Wirtschaft + Unternehmen
Stark in Europa
Wer in Frankreich nach Zulieferern sucht, sollte sich auf die Region Rhône-Alpes konzentrieren. Sie kann als das Zentrum für das Zulieferwesen gelten - gleichgültig für welche Fertigungstechnik.
Crassier ¿ Schmutzhügel oder technisch korrekter Abraumhalden ¿ nennen die Bewohner von Saint-Étienne die Erhebungen, die der Steinkohle-Bergbau so ganz nebenbei in die Höhe wachsen ließ. Inzwischen sind die Hügel viel weniger schmutzig als vor allem selten. Lediglich zwei Exemplare zieren die Umgebung der Stadt. Und es werden wohl die einzigen bleiben. Der Bergbau hat sich, genauso wie andernorts, aus der Region zurückgezogen. Er hinterließ nicht sehr viel mehr als die beiden Crassiers, das Bergbaumuseum und den Schriftzug auf einer der fünf Ingenieurschulen der Stadt ¿ École Nationale Supérieur des Mines.
Ob es der Stadt schwer fiel, ganz ohne in den Berg fahrende Arbeiter und dröhnende Bagger, aber vor allem ganz ohne Bergbauindustrie auszukommen? Wahrscheinlich schon, wenngleich heute davon nichts mehr zu spüren ist. Die elftgrößte Stadt Frankreichs hat ihre Stärken neu definiert und dabei auf die industrielle Tradition der Region Rhône-Alpes aufbauen können.
¿Neben dem Großraum Paris ist Rhône-Alpes die Region mit den meisten Zulieferbetrieben.¿ Jean-Luc Chapelon, bei der Chambre de Commerce et d¿Industrie Saint-Étienne / Montbrison zuständig für die internationale Entwicklung, hält nicht mit seiner Meinung hinterm Berg, dass diese Region als ein Wirtschaftsmotor Frankreichs und sogar Europas gelten kann. Rund 6 500 Unternehmen ¿ die meisten klein- oder mittelständisch ¿ und damit ungefähr 20 Prozent des gesamten französischen Zulieferwesens sind hier ansässig. Sie beschäftigen über 160 Tausend Menschen und ihr Jahresumsatz beläuft sich insgesamt auf zirka 142 Milliarden Franc.
Die Nase vorn
Knapp 900 Zulieferer kommen aus dem Umland von Saint-Étienne beziehungsweise dem Département Loire. Mit dem Unternehmen H.E.F. gehört sogar der in Frankreich als führend geltende Oberflächentechnik-Spezialist dazu. Wobei es untertrieben wäre, hier von einem reinen Zulieferbetrieb zu sprechen. Denn die Gruppe mit weltweit mehr als 600 Mitarbeitern bietet ihren Kunden nicht bloß Lohnbeschichtung an. Forschung und Entwicklung rund um Beschichtungsverfahren und -anlagen sowie rund um das komplexe Thema Tribologie werden in der Zentrale unweit von Saint-Étienne ganz groß geschrieben.
Ein unternehmenseigenes Forschungszentrum mit 40 Entwicklern, 140 Patente, die rege Mitarbeit in nationalen und internationalen Forschungskooperationen machen deutlich: Bei der Oberflächentechnik will man die Nase ganz vorn haben und sich auf bisher Erreichtem beileibe nicht ausruhen. Deshalb kann es nicht verwundern, dass mehr als 20 Prozent des Umsatzes regelmäßig in Forschung und Entwicklung fließen.
Ob es um dekorative Oberflächen oder um funktionale technische Schichten geht, ein Großteil der Verfahren werden im Forschungszentrum entwickelt und nach und nach weiter optimiert. In den Werken, die unter dem Namen Technique Surface firmieren, und bei den 350 Lizenznehmern in 30 Ländern können sie dann ihre Stärken ausspielen; meistens in den von der Tochtergesellschaft Tecmachine produzierten Anlagen.
Allein mit dem Thema Schichten gibt sich das Unternehmen jedoch nicht zufrieden. So reiht sich in einer der Hallen am Stammsitz ein Triboprüfstand an den anderen. Dort wird nicht nur die Qualität des eigenen Lieferprogramms an Buchsen, Lagern, Bolzen und Wellen geprüft. Auf einigen, eigens für den Test konzipierten Prüfständen belegen auch Bauteile von Kunden ihre Tauglichkeit und vor allem ihr Verschleißverhalten. Unter anderem müssen sich hier Dämpfungselemente für die Lagerung von Reaktorgebäuden neben Bremsen für die Formel 1 einem Dauertest unterziehen.
