Wirtschaft + Unternehmen

Mittelstandsrating

Gerade in Deutschland hat es der Mittelstand schwer, das zur Erhaltung der Innovationskraft und der Sicherung des zukünftigen Wachstums notwendige Eigenkapital zu beschaffen. Hier soll eine speziell auf den Mittelstand ausgerichtete Ratingagentur helfen. Mit Hilfe ihrer neutralen Werturteile (genannt Ratings) soll den Mittelständlern die Finanzierung über Eigenkapital von außen erleichtert werden. Schließlich sind es gerade die kleineren und mittleren Gesellschaften, die Arbeitsplätze schaffen und die Innovationskraft unserer Wirtschaft garantieren, während sich die Großkonzerne eher international orientieren und organisieren.

Mit der Small Cap Exchange (Smax) und dem Neuen Markt hat die Deutsche Börse AG mittlerweile zwar zwei sehr interessante Börsensegmente für mittelständisch geprägte Unternehmen geschaffen, um das Finanzierungsproblem in Deutschland in den Griff den zu bekommen (siehe SCOPE 04/99). Denn die durchschnittliche Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen fällt mit 18 Prozent sowohl im historischen (1964: 30 Prozent) als auch im Ländervergleich (USA: 40 Prozent) enttäuschend aus. Doch dieses Angebot richtet sich an Unternehmen, die den Gang an den organisierten Kapitalmarkt wagen wollen und bereits Börsenreife besitzen. Ein Großteil der mittelständischen Unternehmen strebt aber gar kein ¿Going Public¿ an, um die wirtschaftliche Eigenständigkeit nicht zu gefährden oder um den strengen Publizitätspflichten aus dem Weg zu gehen. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe an Unternehmen, die den Gang auf das Börsenparkett zwar gerne vollziehen würden, aber derzeit (noch) nicht die wirtschaftlichen Voraussetzung dafür erfüllen. Nicht zu vergessen sind auch jene jungen StartUp-Unternehmen, die lediglich eine brillante Idee, aber noch keine Produkte vorweisen können, sich also erst am Anfang ihrer Entwicklung befinden.

Wagniskapital für StartUps

Für diese letzteren Unternehmen geht es darum, sich Finanzierungsquellen zu erschließen, die zunächst unabhängig vom organisierten Kapitalmarkt bestehen. Eine besondere Bedeutung genießt dabei das sogenannte Wagniskapital (oder Venture Capital). Als Eigenkapital ist es an den Gewinnchancen des Unternehmens beteiligt, aber auch Verlustrisiken ausgesetzt. Es wird in der Regel bei sehr jungen, schnell wachsenden Unternehmen eingesetzt. Üblicherweise geht die Initiative dabei vom kapitalsuchenden Unternehmen aus, das seine Produkte und Produktideen einem oder mehreren Kapitalgebern vorstellt. Die Geber des Venture Capitals stehen vor dem großen Problem, die Chancen dieser Ideen am Markt beurteilen zu müssen, ohne sich dabei auf historische Leistungen des Unternehmens stützen zu können.

Bankkredite und Anleihen für Etablierte

Doch auch etablierte Mittelständler haben mitunter große Probleme, frisches Eigenkapital für das eigene Unternehmen zu bekommen. Viele Unternehmen greifen daher meist auf die Fremdfinanzierung durch die eigene Hausbank zurück. Doch schon seit einiger Zeit versuchen Banken verstärkt, Kreditrisiken aus ihren Büchern herauszunehmen. Daher hat sich spätestens seit der Einführung des Euro an den internationalen Kapitalmärkten noch eine andere Variante der Finanzierung etabliert: die Unternehmensanleihe.

Im bisherigen Jahresverlauf übersteigt der Wert der Euro-Anleihen von Unternehmen außerhalb des Bankenbereichs den des gesamten Vorjahres bereits um ein Vielfaches. Die Einführung des Euro wirkte dabei in mehrfacher Hinsicht als Katalysator. Durch die Fixierung der Wechselkurse erhöhte sich die Transparenz, die früher in den Renditen enthaltene Währungsrisikoprämie verschwand. Dadurch sind Anleihen verschiedener Länder nun direkt vergleichbar.

Dennoch ist die Unternehmensanleihe kein Selbstläufer. Schließlich sind die Risiken für den Käufer solcher Papiere weitaus höher als bei Staatsanleihen. Das größte Risiko liegt mit Sicherheit im kompletten oder teilweisen Ausfall des Schuldners, dessen Wahrscheinlichkeit je nach Unternehmen ganz unterschiedlich ausfallen kann. Denn anders als bei Staatspapieren können Schuldner bei Unternehmensanleihen nicht darauf hoffen, dass diese auch in schwierigen Situationen bedient werden.

Eine Ratingagentur für den Mittelstand

Eine besondere Rolle spielt das sogenannte Rating, also die Bonitätsprüfung des Unternehmens durch eine unabhängige Institution. Um die Chancen des deutschen Mittelstands am Kapitalmarkt weiter zu verbessern, hat die hessische Landesregierung eine Initiative zur Gründung einer Rating-Agentur für den Mittelstand ins Leben gerufen. Diese Agentur soll dabei helfen, die Informationslücke zwischen Kapitalnachfrager und -anbieter zu schließen und dadurch ein wichtiges Hindernis für die Kapitalaufnahme abzubauen. Unter dem Namen Euroratings wurde die AG im 1. Juli 1999 gegründet und wird seitdem von Günther Stur geleitet (siehe unser Interview auf Seite xx). Zu den Gründungsaktionären der Gesellschaft gehören die Gbb Beteiligungs AG, die Verlagsgruppe Handelsblatt, der Verlag Hoppenstedt sowie die österreichische Finanzierungs-Garantie-Gesellschaft.

