Wirtschaft + Unternehmen

Visionen prägen die industrielle Zukunft

Die einen behaupten, Deutschland gingen die Innovatoren aus. Andere scheren sich gar nicht um solche Befürchtungen und sind frisch-fröhlich am Werk. Die dritte Gruppe prägt mit ihren Gedanken den Weg in die Zukunft. Hier die Visionen von Prominenten, von Vordenkern, von Wissenschaftlern, von Managern, von Führungskräften ¿ von Menschen, die es vielleicht wissen könnten . . .?

Roman Herzog, ehemaliger Bundespräsident: Wenn ich versuche, mir Deutschland im Jahre 2020 vorzustellen, dann denke ich an ein Land, das sich von dem heutigen doch wesentlich unterscheidet. Und mit Blick auf die Arbeitswelt wäre es ein Ziel, eine Gesellschaft anzustreben, die nicht mehr wie heute strikt in Arbeitsplatzbesitzer und Menschen ohne Arbeit geteilt ist. Arbeit wird in Zukunft anders sein: Neue, wissensgestützte Berufe werden unqualifizierte Jobs verdrängen, und es wird mehr Dienstleistungen als industrielle Arbeit geben. Statt Lebensarbeitsplätzen wird es mehr Mobilität und mehr Flexibilität geben, auch zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Und zum Weltmarkt: . . . Die Globalisierung hat auch einen Weltmarkt der Ideen geschaffen, und dieser Markt steht auch für uns offen. So haben die Amerikaner nicht versucht, den Wandel aufzuhalten, sondern sie haben sich an die Spitze des Wandels gesetzt: durch Förderung von Forschung und Technologie, durch Deregulierung, durch den Aufbau einer Infrastruktur für das Informationszeitalter. Ein neues, wissensgestütztes Wachstum wurde zur Quelle für Millionen neuer Arbeitsplätze. Auch wir müssen rein in die Zukunftstechnologien, rein in die Biotechnik, die Informationstechnologie. Ein großes, globales Rennen hat begonnen: Die Weltmärkte werden neu verteilt, ebenso die Chancen auf Wohlstand im 21. Jahrhundert. Wir müssen jetzt eine Aufholjagd starten.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Warnecke, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft: Den Wald vor lauter Bäumen erkennt man nur, wenn man Distanz zu den Bäumen schafft. Doch wie geht das in Zeiten, in denen Bäume schneller wachsen, als man sich davon entfernen kann? In wenigen Jahren verdoppelt sich heute das Wissen der Menschheit, das in Jahrtausenden angehäuft wurde. Keiner kann mehr mit der Wissensexplosion Schritt halten! Während das Wissen jedes Einzelnen wächst, wird er gleichzeitig immer dümmer, denn das Nichtwissen wächst noch schneller. Wissen wird zur leicht verderblichen Ware.

Das Informationszeitalter treibt uns mit seiner Datenschwemme in eine Zwickmühle: Je mehr Informationen wir ansammeln, desto unsicherer werden wir. Berge von Informationsmüll verstellen den Blick auf das Wesentliche. Es mangelt nicht an Information, sondern an Orientierung! Das zwingt uns zu paradoxem Verhalten: Wir müssen Informationen vernichten, um etwas zu verstehen. Die wahre Herausforderung der Zukunft heißt: Wie schütze ich mich vor überflüssigen Informationen?

Birgit Breuel, EXPO-Generalkommissarin, ehemalige Treuhand-Präsidentin: Mir wird oft die Frage gestellt: Wann ist der Aufbau Ost abgeschlossen? Das wird man so gar nicht mehr beantworten können. Weil der Aufbau Ost und der notwendige Wandel West vor denselben globalen Herausforderungen stehen. In diesem Globalisierungsprozess gibt es keine Schonfrist für uns. Der Fall der Mauer, die Währungsunion, die politische Union am 3. Oktober 1990, das sind nur Grundsteine für ein gemeinsames Haus, an dem wir noch lange bauen werden.

Und zur Marktwirtschaft: . . . Verbesserungen sind nicht von einem auf den anderen Tag zu bewirken. Der marktwirtschaftliche Suchprozess ist sicher ein wichtiger Motor, doch politisch muss er durch den Ausbau entsprechender Anreizsysteme und Steuerungssignale unterstützt werden. Soziale Absicherung, wirtschaftliche Anreizsysteme und Subventionen sind aber kein Ersatz für Eigenverantwortung. Keine Nation, keine Branche, keine benachteiligte Minderheit hat sich bisher durch stetige und garantierte Subventionen unabhängig und positiv entwickelt. Eine Erkenntnis, die fast alle humanitären Strömungen in eine ganz andere Richtung lenkt: Hilfe zur Selbsthilfe.

