Der Engpass sitzt im System
Woran scheitert die Transformation der Industrie?
Deutschlands Industrie steckt mitten im Umbau. Digitalisierung und Dekarbonisierung verändern Produktionsstrukturen, Geschäftsmodelle und Arbeit – tiefgreifend und spürbar. Doch während der Wandel vielerorts als zu langsam, zu zäh oder gar blockiert beschrieben wird, zeigt eine neue Studie des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München): Das Problem liegt weniger bei den Menschen als bei den Organisationen, in denen sie arbeiten.
Die Studie basiert auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 4.000 Beschäftigten sowie vertiefenden Fallstudien in zentralen Branchen. Gefördert wurde sie von der Hans-Böckler-Stiftung. Der Blick richtet sich konsequent auf die Transformation aus Sicht der Beschäftigten – und liefert ein Bild, das mit gängigen Erzählungen bricht.
Wandel in der Industrie ist längst Realität
Denn der Wandel ist längst Realität. Rund die Hälfte der Befragten berichtet von einer hohen oder sehr hohen Veränderungsdynamik in ihrer Arbeit. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Automobilindustrie, in der Informations- und Kommunikationsbranche, bei Finanzdienstleistungen sowie in der Energieversorgung. Transformation ist hier kein Schlagwort, sondern Alltag.
Anders als oft behauptet, stoßen diese Veränderungen jedoch nicht auf grundsätzliche Ablehnung. Nur 15 Prozent derjenigen, die Transformation konkret erleben, verbinden sie vor allem mit Risiken. Die Mehrheit bewertet den Wandel ambivalent oder erkennt persönliche Chancen. „Die Beschäftigten nehmen die Transformation realistisch wahr – weder unkritisch noch grundsätzlich ablehnend“, sagt Thomas Lühr vom ISF München.
Was begünsitgt Innovationsstau in Unternehmen?
Wenn es dennoch hakt, liegt das aus Sicht der Autoren nicht an einer angeblichen „German Angst“, sondern an der Art und Weise, wie Unternehmen den Wandel organisieren. Die Studie identifiziert drei Mechanismen, die einen organisationalen Innovationsstau begünstigen.
Erstens scheitert die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle häufig an internen Machtkonflikten. Etablierte Geschäftsbereiche sichern ihre Position, Ressourcen bleiben gebunden, politische Abhängigkeiten bremsen Neues aus.
Zweitens werden moderne Arbeitsformen wie agile Organisationsansätze zwar eingeführt, kollidieren aber mit fortbestehenden bürokratischen Steuerungslogiken. Die neue Arbeitswelt wird ausgerufen, die alte bleibt wirksam.
Drittens fehlt es vielen Unternehmen an einer klaren strategischen Orientierung, die Beschäftigten verlässliche Perspektiven für Qualifizierung und berufliche Entwicklung eröffnet.
Damit rücken die Befunde gängige Krisendiagnosen in ein anderes Licht. Verweise auf hohe Standortkosten oder auf Akzeptanzprobleme in den Belegschaften greifen zu kurz. Entscheidend seien auch Defizite in der Steuerung und Koordination betrieblicher Transformationsprozesse. „Viele Unternehmen bearbeiten den Übergang in eine neue industrielle Produktionsweise noch mit Steuerungslogiken aus der alten Welt“, erklärt Andreas Boes. „Das führt zu widersprüchlichen Erfahrungen, Reibungsverlusten und blockiert Innovationspotenziale.“
Die Konsequenz: Ein Perspektivenwechsel sei nötig. Die verbreitete Analyse, wonach die Transformation an der fehlenden Veränderungsbereitschaft der Beschäftigten scheitere, hält den empirischen Befunden nicht stand. Im Gegenteil: Die Studie zeigt eine Belegschaft, die bereit ist, neue Wege zu gehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Darauf, so das Fazit, könnte eine echte Vorwärtsstrategie der Unternehmen aufbauen.









