Pro- und Contra Interview zu Thema TTIP

Dr. Nicola Leibinger-Kammüller

Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung der Trumpf GmbH + Co. KG.

Dr. Nicola Leibinger-Kammüller

SCOPE: Frau Leibinger-Kammüller, Sie fordern im Interview mit dem Handelsblatt, dass sich deutsche Unternehmen stärker für TTIP engagieren sollen. Wo sehen Sie die größten Vorteile des Freihandelsabkommens für die deutsche Industrie?

Leibinger-Kammüller: Es geht im Wesentlichen um zwei Punkte: Zum einen wäre es sinnvoll, Belastungen durch Zölle zu reduzieren. Wir bei Trumpf beispielsweise zahlen allein für Zulieferungen innerhalb unserer eigenen Unternehmensgruppe – also etwa von unseren deutschen an die amerikanischen Werke – rund sieben Millionen Dollar als Zölle an den amerikanischen Fiskus. Diese Summe würden wir lieber für Forschung und Entwicklung aufwenden und Arbeitsplätze schaffen. Und zum zweiten geht es um einheitliche Standards. Bislang kosten zum Beispiel mehrfache Zulassungsverfahren und Zertifizierungen die Unternehmen viel Geld.

SCOPE: Kritiker werfen dem Freihandelsabkommen vor, die Interessen der großen Unternehmen und Konzerne zu vertreten, während besonders KMUs unter negativen Auswirkungen leiden müssten. Wo sehen Sie die Vorteile für kleine und mittelständische Unternehmen?

Leibinger-Kammüller: Gerade das Thema Standards nutzt den kleineren Unternehmen. Es gibt europäische Firmen, die sich zusätzliche Zulassungsverfahren in den USA nicht leisten können. Verfahren, die übrigens im Einzelfall sogar von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich ausfallen können. Diese Unternehmen verzichten dann unter Umständen darauf, überhaupt in den amerikanischen Markt zu gehen. Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen wäre es daher ein enormer Fortschritt, mit einer einmaligen, sprich europäischen Zulassung ohne große weitere Kosten auf beiden Seiten des Atlantiks tätig werden zu können.

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SCOPE: Ein Hauptargument für TTIP sind einheitliche Standards in den verschiedenen Märkten. Läuft die deutsche Industrie dann nicht Gefahr, sich von „Made in Germany“ verabschieden und ihre hohen Qualitätsstandards aufgeben zu müssen?

Leibinger-Kammüller: Die Debatte geht hier etwas in die falsche Richtung: Es kann ja nicht sein, dass man sich auf die jeweils niedrigsten Standards einigt. Eine ähnliche Diskussion gab es übrigens auch bereits im Zusammenhang mit Regulierungen innerhalb der EU. Heute bezweifelt niemand mehr ernsthaft, dass die Standardisierung in Europa zum Beispiel bei der EG- Maschinenrichtlinie sehr vorteilhaft gerade für deutsche Unternehmen war. Und außerdem: Die Qualität von „Made in Germany“ ist ja nicht nur von formalisierten Standards abhängig.

SCOPE: Über die genauen Inhalte von TTIP wird hinter verschlossenen Türen verhandelt, doch beispielsweise ist der umfassende Investitionsschutz für Unternehmen wahrscheinlich Inhalt des Abkommens. Er ermöglicht Konzernen, gegen neue Gesetze wie etwa verschärften Nichtraucherschutz, wegen Entwertung der Investitionen zu klagen. Sollte der Inhalt von TTIP nicht transparent gemacht werden, damit sich jeder ein Bild von den Auswirkungen machen kann?

Leibinger-Kammüller: Ich bin der Meinung, dass man die Verhandlungen über das Abkommen so transparent wie möglich führen sollte – nur so können wir zeigen, dass bei TTIP die Vorteile die Nachteile überwiegen und dadurch die Akzeptanz für dieses Abkommen erhöhen.

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