Prof. Dr. Walter F. Henning, Wissenschaftlicher Geschäftsführer der GSI: Mehr Strom und mehr Energie ¿ das wünscht sich die Gesellschaft für Schwerionenforschung GSI, um zu noch weitreichenderen Erkenntnissen zu gelangen. Um den Plan in die Tat umzusetzen, entwerfen unsere Kernphysiker derzeit das Konzept für einen ¿Höchststrombeschleuniger¿. Er soll Teilchenstrahlen auf Trab bringen, die bis zu Tausend Mal mehr Ionen enthalten als mit heutigen Anlagen erzeugbar. Gleichzeitig soll die Energie der beschleunigten Partikel um mehr als das Zehnfache wachsen.

Mit der neuen Anlage wollen wir unter anderem bohrende Fragen der aktuellen Forschung angehen. Kernmaterie: Welche Kraft hält die Nukleonen im Kern zusammen? Wie verhalten sich Kerne an den Grenzen der Stabilität? Wie schwer sind die schwersten chemischen Elemente? Nukleare Astrophysik: Wie funktioniert der ¿Elementkochtopf¿ bei einem Supernova-Ausbruch? Was passiert mit der Kernmaterie in extrem dichten Neutronensternen? Standardmodell: Zeigen sich beim Zerfall ungewöhnlicher Kerne womöglich Phänomene, die mit der herkömmlichen Physik des Standardmodells nicht zu verstehen sind? Plasmaphysik: Taugt ein Schwerionenbeschleuniger als Grundlage für ein Fusionskraftwerk?

Prof. Klaus-Dieter Vöhringer, Mitglied des DaimlerChrysler-Vorstands: Markterfolg auf Dauer zu sichern, heißt, sich von seine Wettbewerbern in eindeutiger Wei- se zu differenzieren, also Produkte unverwechselbar und in einer Weise begehrenswert zu machen, der kein anderer Hersteller entsprechen kann. Wir setzen voll auf Differenzierung durch Innovation. Deshalb ist eines unserer Arbeitsgebiete noch Vision, doch wir sehen es als Ziel: Wir wollen den unfallfreien Straßenverkehr!

Wir glauben, dass in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren die fahrzeugbedingten Verkehrsunfälle aufgrund unserer Arbeiten drastisch zurückgehen werden. Dazu benötigen wir extrem hohe Rechengeschwindigkeiten und effiziente Algorithmen. Einige dieser Systeme sind: Die elektronische Knautschzone, mit der ein Fahrzeug gebremst wird, wenn es einem vorausfahrenden zu nahe kommt und der Fahrer nicht reagiert. Der ¿Lane Departure Warner¿ verhindert einen unbeabsichtigten Spurwechsel auf der Autobahn. Mit dem Projekt ¿PASS¿ wird die zentimetergenaue Positionsbestimmung auf der Straße möglich, ein Weg zur Unfallvermeidung. Mit ¿Night Vision¿ wird die Sicht bei Regen, Nebel und Gegenlicht erheblich verbessert. Der Fußgängerassistent merkt zuverlässiger als der Fahrer, ob sich beim Rechtsabbiegen noch Fußgänger oder Radfahrer von der Seite nähern. Das Fahren mit dem Joystick anstelle des Lenkrads bringt Sicherheit durch schnelleres Reagieren des Fahrers. Und der Bremsassistent ist schon am Markt, er baut schnellstmöglich die maximale Bremskraft auf.

Matthias Horx, Leiter eines Zukunftsforschungs-Instituts, Leiter der Future Company: In den Zukunftsvisionen der 60er Jahre wurde gegen Umweltprobleme über jede Stadt eine Glaskuppel gezogen oder das Ganze stracks unter die Erdoberfläche verlegt. Heute heißen die Varianten des Technikrausches intelligentes Haus, automatische Schlafmaschinen, intelligente Tapeten, Vollbildschirme statt Wänden, Multimedia-Gadget-Computer am Handgelenk, Wohnzimmer als Cyberstudio... Aber, nicht nur Bill Gates¿ Erfahrungen mit seinem cybertronischen Haushalt können uns beim Traum von der allgegenwärtigen Vollautomatik nachdenklich machen. Ist es wirklich eine einleuchtende ¿Vision¿, in jedem Zimmer das Licht automatisch an- und ausgehen zu lassen und sofort sein Lieblingsbild auf der Wand erscheinen zu sehen? Wird jeder von uns ein Satellitenhandy, einen Cyberraum und ein Partner-Tamagotchi zu Hause haben? Wie viele Gadgets passen noch in unser tägliches Leben, bevor wir vor lauter Fehlfunktionen und Bedienungsanweisungsfrust aus dem Fenster springen?

