zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Produktion, Metallbearbeitung und Roboter

Andreas Mühlbauer,

Interview: „Prozessintegration ist der richtige Weg"

Auf der EMO sprach Andreas Mühlbauer mit Dr. Harald Neun, Executive Officer und Managing Director & Chief Sales & Service Officer EMEA North bei DMG Mori, über Investitionsbereitschaft, Fachkräftemangel, Automatisierung und internationale Märkte.

Dr. Harald Neun auf der EMO: „Das Potenzial der Automatisierung ist enorm und auf allen Ebenen noch lange nicht ausgeschöpft.“ © DMG Mori

Herr Dr. Neun, wie würden Sie die aktuelle Investitionsbereitschaft in der Industrie einschätzen? Geht es derzeit vor allem um neue Maschinen, Vernetzung oder Automatisierung?

Harald Neun: Das ist stark marktspezifisch. Ich betreue die deutschsprachigen und skandinavischen Märkte. In Skandinavien sehen wir derzeit eine sehr hohe Investitionsbereitschaft, während das Bild in Deutschland, Österreich und der Schweiz gemischt ist. Dort, wo investiert wird, fließt das Geld gezielt in Technologie, Vernetzung und Automatisierung. Die Unternehmen suchen nach Prozessverbesserungen, um schneller und effizienter zum fertigen Werkstück zu gelangen. Genau hier setzen wir mit unserem MX-Ansatz der Prozessintegration an – das ist keine Mode, sondern eine strategische Notwendigkeit.

Bedeutet das, dass Prozessintegration eine Voraussetzung ist, um international wettbewerbsfähig zu bleiben?

Absolut. Alle Marktteilnehmer weltweit beschäftigen sich heute intensiv mit diesem Thema. Low-Cost-Countries investieren längst in High-End-Technologie. Ich habe Märkte in Vietnam und Südostasien selbst betreut und gesehen, dass dort modernste Fertigung gefragt ist. Technologie allein differenziert also nicht mehr. Bei uns in Europa kommt der Fachkräftemangel hinzu. Prozessintegration ist entscheidend, um manuelle Arbeit zu reduzieren und Effizienz zu steigern. Wer hier früh investiert, gewinnt nachhaltig an Wettbewerbsfähigkeit.

Anzeige

Sie erwähnen Fachkräfte – wie gravierend ist der Mangel in Deutschland wirklich?

Es ist ein strukturelles Problem. Hochqualifizierte Mitarbeiter sind schwer zu finden. Aus diesem Grund erweitern wir kontinuierlich unser Ausbildungsangebot und qualifizieren unsere Mitarbeiter gezielt weiter. DMG Mori ist als Arbeitgeber attraktiv, deshalb erhalten wir aktuell wieder mehr Bewerbungen. Vor zwei, drei Jahren war das deutlich schwieriger. Kleine und mittelständische Unternehmen haben öfter größere Probleme, besonders in strukturschwachen Regionen.

Bedeutet das, dass Automatisierung für viele Unternehmen unverzichtbar wird?

Genau. Unternehmen müssen hochqualifizierte Fachkräfte gezielt einsetzen, unterstützt durch Automatisierung. Nur so lassen sich Effizienz und Qualität steigern. Mittlere und kleinere Betriebe, die noch wenig automatisiert haben, sehen sich inzwischen gezwungen, Lösungen zu implementieren. Bei DMG Mori verkaufen wir mittlerweile über 30 Prozent unserer Maschinen mit Automation, und die Tendenz steigt weiter.

Welche Potenziale sehen Sie konkret für Automatisierung und Effizienzsteigerung?

Das Potenzial ist enorm und auf allen Ebenen noch lange nicht ausgeschöpft. Viele Mittelständler können noch deutlich effizienter werden. Wichtig ist, dass Automatisierungslösungen praktikabel bleiben und schnell integriert werden können. Auf der anderen Seite gibt es High-End-Lösungen: Unsere neuen autonomen mobilen Roboter – AMR – ermöglichen mannlose Fertigungsprozesse von Materialzuführung über Werkzeughandling bis hin zur Späneentsorgung. Einige Kunden setzen diese Systeme bereits erfolgreich ein, aber die breite Umsetzung steckt noch in den Anfängen.

Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Welche Rolle spielt sie bei DMG Mori?

Nachhaltigkeit ist essenzieller Bestandteil aller Prozesse. Ich bin seit 15 Jahren bei DMG Mori, aber das Thema ist schon länger präsent. Wir beschäftigen uns kontinuierlich damit, den Ressourcen- und Energieverbrauch und damit auch unsere Emissionen zu reduzieren – zunächst in der eigenen Produktion. Alte Beleuchtungssysteme wurden ersetzt, Fertigungsprozesse optimiert, Produktionskapazitäten modernisiert.