Vorteile für das Unternehmen . . .

Das unabhängige Rating im Vorfeld einer Finanzierungsrunde durch eine unabhängige und angesehene Agentur bringt eine Reihe an Vorteilen mit sich. Die nach Finanzmitteln suchenden Unternehmen können ihre Verhandlungsposition bei potentiellen Kapitalgebern stärken. Gleichzeitig können sie das Rating zur Verbesserung ihres Bekanntheitsgrads verwenden. Ferner liefert das Rating Hinweise auf die Ausgestaltung der Emissionsbedingungen. So ist es beispielsweise üblich, dass der Renditeaufschlag einer Unternehmensanleihe gegenüber dem Referenzzins an das Ratingurteil angepasst wird, getreu dem Motto: Je schlechter die Note für das Unternehmen, desto attraktiver muss der Renditeaufschlag sein.

. . . und die Anleger

Der Anleger profitiert natürlich auch. Denn ihm wird mit dem Rating ein Instrument zur Risikoeinschätzung an die Hand gegeben. Dadurch ist eine Titelauswahl möglich, die an die eigenen Anlagegewohnheiten angepasst sind. Während ein risikofreudiger Anleger also auch mal eine Anleihe mit einem sogenannten ¿C-Rating¿ ins Depot nimmt, werden sich konservative Investoren mit Anleihen mit einem Mindest-Rating ¿A¿ begnügen.

Debt Rating versus Equity Rating

Das besondere an der neu gegründeten Euroratings AG: Sie will nicht nur das sogenannte Debt-Rating anbieten, also die neutrale Einschätzung der Bonität eines Emittenten, sondern mittelfristig auch ein Equity-Rating. Bei letzterem geht es um die Frage, ob und in welchem Ausmaß ein Unternehmen wertgenerierend arbeitet. Hier geht es also nicht um das Aussprechen von Kauf- und Verkaufsempfehlungen für bestimmte Papiere, sondern um eine Einschätzung der langfristigen wirtschaftlichen Perspektiven des Unternehmens.

Beim Debt-Rating lassen sich grundsätzlich zwei verschiedene Ansätze unterscheiden: ein genereller und ein titelgebundener. Beim generellen Ratingansatz geht es darum zu klären, ob und inwieweit ein Unternehmen seinen Fremdkapitalverpflichtungen nachkommen kann, während das titelgebundene Rating die Bonität eines bestimmten Titels (beispielsweise einer konkreten Aktienanleihe) beurteilt. Beide Ratingformen basieren auf einer Einschätzung des Managements, der strategischen Positionierung des Unternehmens unter Berücksichtigung der konkreten Branchen- und Wettbewerbssituation sowie einer Beurteilung des (zukünftigen) Produktportfolios. Darüber hinaus spielen natürlich auch die finanziellen Kennzahlen eine große Rolle.
Beim Equity-Rating geht es im Vorfeld eines Börsengangs darum, die Börsenreife eines Unternehmens zu bestimmen. Anders als die Due Dilligence der Konsortialbank kann dieses Rating von den jeweiligen Unternehmen zum einen als Marketinginstrument genutzt werden. Zum anderen würden die Banken, die im Rahmen der allgemeinen Emissionswelle oftmals an den Rand ihrer Researchkapazitäten stoßen, durch ein Equity-Rating entlastet, da die Vorselektion durch die Rating-Agentur erfolgen würde. Doch auch nach dem Börsengang macht ein Equity-Rating noch durchaus Sinn. Schließlich können positive Ratingurteile den Kurs unterstützen und oft sogar steigen lassen.

So läuft das Rating ab

Unabhängig für welchen Rating-Typ sich ein Unternehmen entscheidet: der grundlegende Ablauf eines Ratings verläuft in der Regel in acht verschiedenen Prozessschritten und ist der bei Börsengängen üblichen Due Dilligence grob vergleichbar. Nach der Vertragsunterzeichnung legt der Ratinganalyst gemeinsam mit dem Unternehmen einen Themenkatalog fest, der während des Ratings abgearbeitet wird. Anschließend folgt eine grobe Orientierungsphase, in der sich die Ratingagentur vor allem mit der Analyse vorhandener Strategiepapiere, Produktbeschreibungen oder Geschäftsberichte des Unternehmens auseinandersetzt. Danach folgt ein intensives Gespräch des Analysten mit Vertretern des Unternehmens, in dem der nächste Schritt, die eigentliche Analyse des Unternehmens, vorbereitet wird. Die Ergebnisse der Rating-Analyse werden vor dem Rating-Komitee präsentiert. Hier wird dann die Entscheidung über die angemessene Rating-Note getroffen, die in einem letzten Schritt an das Unternehmen sowie an interessierte Investoren weitergeleitet wird.

Fazit: Rating verbessert Finanzierungschancen

Die neue Ratingagentur für den Mittelstand ist eine wertvolle Bereicherung für den Finanzplatz Deutschlands. Erfahrungen aus anderen Ländern beweisen, dass durch das Rating eines neutralen Instituts die Chancen auf die Zuführung frischen Eigenkapitals von außen deutlich steigen. Dies wiederum würde es dem Mittelstand erlauben, die vorhandenen Wachstumspotentiale effizienter zu nutzen, was sich natürlich auch auf unsere Volkswirtschaft positiv auswirken würde. Die ¿Noten für den Mittelstand¿ könnten also tatsächlich zu einer Eintrittskarte in die Zukunft werden.

Chris-Oliver Schickentanz und Bruno Hidding / Dezember 1999

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