Eine zentrale Evolutionslinie der Technik wird deshalb in Richtung einer erhöhten Unsichtbarkeit und Integration gehen. Die Devise heißt: Einfachheit, Abrüstung von Funktionen, Eleganz der Bedienung. Dagegen sind unsere heutigen Geräte mit ihrem Klingeln, Piepen und Nichtfunktionieren einfach nur primitive Rohlinge. Ein Schnurlos-Telefon mit 89 Seiten Bedienungsanweisung wird in 50 Jahren als abschreckendes Beispiel für Terrortechnik im Museum stehen!

Dr. Volker Liebig, MST Aerospace, Programmdirektor Raumfahrt: Seit Beste-hen der Technologietransfer-Initiative des Raumfahrtmanagements des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) vermittelte unser Haus zahlreiche Kontakte zwischen Raumfahrtfirmen und Unternehmen anderer Branchen. Die Zwischenbilanz zeigt, dass innovative Technologien aus der Raumfahrt in zahlreichen industriellen Branchen Anwendungen gefunden haben, die mit erheblichen Umsätzen für die Industrie verbunden sind. Dem erfolgreichen Technologietransfer kommt auch in Zukunft eine entscheidende Rolle zu. Es geht darum, den Nutzen der Raumfahrtförderung zu vervielfachen.
Ron Sommer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom: So viele Überraschungen das neue Jahrhundert auch für uns bereithalten wird, es wird eine Ära der Telekommunikation sein. Weltumspannende Netze und immer intelligentere Telekommunikationsdienste ermöglichen den Zugriff auf Informationen und den Informationsfluss an nahezu jeden Ort. Das setzt der Kreativität und Fantasie kaum noch Grenzen.

Die Möglichkeiten der Telekommunikation werden in der Arbeitswelt zu einer grundlegenden Veränderung der vorhandenen Strukturen führen. Ich habe keinen Zweifel: Die Arbeitsformen der Zukunft werden Telekooperation und Telearbeit sein. Die Pendlerströme werden durch die unterschiedlichen Formen des Teleworking wesentlich entzerrt. Gleichzeitig steigt die Produktivität der Arbeitsteams, weil die Unternehmen das Know-how von Mitarbeitern und externen Spezialisten flexibel zusammenführen können. Am Ende dieser Entwicklung stehen virtuelle Unternehmen, die ihre Aktivitäten auf Telekommunikationsnetze und maßgeschneiderte Telekommunikationsdienstleistungen stützen.

Barbara Sichtermann, freie Publizistin, ehemalige Fernsehkritikerin: In den USA, wo Fernsehen von Anfang an durch Werbung finanziert wurde, ist der Fernseher schon lange eine flimmernde Nebensache. Hierzulande geht es mit dem ¿Abstieg¿ erst richtig los. Das tendenzielle Überangebot, welches die 999 Kanäle des digitalen Zeitalters bereithalten, entwertet das Fernsehen nochmals. Die ¿Lagerfeuerfunktion¿, das pure Vorhandensein einer Licht- und Geräuschquelle, das wird wichtiger als das Programm.
Prof. Dr. Erich Staudt, Vorstandsvorsitzender des Instituts für angewandte Innovationsforschung: Die ¿Green-Card¿ brachte es ans Licht: Deutschland gehen die Innovatoren aus! Es fehlen nicht nur ein paar Akademiker aus der Informatik. Das Defizit an kompetenten Fachkräften behindert die zukünftige Entwicklung der deutschen Wirtschaft in aller Breite. Der Anwendungsstau neuer Technologien nimmt zu und blockiert die Entwicklungsdynamik.

Angesichts vergleichbarer Entwicklungen in nahezu allen hochentwickelten Industrienationen ist es aber naiv anzunehmen, man könne diese Mangelsituation durch erhöhte Zuwanderung in den Griff bekommen. Die Zahl der überhaupt rekrutierbaren Fachkräfte ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Es tröstet wenig, dass nicht nur Deutschland die Innovatoren ausgehen. Wenn wir zur Erhaltung unseres Wohlstandes weiterhin an der Spitze der globalen Entwicklungsdynamik bleiben wollen, dann ist es notwendig, die Fehlentwicklungen der Forschungs-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik zu korrigieren.

Die hier veröffentlichten Statements sind Ausschnitte aus umfangreichen Veröffentlichungen, in denen die zitierten Persönlichkeiten über die Zukunft nachdachten. Chefredakteur Dieter Capelle stellte das zusammen, was ihm für die industrielle Entwicklung am Wichtigsten schien. Die Visionen beschäftigen sich deshalb mit den Themen Wirtschaftspolitik, Arbeitsumfeld, Neue Medien, globale Denkansätze ¿ und natürlich Technik.

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