Oberflächentechnik, Anlagenbau, Maschinenelemente, Medizintechnik... Die große Bandbreite bei H.E. F. kommt nicht von ungefähr. Denn schon der Gründer des Unternehmens, Jacques Jean Caubet, hielt es nicht mit enger Fokussierung. Wenn man die Lösungen für ein Problem kennt, sollte man sie den Kunden anbieten, könnte seine Devise gelautet haben. Die jetzige Führungsgruppe und genauso die Mitarbeiter, die allesamt am Unternehmen finanziell beteiligt sind, haben sich dieses Motto zu eigen gemacht und führen es erfolgreich(!) fort.
Noch besser...
¿Noch näher, um noch weiter zu gehen, um noch stärker, noch schneller, noch präziser zu sein, um noch höher hinaus zu kommen...¿ Gewiss, es ist etwas sperrig, das Motto, das André Laurent seinen Mitarbeitern und sich selbst auf den Weg gibt. Es lässt sich jedoch auf einen einfachen Satz zusammenfassen: Wir wollen immer besser werden. Das Motto wird tatsächlich gelebt ¿ das kann man beim Rundgang durch das mittelständische Zulieferunternehmen förmlich spüren. Vom Kaufmann bis zur Sekretärin, vom Ingenieur bis zum Lagerarbeiter ziehen alle an einem Strang, arbeiten alle an ihrem gemeinsamen Ziel. Und es scheint ihnen Spaß zu machen.
¿Der Mann für gewisse Schrauben¿, so könnte man die ursprüngliche Geschäftsidee des Unternehmers bezeichnen. Denn mit Sonderbefestigungselementen startete er den Betrieb vor über dreißig Jahren. Dort wo Präzision und vor allem Zuverlässigkeit gefordert ist, im Schienenverkehr, im Kranenbau, an Bohrplattformen, in der Luft- und Raumfahrt, an Maschinen und Robotern sind die Spindeln, Achsen oder Spezialschrauben des Zulieferers zu finden.
Doch längst hat sich das Aufgabenspektrum erweitert. Im Warmschmiede-Verfahren geformte Bolzen, die auf Gewinderollmaschinen das erforderliche Gewindeprofil erhalten, sind nur noch ein ¿ wenngleich gewichtiger- Ausschnitt des kompletten Angebots. Hinzu kam der Handel, aber vor allem die Entwicklungs- und Optimierungsleistung für komplette mechanische Baugruppen. ¿Wir wollen unseren Kunden möglichst viel aus einer Hand bieten und sie von der Idee bis zur Lieferung der Produkte betreuen¿, erläutert Export Gebietsleiter Xavier Muller die dahinter stehende Strategie.
Den Kunden des Unternehmens kommt die enge Kooperation, die oftmals den Know-how-Austausch mit einschließt, in mehrfacher Hinsicht zugute. Schließlich ist es das erklärte Ziel der Entwickungsingenieure, beim Auftraggeber die Produktivität und Rentabilität zu verbessern. Steigert die Modifikation eines Bauteils oder einer Baugruppe dessen Funktionalität? Welche Fertigungsverfahren empfehlen sich für den speziellen Fall? Wie lassen sich die Fertigungskosten deutlich senken? Solche Fragen wollen umfassend beantwortet sein, bevor die Präsentation der technischen und wirtschaftlichen Vorteile einer Modifikation stattfinden kann. Danach folgt der Bau eines Prototypen ¿ und das Bauteil kann in die Fertigung gehen.
Der Standort und die Stärken der Region seien wichtige Vorteile, die diese umfassende Arbeit erst ermöglichen, so sieht man es bei dem Zulieferer. Muller: ¿Wir haben hier ein sehr gutes Netz von Lieferanten, so dass wir uns auf unsere Stärken konzentrieren können.¿ Und zudem eine ¿Mécapole¿ genannte, von den Unternehmen des Départements gegründete Interessenvertretung, die nicht nur den Gedankenaustausch sondern ebenso die Zusammenarbeit untereinander fördert.
Durchaus typisch
H.E.F. und André Laurent sind nur zwei Beispiele für leistungsfähige Betriebe aus der süd-östlichen Mitte Frankreichs. Beide können durchaus als typisch gelten. Denn wie die meisten der in Rhône-Alpes ansässigen Zulieferunternehmen kümmerten sie sich frühzeitig um die Zertifizierung ihres QM-Systems nach den einschlägigen Standards. Das kommt ihnen unter anderem beim Export zugute, der für das Gros der Zulieferer der Region eine wichtige Rolle spielt.
Dass Deutschland dabei die Rolle des Handelspartners Nummer Eins einnimmt, kann nicht verwundern. Gesamtwirtschaftlich betrachtet unterhalten die beiden Länder mit die besten Handelsbeziehungen. Warum sollte es bei Zulieferwesen anders sein?
Claudia Treffert








