Editorial
Respekt vor der Freiheit!
"Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt, bis zur dreißigsten Etage.
Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn, in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon. Und es herrscht noch genau derselbe Ton wie seinerzeit auf den Bäumen.
[...] So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen."
Das schrieb Erich Kästner 1932 im Gedicht "Die Entwicklung der Menschheit" – in einer Zeit, in der Sitten und Ton sich vielfach von dem entfernten, was man gesellschaftlichen Anstand nennen könnte.
Das Miteinander vieler Menschen in einer Gesellschaft ist nicht einfach. Unterschiedliche Interessen und Prioritäten kollidieren mit der unabdingbaren Notwendigkeit, eine Basis für das Zusammenleben zu schaffen. Dafür braucht es klare Regeln und ein ebenso klares Durchsetzen derselben. Optimalerweise herrschen Toleranz und Verständnis zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Konsens. Konträr laufende Ansichten und Wünsche führen ganz selbstverständlich zu Reibungen.
Je mehr Freiheiten der Einzelne in einer Gesellschaft genießt, desto schwieriger ist es, diese Gesellschaft zusammenzuhalten. In diesem Sinne bringt die Freiheit auch die Verantwortung mit sich, neben der eigenen auch die Freiheit der anderen zu bewahren. Leider müssen wir täglich Populismus und Provokation als "andere Meinungen" ertragen. Dann muss aber bitte auch dieser Andersmeinende ertragen lernen. Die Tendenz geht in den letzten Jahren dahin, die Freiheit der Meinung immer weiter auszudehnen. Freiheiten müssen dort enden, wo Regeln und Anstand verletzt werden, Freiheit anderer beschnitten oder gar deren Gesundheit verletzt wird. Menschen, die sich die Freiheit nehmen, die Regeln der Gesellschaft und damit die Gesellschaft an sich zu verletzen, haben nicht verstanden und müssen lernen, dass sie diese Freiheit der Toleranz anderer verdanken.
Menschen wegen anderer Meinung, Kultur oder politischer Ausrichtung körperlich anzugreifen, missachtet alle Regeln des Anstands. Was geht da nur schief? Was hier passiert ist, liegt auch in der Verantwortung derjenigen, die jederzeit auf Provokation aus sind, die die Grenzen permanent überdehnen, die keinen Respekt zeigen vor der eigenen Freiheit.
Die Verrohung im Ton geht einher mit der Verrohung im Geiste. Und wieder einmal sind wir für meine Begriffe beim Thema Bildung. Wer nichts gelernt hat von Anstand und vom Miteinander in Freiheit, der wird auch die Verantwortung für die eigene Freiheit und den Wert der Freiheit des Andersdenkenden nicht schätzen können.