Unter anderem zeigte DMG Mori auf der EMO die DMU 125 FDS duoBLOCK im Einsatz. © Pelemedia /am

In den letzten Jahren liegt der Fokus jedoch noch stärker auf unseren Produkten: Maschinen sollen auch beim Kunden energieeffizient arbeiten. Auf der Messe zeigen wir zum Beispiel ein Druckluftüberwachungssystem, das Leckagen erkennt. Schon kleine Lecks können mehrere Tausend Euro Kosten pro Jahr verursachen. Nachhaltigkeit ist heute weniger politisch motiviert, sondern betriebswirtschaftlich sinnvoll. Prozessintegration spielt hier direkt hinein: weniger Maschinen, kürzere Durchlaufzeiten, weniger Energieverbrauch.

Die Industrie scheint hier teilweise weiter zu sein als politische Vorgaben.

Genau. Viele unserer Kunden handeln aus betriebswirtschaftlicher Überzeugung, nicht wegen externer Anforderungen. Energieeffizienz ist gleichzeitig ein harter wirtschaftlicher Vorteil. Zusätzlich zeigt sich, dass Unternehmen zunehmend auch unternehmerische Verantwortung wahrnehmen – etwa, indem sie ihre Mitarbeiter in energieeffizienten Arbeitsweisen schulen oder Investitionen in ressourcenschonende Technologien langfristig planen.

Wie stark ist der Wettbewerbsdruck aus Asien, speziell China?

In der klassischen Zerspanung spüren wir ihn bislang kaum, vermutlich weil der heimische Markt noch nicht gesättigt ist. Wir fokussieren uns stark auf langfristige, vertrauensvolle Kundenbeziehungen. Wir sind ein Partner, der seine Kunden über den gesamten Lebenszyklus einer Fertigungslösung begleitet, von der Beratung bis zur Finanzierung und von der Inbetriebnahme einer Maschine bis hin zu allen Fragen rund um das Thema After Sales. Damit stellen wir sicher, dass unsere Kunden eine optimale Fertigungslösung erhalten, diese schnell in Betrieb nehmen können und darauf über viele Jahre hinweg zuverlässig produzieren können. Diese Nähe und Verlässlichkeit sind entscheidende Faktoren, mit denen wir uns vom chinesischen Wettbewerb absetzen. Wir beobachten den Markt auch weiterhin genau und bereiten uns darauf vor, dass der Wettbewerb auch hier intensiver wird.

Welche strategischen Ziele verfolgt DMG Mori in den kommenden Jahren?

Wir verabschieden gerade unsere neue Mittelfriststrategie. Wir wollen mehr Maschinen mit einem hohen Grad an Prozessintegration und Automation verkaufen und besonders im Bereich Peripherie, Service und Ersatzteile wachsen. Unser Ziel ist die ganzheitliche Kundenbetreuung: Verbrauchsmaterialien, Voreinstellgeräte, Serviceleistungen – besonders für kleinere Unternehmen, die einen zentralen Ansprechpartner schätzen. Service und Ersatzteile sind nicht nur für Kundenzufriedenheit wichtig, sondern auch ein signifikantes Wachstumsfeld.

Arbeiten Sie dafür auch eng mit Partnern zusammen?

Ja, über DMG Mori Qualified Products (DMQP). Nur zertifizierte Partner dürfen das Label tragen. Dazu gehören unter anderem Horn, Fuchs, WTO. Diese Partner zeigen ihre Produkte auch auf unserem Messestand. Kunden profitieren von geprüften, optimal auf unsere Maschinen abgestimmten Komponenten.

Und wie ist die EMO für Sie gelaufen?

Die Besucherzahlen an unserem Stand liegen ungefähr auf dem gleichen Level wie bei der letzten EMO, was wir als gutes Zeichen sehen. Was uns besonders freut: die Qualität der Gespräche und das Kundenfeedback. Interessant ist, dass Impulse zunehmend aus der Industrie selbst kommen. Wir können auf jeden Fall von einer erfolgreichen Messe sprechen.

Gibt es weitere Trends, die Sie für die kommenden Jahre beobachten?

Ein klarer Trend ist die ganzheitliche Betreuung des Kunden: Maschinen, Peripherie, Voreinstellgeräte, Service. Gleichzeitig beobachten wir die steigende Bedeutung energieeffizienter Fertigung und Automatisierung auf allen Ebenen. Unternehmen müssen ihre Prozesse durch Prozessintegration und Automation kontinuierlich verbessern, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir investieren deshalb weiterhin massiv in Forschung und Entwicklung, um praxisnahe Lösungen für alle Kunden anzubieten – vom kleinen Mittelständler bis zum High-End-Produktionsbetrieb.

Herzlichen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Andreas Mühlbauer, Chefredakteur Industrial Production

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

IT/OT Integration Summit 2026

Factory-X in der Praxis

Wie lassen sich Rüstprozesse in hochvarianten Fertigungen effizient automatisieren? Markus Benndorff von soffico zeigt, wie Factory-X, industrielle Datenräume und modulare Architekturen neue Möglichkeiten für flexible Produktionskonzepte schaffen.

mehr...

Praxisforum für die Produktion

IT/OT Integration Summit

Die Digitalisierung der Produktion ist längst kein Zukunftsthema mehr – sie passiert genau dort, wo IT und OT aufeinandertreffen. Doch wie gelingt diese Integration in der Praxis? Genau darauf gibt der IT/OT Integration Summit am 24. Juni 2026 in...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren