Ist Souveränität eine Frage der Hardware?
Industrie warnt vor Abhängigkeiten bei IT-Infrastruktur
Europa sucht die digitale Unabhängigkeit: Wie sich Souveränität konkret umsetzen lässt, bleibt aber angesichts hoher Abhängigkeiten in der IT-Infrastruktur eine zentrale Frage. Das sagt auch Frank Konrad, Geschäftsführer der Microsens GmbH & Co. KG, der insbesondere auf die Bedeutung der Netzwerkebene und europäischer Hardware in kritischen Anwendungen verweist.
Die Debatte über digitale Souveränität in Europa hat vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage an Schärfe gewonnen. Laut der aktuellen Lünendonk-Studie zur digitalen Souveränität sehen 96 Prozent der Unternehmen selbst bei einer Entspannung der geopolitischen Situation weiterhin akuten Handlungsbedarf. Unternehmen und Organisationen suchen nach resilienteren Strukturen, um sensible Daten besser zu schützen und sich unabhängiger von einzelnen globalen Technologiekonzernen zu machen.
Die Abhängigkeiten sind dabei gut dokumentiert: Eine von Bitkom veröffentlichte Studie zeigt, dass mehr als 90 Prozent aller IT-Endgeräte importiert werden. In der Diskussion um digitale Souveränität gilt diese Zahl inzwischen als struktureller Befund.
Für Frank Konrad, Geschäftsführer der Microsens GmbH & Co. KG, ist die Konsequenz eindeutig: „Digitale Souveränität beginnt auf Netzwerkebene. Wir sollten insbesondere in kritischen Anwendungen in Europa verstärkt auf eigene Hardware setzen.“
„Made in Germany“ als Argument im Ausland?
Microsens entwickelt und produziert Komponenten für IP-basierte Netzwerke im westfälischen Hamm. Nach Einschätzung des Unternehmens spielt der Produktionsstandort „Made in Germany“ im internationalen Geschäft häufig eine größere Rolle als im Inland.
Frank Konrad beschreibt das so: „Unsere Komponenten sind weltweit an kritischen Orten im Einsatz – vom Ali Jebel Hafen in Dubai über den Tocumen Flughafen in Panama, dem verkehrsreichsten Flughafen Zentralamerikas, bis zum neuen Flughafen-Terminal in Wrocław. Überall dort, wo die Anforderungen an Zuverlässigkeit und Qualität am höchsten sind. In Deutschland stand das Argument, dass wir hier entwickeln und fertigen, gerade bei größeren Unternehmen häufig nicht an erster Stelle. Diese Erfahrungen höre ich auch regelmäßig von anderen mittelständischen deutschen Unternehmen aus dem Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW).“
Souveränität entlang der Lieferketten
Die empirischen Befunde deuten laut Konrad zugleich auf einen Veränderungsdruck hin. 95 Prozent der in der Lünendonk-Studie befragten Unternehmen geben an, ihre Abhängigkeiten in den IT-Lieferketten reduzieren zu wollen. Gleichzeitig bleibt die Struktur der Beschaffung weitgehend importgetrieben: 62 Prozent der von Bitkom befragten Unternehmen beziehen ihre IT- und Kommunikationshardware aus dem Ausland.
Konrad sieht darin weniger ein kurzfristiges Beschaffungsproblem als eine Frage industrieller Basisstrukturen: „Mit der Entwicklung und Produktion von IT-Komponenten in Europa stellen wir sicher, dass nicht das gesamte Know-how abfließt. Allerdings benötigen wir das Wissen und die Fertigungskapazitäten auf allen Ebenen. Die zeitnahe Umsetzung des European Chips Act ist aus unserer Sicht entscheidend, um wirklich souverän zu werden.“
Zukunft der deutschen Technologieindustrie
Auch eine Analyse von Deloitte verweist auf die strategische Unsicherheit. In einem Grundsatzpapier zur Zukunft der deutschen Technologieindustrie entwirft das Beratungsunternehmen vier Szenarien für das Jahr 2035. Deutschland stehe demnach an einem Scheideweg zwischen technologischer Aufwärtsentwicklung und strukturellem Rückstand.
Für Konrad sind diese Szenarien Ausdruck eines realen Entscheidungsdrucks: „Dem deutschen Mittelstand geht es aus meiner Sicht nicht darum, digital nationalistisch zu sein. Wir müssen politisch und unternehmerisch verlässliche Grundlagen schaffen, um auch weiterhin am Standort Deutschland Technologie zu entwickeln. Eine Diversifizierung der verwendeten IT-Technologie und die bewusste Entscheidung für IT-Produkte aus Europa, stärkt unsere Souveränität kurzfristig und schafft die Voraussetzung die digitale Spitze zu erreichen.“
Kritische Infrastruktur als Prüfstein
Besonders deutlich wird die Frage digitaler Souveränität im Bereich kritischer Infrastrukturen. Glasfasernetze und IP-basierte Datenübertragung gelten als technische Grundlage moderner Kommunikationssysteme, zugleich steigen die Anforderungen an Ausfallsicherheit und Robustheit.
Ob Videoüberwachung, industrielle Steuerungssysteme oder die Vernetzung von Flughäfen, Bahnstrecken und Energieinfrastruktur – entscheidend sind langlebige und verlässliche Netzwerkkomponenten.
Unternehmen entwickeln gezielt Technologien für diese Einsatzfelder. Konrad formuliert das als Frage der strategischen Auswahl: „Noch gibt es in Deutschland viele verantwortungsbewusste Unternehmen, die technologisch herausragende Produkte anbieten. Es lohnt sich, bewusst danach zu suchen und Technologien zu vergleichen. Nur wenn wir unsere Anbieter stärken, erreichen wir kurzfristig und erhalten langfristig unsere digitale Souveränität.“









