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Experiment Expo

Als die Engländer 1851 ein gigantisches Gewächshaus, den Kristallpalast, in den Hydepark stellten und die Nationen der Welt zur ¿Great Exposition¿ einluden, begründeten sie damit nicht nur die Tradition der Weltausstellungen. In erster Linie eine industrielle Leistungsschau, war die erste Expo auch die Urmutter von Cebit und Hannovermesse. Grund genug für SCOPE zwei wichtigen Fragen auf den Grund zu gehen: Expo, was ist das überhaupt und warum um alles in der Welt sollen Sie mehr als zweimal im Jahr nach Hannover?

Großes geschieht in Hannover. Klar, dass dafür zwei Messen von ihrem angestammten Platz im Terminkalender weichen. Selbst die notdürftig zusammengezimmerte Behelfsbrücke über den Messeschnellweg, die uns jahrzehntelang schwankend zum Messegelände getragen hat, wich bereitwillig einer breiten Prachtrampe. So Großes geschieht in Hannover. Expo 2000 steht über einer Halle auf dem Messegelände und verspricht Antwort auf alle Fragen über dieses so außerordentliche Ereignis.

Auf leisen Sohlen über die Messe

Drinnen muss ich erst einmal Filzpantoffeln anziehen. Nur so darf ich auf den gläsernen Sarg, in dem das Modell der Expo seit letztem Jahr unverändert im Dornröschenschlaf ruht. Ein Schneewittchen mit Zeigestock müht sich redlich und mit blumigen Worten aus den bunten Flächen und Klötzchen, zwischen denen ich mit Mühe die Umrisse des Messegeländes erkenne, zukünftige Nationenpavillions und atemberaubende Themenparks vor meinem geistigen Auge entstehen zu lassen. Leider vergeblich, denn es ist dunkel, die Luft ist schlecht und geistige wie fleischliche Augen drohen mir zu zufallen. Flucht ins Expo-Cafe nebenan.

Den dortigen Infostand beherrscht Twipsy, jenes Expo-Maskottchen, das aussieht wie ein mutierter Panzerknacker. Seine plüschene Inkarnation muss bei seinen Rundgängen über das Messegelände immer von zwei netten Damen gestützt werden¿. Ein Omen? Zwischen all den Tassen, T-Shirts und Schlüsselanhängern entdecke ich ein hübsches Gesicht, natürlich gewachsen, dem ich die beiden Fragen stelle, die uns alle bewegen. Zur Antwort bekomme ich eine 16-seitige Broschüre. ¿In der Kürze liegt die Würze¿, fügt das hübsche Gesicht noch hinzu. Aus der Broschüre grinst mir ein gehörnter Goethe (ein weiteres Omen?) entgegen und ich erfahre dass alles ganz toll und die Zukunft gar nicht so schlimm ist. Das war¿s, jede weitere Info kostet DM 15,¿ (Expo-Guide, seit April im Buchhandel) oder für Wissbegierige DM 78,¿ (Expo-Buch, zum Expobeginn im Buchhandel). Leider ist es bei meiner Suche erst Ende März, viel zu früh wohl, um 40 Millionen davon zu überzeugen vom 1. Juni bis zum 31. Oktober nach Hannover zu kommen.

Die zweite Chance

Mit leeren Händen ziehe ich aus Hannover ab. Im Bahnhofsbuchladen dann doch noch ein Lichtblick am Ende des dunklen Expo Tunnels: Winfried Kretschmers ¿Geschichte der Weltausstellungen¿ (Campe Verlag, Frankfurt am Main, DM 58,¿) bietet Information pur. Sehr gut recherchiert und spannend zu lesen setzt es sich detailliert mit dem Thema Weltausstellung auseinander. Leider nur mit den Vergangenen. Immerhin erfahre ich hier, dass es vor hundert Jahren beinahe schon einmal eine Weltausstellung in Deutschland gegeben hätte. Nur war die deutsche Industrie mit ihrer Unterstützung etwas zurückhaltend und die Franzosen deshalb schneller. Diese Zurückhaltung hat Tradition. Die Liste der deutschen Unternehmen, die sich dieses Jahr an der Expo beteiligen, ist erschreckend kurz. Ansonsten lese ich, dass die Weltausstellungen in einer Idenditätskrise stecken. Den Endpunkt der Fortschrittsgläubigkeit markierte 1958 die Brüsseler Ausstellung. Sie war ein Lob der Atomkraft, deren leere Versprechungen wir heute bekanntlich mit schweren Polizeieskorten durchs Land fahren. Seit dieser Zeit muss die Expo auf technische Highlights verzichten, keine Sensationen mehr wie der Kautschuk 1851 in London, die Elektrizität 1900 unter dem Eiffelturm oder das Fernsehen 1939 in New York. Stattdessen Sinnsuche.

Showtime unterm Hermesturm

Den suche ich im Internet unter http://www.expo2000.de. Nach zwei Stunden wildem Geklicke auf der umfangreichen Seite steht für mich fest: Es gibt zwei gute Gründe die Expo nicht zu verpassen: Erstens treffen sich um die 180 Staaten in Hannover, so viele wie noch nie auf einer Weltausstellung zuvor. Jedes Land zeigt sich von seiner besten Seite, präsentiert in eigenen Pavillons oder in den Messehallen worauf es stolz ist: Geschichte, Kultur, Landschaft, Technologie oder alles zusammen: Hier eine Ausgrabungsstätte in Jordanien, dort ein Holztempel aus Buthan, ein paar Schritte weiter die Landschaften Hollands, übereinander gestapelt oder um die Ecke Kanadas Cybersalon. Auch Deutschland gibt sich landestypisch und zeigt ein Wikingerschiff. Zum ersten mal ist wirklich fast die ganze Welt in Hannover. Eine prima Gelegenheit, endlich die Weltreise zu machen, die Sie wegen der lästigen Kundenaufträge schon so oft verschoben haben. Den Weg kennen Sie ja schon. Und wie bei jeder Weltreise: Geldbeutel nicht vergessen. Ein spontanes Wochenende mit Ihrer Frau und den beiden Kleinen auf der Expo kostet schnell mal DM 564,¿. Wohlgemerkt, nur Eintritt und Parkplatz. Und die Unterkunft? Na wie immer. Ist doch ganz romantisch, ausnahmsweise mal mit Ihrer Frau zwischen Häckeldeckchen und Nippesfiguren bei der Messemutti auf dem Sofa zu übernachten.

Ansonsten bietet die Expo Shows und Konzerte, eine tägliche Parade und einen Themenpark zu Themen wie: Energie, Mensch, Ernährung oder Mobilität. Nichts Neues also fürs neue Jahrhundert, auf das dieser Park ¿Vorfreude machen soll.¿ Walt Disney hatte die gleiche Idee schon Mitte letzten Jahrhunderts. Immerhin müssen Sie jetzt nicht mehr bis Paris oder Orlando fahren. Nur auf Mickey Mouse müssen Sie verzichten, der hat abgesagt.

Das alles ist schon Grund genug, um auf die Expo zu fahren. Es gibt aber noch einen zweiten: Wann kommen Sie sonst mal im Sommer nach Hannover?

Matthias Meier / Mai 2000

Links: http://www.expo2000.de

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