verdopplung im Vergleich zu heute.
„Von KI-gestützter Prozessautomation, über elektrifizierte Wärmeversorgung in Gebäuden bis hin zur Antriebswende in der Mobilität sind unsere Unternehmen mit ihren Lösungen in diesen Wachstumsfeldern unterwegs – das macht die Elektro- und Digitalindustrie zur Schlüsselbranche der Zukunft“, sagte ZVEI-Präsident Gunther Kegel bei der Vorstellung der Ergebnisse in Frankfurt.Er fordert: „Um dieses Potenzial möglichst voll auszuschöpfen, brauchen wir neben unternehmerischen Entscheidungen vor allem eines: industrietaugliche politische Rahmenbedingungen, die fördern, statt zu bremsen.“
Bereits heute zählt die Branche zu den größten deutschen Industriezweigen: Mit einem Umsatz von 220 Mrd. Euro im Jahr 2024 und rund 900.000 Beschäftigten erwirtschaftet sie etwa ein Siebtel der gesamten industriellen Wertschöpfung. Ihr hoher Innovationsanteil verstärkt die Rolle zusätzlich: Rund ein Fünftel des Umsatzes entfällt auf neue Produkte, fast ein Viertel aller Forschungs- und Entwicklungsausgaben des Verarbeitenden Gewerbes stammt aus der EDI.
Als Anbieter von Querschnittstechnologien ist die Elektro- und Digitalindustrie an beinahe allen für die Studie identifizierten Wachstumsmärkten beteiligt. Allein in den Bereichen Industrieautomation und Robotics sowie bei alternativen Antrieben wird die deutsche Wertschöpfung bei positiver Entwicklung der wettbewerblichen Rahmenbedingungen 2035 auf zusammengenommen über eine halbe Billion Euro geschätzt. Der Elektro- und Digitalindustrie kommt hier ein erheblicher Anteil zu: Durch die Entwicklung von Schlüsselkomponenten für Automationslösungen – von Komponenten für Industrieroboter über intelligente Steuerungs- und Kommunikationseinheiten bis zur eingebetteten Software – werden nicht nur effizientere Produktionsprozesse ermöglicht, sondern die digitale Transformation in den Anwenderindustrien maßgeblich vorangetrieben.
Industrielle KI
Besonders hohes Potenzial liegt im Feld der industriellen Künstlichen Intelligenz (KI). Nach Angaben des Positionspapiers wird der globale KI-Markt bis 2035 auf rund 2 Bio. Euro geschätzt. „Deutschland kann im optimistischen Szenario seinen Marktanteil auf knapp über 7 % steigern, wodurch der Wachstumsmarkt der Künstlichen Intelligenz für Deutschland ein Wertschöpfungspotenzial in Höhe von bis zu 144 Mrd. Euro ausweist (Quelle: IW Consult)“, heißt es in dem Papier. Industrielle KI soll Produktionsprozesse effizienter und flexibler machen, etwa in Fertigung, Logistik oder Wartung. Gleichzeitig erwarten die Studienautoren Produktivitätsgewinne für Deutschland von 0,9 % für die Jahre 2025 bis 2030 und von 1,2 % jährlich im Zeitraum 2030 bis 2040 (Quelle: IW Consult).
Automation und Robotik
Auch die Automation und Robotik zählen zu den größten Wachstumstreibern. Für Deutschland wird ein Wertschöpfungspotenzial zwischen 155 und 276 Mrd. Euro bis 2035 erwartet. Laut dem ZVEI-Positionspapier handelt es sich hier um einen globalen Markt mit einem erwarteten Volumen von rund 2 Bio. Euro, an dem Deutschland im optimistischen Szenario bis zu 285 Mrd. Euro Anteil haben könnte.
„Das Wachstumsfeld Digitalisierung, bestehend aus den Märkten Künstlicher Intelligenz sowie Automation und Robotik, generiert im Optimistischen Szenario 2035 ein Gesamtwertschöpfungspotenzial in Höhe von bis zu 420 Milliarden Euro. Die EDI gilt hier als eine der wichtigsten Leitbranchen und treibt die digitale Transformation maßgeblich voran“, ist in dem Papier zu lesen.
Energietechnik und Elektrifizierung
In der Energietechnik wird die EDI vor allem durch Netztechnik, Wärmepumpen und Gleichstromlösungen zum zentralen Akteur. Das Positionspapier beziffert das mögliche Wertschöpfungspotenzial für Deutschland bis 2035 auf 153 Mrd. Euro. Allein die globalen Märkte für Wärmepumpen und smarte Gebäudetechnik sollen bis 2035 zusammen über 1,4 Bio. Euro erreichen. Auch Gleichstromlösungen gelten als bedeutendes Wachstumsfeld, etwa für die Kopplung erneuerbarer Energien mit Elektromobilität und Speichern.
Mikroelektronik
Chips und Sensoren sind nach Einschätzung des ZVEI unverzichtbar für nahezu alle Zukunftstechnologien – von Medizintechnik über Mobilität bis zu Verteidigungssystemen. Das Positionspapier weist darauf hin, dass ohne zusätzliche Fördermaßnahmen der europäische Produktionsanteil von heute 8,1 auf 5,9 % im Jahr 2045 sinken könnte. Während die USA, China und Japan Milliardenbeträge in die Halbleiterförderung investieren, liegt die EU deutlich zurück. Frühere Förderprogramme in Europa hätten sich allerdings bereits als Wachstumsmotor erwiesen: Sie führten laut Studie zu neuen Arbeitsplätzen, höherer Wertschöpfung und zusätzlichen Steuereinnahmen.
Verteidigung und Sicherheit
Die Bedeutung der EDI für die Verteidigungsindustrie nimmt weiter zu. Der Elektronikanteil in Rüstungssystemen ist seit 2000 von 10 auf 17 % gestiegen, für 2035 bis 2040 werden 25 % erwartet. Nach Angaben des Positionspapiers basieren moderne Verteidigungssysteme zunehmend auf Elektronik, Software und digitaler Infrastruktur. Wichtige Trends sind unbemannte Systeme wie Drohnen sowie Satellitenkommunikation für sichere Navigation und Überwachung. Zugleich bestehen für Unternehmen hohe Eintrittsbarrieren, etwa durch Zertifizierungspflichten oder Exportkontrollen.
Politischer Handlungsbedarf
Der ZVEI fordert eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch energiepolitische Reformen, Bürokratieabbau und Investitionen in technologiegetriebene Märkte. Das bisherige Maßnahmenpaket der Bundesregierung reiche nicht aus, um die Chancen der Branche vollständig zu nutzen.
Mit seinem Positionspapier „Agenda für die Industrie von morgen“ verweist der ZVEI auf die strategische Rolle der Elektro- und Digitalindustrie für die deutsche und europäische Wirtschaft. Sie sei nicht nur eine Schlüsselbranche, sondern auch Voraussetzung für Wachstum in anderen Industrien. Laut Positionspapier kommt der Branche eine Querschnittsfunktion zu, die für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas entscheidend ist.










