Interview mit Samuel Greising
Der lange Weg zum App-Store
Die Open Industry 4.0 Alliance arbeitet seit Anfang 2021 an einem App-Store für die Automation. Zum 01.12.2022 übernahm die Firma Flecs die Leitung der entsprechenden Arbeitsgruppe "Application Management". Im Interview mit Meinrad Happacher erläutert Samuel Greising die Roadmap der Arbeitsgruppe.
Herr Greising, die Firma Flecs ist ja noch ein sehr junges und kleines Unternehmen. Was sind denn die Gründe, dass die Open Industry 4.0 Alliance, kurz OI4, nun Sie mit der Leitung einer solch wichtigen Arbeitsgruppe betraut?
Samuel Greising: Wir haben im Spätsommer 2022 angefangen zu sondieren und relativ schnell festgestellt, dass sich unsere Ansichten stark überschneiden. Dazu gehört vor allem ein offener und transparenter Prozess und der Austausch mit anderen Plattformen und Unternehmen. Zudem haben wir mit Flecs bereits einen großen Erfahrungsschatz zum Thema App Marketplace für die Industrie und der Bereitstellung dieser Software auf SPSen oder IndustriePCs sammeln können. Diese Erfahrungen wollten wir gerne in die Arbeitsgruppe einbringen. So kam es im Herbst 2022 dazu, dass Ricardo Dunkel, der die Arbeitsgruppe interimsmäßig leitete, aktiv auf uns zuging und fragte, ob wir uns eine OI4 Mitgliedschaft mit gleichzeitiger Übernahme der Leitung der "Application Management" Arbeitsgruppe vorstellen könnten. Auf der SPS im November haben wir dies dann per Handschlag besiegelt. Die OI4 konnte in letzter Zeit gute Erfahrungen mit dem Drive und Pragmatismus junger Unternehmen in ihren eigenen Reihen machen. Das ist gleichzeitig auch die Erwartungshaltung an uns: Es sollen schneller verwendbare Ergebnisse erzeugt werden, die dann nach außen kommunizierbar sind. Seit Januar 2023 leiten wir deshalb zusammen mit der Firma Heisenware die Arbeitsgruppe.
Ursprünglich wollte die OI4 ja einen Community Store generieren, in dem alle Mitglieder ihre Apps zur Verfügung stellen. Was ist aus diesen Plänen geworden?
Aus den Plänen ist mittlerweile eine benutzbare Plattform geworden, auf welcher OI4-Mitglieder ihre Apps verproben können. Während des OI4 Knowledge Camps im Februar bei Multivac konnten wir live demonstrieren, wie ein App-Anbieter seine App dort publizieren kann. Dasselbe haben wir dann für den Flecs Marketplace und den Siemens Industrial Edge Store durchgespielt. Daraus konnten wir ableiten, was die Gemeinsamkeiten sind und wo die Unterschiede liegen. In der Gruppe waren Gerätehersteller, App-Anbieter, Store-Betreiber und Endanwender. Jeder konnte seine Sicht darlegen, und das ist auch auf erstaunlich offene Art und Weise passiert. Das hat mich selbst positiv überrascht. Das entspricht auch ganz unseren eigenen Firmenzielen: Der Anwender soll sich für die beste Lösung frei entscheiden können. Mit Hilfe offener Standards werden wir es schaffen, offene Lösungen zu generieren, die es erlauben, die beste Lösung aus einem vielfältigen Angebot auszuwählen.
Sie sprechen davon, wie App-Anbieter Multi-Plattform Apps anbieten können. Bedeutet das, dass Sie nicht davon ausgehen, dass es nur ein paar wenige Stores für die Branche geben wird.
Selbst wenn es nur wenige Stores gibt, muss die Reibung für die App-Anbieter minimal sein. Ansonsten ist es für sie nicht interessant ihre Lösung dort anzubieten. Im Bereich der Mobile-Apps schimpfen die meisten Entwickler schon darüber, dass sie für iOS und Android publizieren müssen. Was wir momentan erleben, ist vielleicht ein Überschwinger, was die Anzahl der Stores betrifft. Es erinnert mich manchmal an die Mitte der 2010er mit den IIoT-Plattformen. Damals gab es auch die Überzeugung, dass sich am Ende nur ein bis zwei Plattformen durchsetzen werden. Tatsächlich ist das nicht so eingetroffen. Es gibt keine dominante Plattform. Einige laufen richtig gut, andere mussten die Türen schließen, wieder andere sind in eine Nische abgedriftet. Daher spekulieren wir nicht mit dem, was möglicherweise in Zukunft geschieht, sondern versuchen die aktuelle Situation so gut wie möglich zu erfassen und schnell direkt Werte – Stichwort "Time-to-value" – zu schaffen.
Wie sieht die Roadmap der Arbeitsgruppe für 2023 aus?
Auf Basis der letzten Workshops veröffentlichen wir eine Empfehlung für App-Anbieter, wie sie ihre Apps aufbereiten können, um möglichst einfach Zugang zu den Stores der OI4-Mitglieder zu bekommen. Im zweiten Schritt wollen wir neben dem OI4 Community Store weitere Sandbox Stores aufbauen. Das sind isolierte Stores der jeweiligen Betreiber, an welchen neue Apps verprobt werden können. Wenn ein App-Anbieter möchte, kann er heute schon erste Schritte im Rahmen einer 30-Tage-Evaluierung von Flecs wagen. Sobald das steht, wollen wir aktiv auf App-Anbieter zugehen und sie zum Mitmachen animieren. Das wird dann rund um die SPS 2023 stattfinden.
Bis wann rechnen Sie mit welchen konkreten Ergebnissen?
Die ersten konkreten Ergebnisse sind bereits in Form eines App-Manifests erschienen. Jetzt gilt es, das weiter zu verfeinern und die Sandbox Stores voranzutreiben. Hier rechne ich mit konkreten Ergebnissen noch vor der Sommerpause. Das brauchen wir auch, um dann im November auf der SPS die Call-To-Actions für die App-Anbieter bewerben zu können.









